HAUPTPARTNER*INNEN:

Geschichten zum Jubiläum

Vor 100 Jahren öffnete der Pfauen als modernes Sprechtheater seine Türen. Seither haben Generationen von Künstler*innen, Theatermacher*innen und Zuschauer*innen diesen Ort geprägt.

Zum Jubiläum begeben wir uns auf Spurensuche: nach Menschen und Begegnungen, nach Ritualen und Traditionen, nach dem Unbewussten und Unausgesprochenen, das ein Theater über Generationen hinweg begleitet. Dabei kommen auch Menschen zu Wort, die sich dem Schauspielhaus und seiner Geschichte auf besondere Weise verbunden fühlen: Zeitzeug*innen und Nachfahr*innen, Wegbegleiter*innen ebenso wie Autor*innen und Expert*innen, die sich mit der Vergangenheit beschäftigt haben.

Gemeinsam mit ihnen öffnen wir den Blick auf Bekanntes und weniger Bekanntes, auf persönliche Erinnerungen und historische Zusammenhänge. Entdecken Sie Geschichten, die das Schauspielhaus geprägt haben – und die darauf warten, neu erzählt und wiederentdeckt zu werden.

03.09.2026 Die Baugeschichte des Pfauen. Nr.1: Vom Gasthof zum Schauspielhaus

Wo heute die Rämistrasse auf den Heimplatz trifft, stand 1837 noch ein einfacher Gasthof mit dem Namen «Zum Pfauen», zu dem sich sehr bald Kegelbahnen, Biergärten und ein bescheidener Sängersaal gesellten – Vergnügungsstätten für ein wachsendes Hottingen, das damals noch eine eigenständige Landgemeinde vor den Toren Zürichs war. Über Jahrzehnte wechselten Besitzer und Nutzung, bis der umtriebige Wirt Heinrich Hürlimann 1884 mit dem «Flora-Theater» aus dem Konglomerat kleiner Bauten erstmals eine feste Bühne schuf.

Den grossen Wurf lieferten schliesslich die Architekten Alfred Chiodera und Theophil Tschudy: 1888/89 entstand das «Volkstheater zum Pfauen», ein stattlicher historistischer Gebäudeblock mit Kuppelsaal für 800 Zuschauer – bis heute eine der frühen, weitgehend intakten Arealüberbauungen Zürichs. Schon um 1900 folgten erste Eingriffe an Bühne und Bühnentechnik; weitergehende Projekte liessen sich zunächst nicht verwirklichen. Sie scheiterten allesamt an den Kosten oder am fehlenden Bauland hinter der Bühne. Erst als sich die Genossenschaft Pfauen 1923 unter der Verwaltungsdirektion von Ferdinand Rieser weitere umliegende Grundstücke sichern konnte, war der Weg frei.

Pfauensaal nach 1926 © Baugeschichtliches Archiv, Schmelhaus Franz

Als 1926 der Pachtvertrag zwischen dem Stadttheater (dem heutigen Opernhaus) und der Pfauengenossenschaft auslief und nicht verlängert wurde, übernahm Ferdinand Rieser das Theater in eigener Regie. Rieser wusste, dass ihm dazu vor allem eines fehlte: Publikum. Bis anhin hatten diverse Unzulänglichkeiten des Hauses selbst enthusiastische Theaterbesucher*innen abgeschreckt, und so liess der neue Inhaber das Gebäude von Grund auf sanieren. Was Architekt Otto Pfleghard daraufhin 1925/26 vollbrachte, war weit mehr als eine Renovation: Es war die eigentliche Geburtsstunde des «Schauspielhauses», wie wir es kennen. In knapp einem halben Jahr, von April bis Oktober 1926, wurde schwer am Pfauenkomplex gearbeitet: Hinter der Bühne verschwand fast alles, was noch aus früheren Zeiten stammte. Das Bühnenhaus wuchs auf die doppelte Fläche, Höhe und Tiefe, ein Rundhorizont und ein Regenapparat kamen hinzu, die Bühnenbeleuchtung liess sich nun bequem neben dem Souffleursitz bedienen, und selbst der Orchesterraum konnte durch Wegnahme der ersten Sitzreihe vergrössert werden. Der Pfauen war nun ein Haus, das technisch mit den grossen Bühnen Europas mithalten konnte. Im Zuschauerraum blieb einzig die Galeriebrüstung stehen, allerdings von allem dekorativen Beiwerk befreit. Störende Säulen wurden entfernt und Boden- und Deckenneigung konsequent auf die Bühne ausgerichtet. Die Überdeckung des ehemaligen Hofs und das Hinausschieben der Rückwand schufen zusätzlichen Platz und verbesserten durch die Verbindung mit den Notausgängen die Sicherheit spürbar. Das Resultat war beeindruckend: «Wie die Akustik, so hatte auch die optische Wirkung des Theatersaales bedeutend gewonnen; das Innere wurde auf den altbewährten Dreiklang von Rot, Weiss und ein wenig Gold gestimmt und erzielte im Gesamteindruck eine glückliche Harmonie zwischen Festlichkeit und wohltuender Ruhe», schrieb die Schweizerische Bauzeitung 1932 rückblickend.

Mit dem Umbau von 1926 hatte Ferdinand Rieser ein Haus geschaffen, das technisch wie atmosphärisch neue Massstäbe setzte und das dem Pfauen für die kommenden Jahrzehnte als solide Basis für den Spielbetrieb diente. Doch die Baugeschichte des Pfauenkomplexes war damit noch längst nicht zu Ende erzählt. Bald schon stellten sich neue Ansprüche an Bühne und Haus. In den 1960er-Jahren wurde gar über einen kompletten Neubau diskutiert. Was daraus wurde, erzählen wir im nächsten Beitrag dieser Reihe.

27.08.2026 Die Riesers

Marianne und Ferdinand Rieser

Als Ferdinand Rieser 1926 das Theater am Pfauen übernimmt, ist er zunächst vor allem eines: ein erfolgreicher Geschäftsmann. 1886 als Sohn einer jüdischen Familie in Riesbach geboren, hatte er nach dem frühen Tod seines Vaters dessen Wein- und Spirituosenhandlung übernommen und diese in ein florierendes Unternehmen verwandelt. Die Gewinne hatte er schon Anfang der 1920er-Jahre unter anderem dafür genutzt, Anteile an der Pfauen-Genossenschaft zu erwerben. Gemeinsam mit seinem Bruder Siegfried wird er bereits 1922 Mehrheitseigner des Hauses. Als 1926 der Pachtvertrag für den Pfauen mit dem Opernhaus ausläuft, nutzt der Geschäftsmann Rieser die Gelegenheit für die nächste grosse Unternehmung: in Zürich ein selbständiges und modernes Sprechtheater zu etablieren.

Marianne Werfel, ursprünglich aus Prag, heiratet Rieser 1924. Sie ist die Schwester des Schriftstellers Franz Werfel und Tochter eines jüdischen Handschuhfabrikanten. Doch Marianne ist weit mehr als eine elegante Direktorengattin. Literarisch gebildet, eigenwillig und mit sicherem Gespür für die Bühne, wird sie am Pfauen zur Co-Direktorin, Dramaturgin und künstlerischen Mitgestalterin. Sie schreibt Stücke, entwirft Kostüme, gestaltet das Programm mit und steht hier und da sogar selbst auf der Bühne.

Gemeinsam stehen die Riesers vor einer schwierigen Aufgabe: Ihr Schauspielhaus ist sowohl künstlerisch als auch finanziell unabhängig und muss sich wirtschaftlich selbst tragen. Lustspiele sollen das Publikum anlocken, gleichzeitig braucht es Abwechslung und immer neue Produktionen. Allein in der ersten Spielzeit stehen 43 Premieren und 56 Gastspiele auf dem Programm. Der Pfauen ist ein Unternehmen, aber zunehmend auch ein Ort künstlerischer Experimente.

Anfang der 1930er-Jahre verändert sich die politische Lage Europas. Nach Hitlers Machtübernahme 1933 wird der Pfauen zum Zufluchtsort für Künstler*innen. Die Riesers engagieren jüdische und politisch verfolgte Schauspieler*innen, Regisseur*innen und Dramaturg*innen – unter ihnen Gustav Hartung, Kurt Hirschfeld, Leopold Lindtberg, Kurt Horwitz und Therese Giehse. Manche finden bei den Riesers sogar privat Unterschlupf. Der Pfauen positioniert sich damit antifaschistisch und begründet seinen späteren Ruf als legendäres «Emigrantentheater».

Mit diesem Kurs gerät das Haus zunehmend unter Druck. 1934 sorgt Friedrich Wolfs ursprünglich «Professor Mamlock» betiteltes Stück gegen den Nationalsozialismus, das am Schauspielhaus Zürich unter dem Titel «Professor Mannheim» deutschsprachig uraufgeführt wird, für einen Triumph – und für heftige Reaktionen. Deutsche Spitzel beobachten das Theater, die Nationale Front bedroht das Haus, einzelne Vorstellungen finden unter Polizeischutz statt. Doch die Kritik kommt auch aus der Schweiz: Der Schweizerische Schriftstellerverband bezeichnet den Pfauen als «unschweizerisch» und fordert mehr einheimische Stücke. Selbst der junge Max Frisch äussert sich skeptisch.

Die Riesers geraten damit zwischen die Fronten: zwischen Kunst und Geschäft, zwischen politischer Haltung und staatlichem Druck. 1938 geben sie schliesslich dem wachsenden Druck nach und emigrieren in die USA.

Ferdinand Rieser bleibt eine widersprüchliche Figur. Für die einen ist er ein knallharter Geschäftsmann und «Kapitalist, Geizhals!», für die anderen ein Mann, der verfolgten Künstler*innen das Leben rettet. 1947 kehrt er nach Zürich zurück. Kurz darauf stirbt er, 61-jährig, unter bis heute nicht restlos geklärten Umständen – gestürzt über ein Kellergeländer, nachdem er zuvor Drohbriefe erhalten hatte.

Bei seiner Beerdigung im strömenden Regen fehlen Vertreter des Schauspielhauses und der Stadt. Erst Tage später würdigt die NZZ die Bedeutung seiner Ära: Die «zwölf Jahre Rieser» seien längst «theatergeschichtliche Wirklichkeit» für Zürich und würden es bleiben.

So machten die Riesers aus dem einstigen Varietétheater eines der bedeutendsten deutschsprachigen Bühnenhäuser ihrer Zeit.

20.08.2026 100 Jahre Pfauenbühne: Vom Varieté zur Weltbühne

Rämistrasse ca. 1935 © Baugeschichtliches Archiv, Macher Ludwig

Wer heute den Pfauensaal betritt, würde kaum vermuten, dass hier einst gekegelt wurde. Um die Jahrhundertwende stand an dieser Stelle das «Volkstheater zum Pfauen», ein Varieté mit Biergarten und Kegelbahn – ein Vergnügungsbetrieb, der mit wechselnden Besitzern und finanziellen Nöten kämpfte, bevor der Pfauen zur Nebenbühne des Stadttheaters am See, dem heutigen Opernhaus Zürich, wurde.

1926 übernahm der Zürcher Weinhändler Ferdinand Rieser das Haus, liess den Zuschauerraum vergrössern und die Bühne zu einer modernen Guckkastenbühne umbauen, die bis heute das Herzstück des Hauses bildet. Vor allem aber gewann das Theater am Heimplatz unter Rieser seine künstlerische und finanzielle Selbständigkeit. Aus dem Vergnügungsort wurde das Schauspielhaus Zürich – eine der bedeutendsten Bühnen für modernes Sprechtheater im deutschsprachigen Raum.

Und heute? Die Kegelbahn ist längst vergessen, die Guckkastenbühne von 1926 steht noch immer, und das Schauspielhaus hat seine Aufgabe nicht vergessen: einen Raum zu schaffen, in dem sich das Schauspiel «völlig frei und ungehemmt entfalten kann unter einer Leitung, die einzig dem Schauspiel ihre Kraft widmet». So hatte es der Vorstand des Zürcher Theatervereins im September 1926 zur Eröffnung der neuen Spielzeit formuliert. Mit der Spielzeit 2026/27 feiern wir 100-jähriges Jubiläum und erinnern an die bewegte Geschichte dieses Hauses.