Ein Interview mit Mouataz Alshaltouh
Mouataz Alshaltouh, 1998 in Syrien geboren, floh 2015 aus seiner Heimat und machte sich zu Fuss auf den Weg von Syrien nach Hamburg. Dort ging er zur Schule und sammelte im Jugendclub des Ernst Deutsch Theaters erste Bühnenerfahrungen. Anschliessend studierte er an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Seit der Spielzeit 2025/26 gehört er zum Ensemble des Schauspielhaus Zürich.
Das Interview führte Lukas Rathjen, Dramaturgieassistent am Schauspielhaus Zürich.
Mouataz Alshaltouh, Alexander Angeletta © Krafft Angerer
LUKAS RATHJEN
Mouataz, du bist in Syrien geboren, hast in Hamburg gelebt und in Berlin studiert und arbeitest heute in Zürich. Magst du uns erzählen, welche Stationen dich auf deinem Weg hierher geprägt haben und wie du schliesslich in Zürich angekommen bist?
MOUATAZ ALSHALTOUH
Ich glaube, alle Stationen haben mich bis hierher geprägt. Also besonders Hamburg, man hört es, ich sage immer noch «Moin», egal wo ich bin. Das kriegt man nicht mehr raus. Und weil ich in Berlin studiert habe, war Berlin auch so eine krasse Station für mich. Ich habe da sehr viel gelernt, auch über Kunst, über Exil und auch über West- und Ost-Berlin und über Menschen, die im eigenen Land geflüchtet sind, also vom Osten in den Westen. Und ich glaube, damit habe ich mich sehr viel beschäftigt, weil ich selber geflüchtet bin. Da habe ich plötzlich Wörter gefunden, die in einer Fluchtsituation von deutschen Menschen für deutsche Menschen geschrieben wurden und die ich selber benutzen kann. Das war cool.
LUKAS RATHJEN
Welche Wörter waren das zum Beispiel?
MOUATAZ ALSHALTOUH
Es gibt zum Beispiel diese ganzen Exilgedichte, die DDR-Gedichte, die ein bisschen verpackter sind und die gegen die Stasi oder gegen das Regime gerichtet waren, aber diese Kritik eben in Kunst verpacken. Oder auch Bertolt Brecht, ich mag seine Exilgedichte aus den 1930er-Jahren wahnsinnig gern. Besonders die, die er geschrieben hat, als er in Dänemark war. «Über die Bezeichnung Emigranten» oder «Schlechte Zeit für Lyrik». Das ist auch sehr cool. Mir hat sich da dann die Frage gestellt, wann ist die Zeit eigentlich schlecht für Lyrik? Und ich habe gedacht, die beste Zeit für Lyrik ist eigentlich, wenn man auf der Flucht ist.
LUKAS RATHJEN
Wir haben seit dieser Spielzeit eine neue Veranstaltungsreihe: KUNST ALS EXIL. In dieser Reihe fragen wir uns unter anderem, ob Kunst ein Ort sein kann, an dem Menschen neue Perspektiven, Freiheit, aber auch Zugehörigkeit erfahren. Welche Bedeutung hat die Kunst für Dich persönlich und inwiefern verbindest du deine Kunst – das Schauspielen – mit Fragen des Exils, der Heimat oder der Flucht?
MOUATAZ ALSHALTOUH
Manchmal denke ich, in der Kunst, in dieser Bubble, da flüchten alle irgendwie vor irgendwas. Ein Kollege von mir hat mal gesagt: Wir sind alle Flüchtlinge vor dieser Wahrheit. Und manchmal ist es wirklich so, wir fliehen vor unserer eigenen Wahrheit. Deswegen treffen wir uns alle da und ich habe das Gefühl, unsere Zugehörigkeit als Künstler*innen liegt in unserer Unzugehörigkeit. Weil wir uns eben manchmal nicht zugehörig fühlen in der Stadt oder in der eigenen Familie oder der eigenen Geschichte. Und dann sind wir als Künstler*innen unterwegs und man fühlt sich zugehörig. Das Schauspiel generell, das gibt einem so eine Sicherheit, weil all deine Kolleg*innenirgendeine Geschichte haben. Und alle wollen irgendwas erzählen und dann treffen wir uns halt da in der Mitte und das ist echt schön. Es ist sehr inspirierend, was die Menschen mitbringen. Die einen haben in einem anderen Leben einen Doktortitel gemacht und waren Chemiker*innen oder Lehrer*innen oder so. Und dann kommen sie ans Theater und werden zum Beispiel Kostümbildner*innen. Das fasziniert mich. Ich lerne sehr viel davon. Ich liebe es von fremden Menschen zu lernen. Weil dieser Prozess ist … ich glaube, das ist unsere Zugehörigkeit, dass wir diesen Prozess zusammen durchgehen, auch mit der Regie und all den anderen, die dazugehören.
LUKAS RATHJEN
Deine erste Rolle in Zürich war in BLÖSCH. Eine Romanbearbeitung, die stark von der Schweiz in ihrer Sprache und Lebenswelt geprägt ist. Wie hast du diese erste Begegnung mit dem Schweizer Theater und dem Kulturkontext hier erlebt? Gab es etwas, das dir besonders vertraut oder überraschend fremd war?
MOUATAZ ALSHALTOUH
Ich glaube, es war erstmal alles fremd. Es war ein bisschen wie meine erste Probe. Ich erinnere mich sehr gut daran. Ich bin zu spät eingestiegen, weil ich noch woanders engagiert war. Das war dann wie eine Klatsche, weil ich niemanden kannte, wirklich absolut niemanden. Nur Rafi [Rafael Sanchez] kannte ich persönlich. Ich war dann erstmal damit beschäftigt, mir die Namen zu merken. Und dann kam die Leseprobe. Ich hatte den Text schon vorher bekommen. Und weil meine Rolle Hochdeutsch spricht, habe ich nur das gelesen, was in Hochdeutsch war. Alles andere habe ich nicht gelesen, auch weil ich dachte, das sei die Regieanweisung. Auf der Probe musste ich dann feststellen, dass das keine Regieanweisung war, sondern der Text von meinen Schweizer Kolleg*innen, zum Beispiel von Michael Neuenschwander oder Rahel Hubacher. Und plötzlich war da eine Welt, die ich gar nicht kannte, sei es vom Jodeln, von der Sprache, von den Kühen. Es wurde sehr viel über Kühe erzählt und das ist eine Wissenschaft für sich. Damit kannte ich mich gar nicht aus. Ich kenne mich mit Schafen aus, ja, so von meiner Kindheit, von meinem beduinischen Background her. Aber mit Kühen null, wirklich null. Es war wirklich sehr, sehr schwierig in den ersten Wochen und Tagen. Aber es war auch irgendwie richtig toll, weil, es war eine krasse Herausforderung. Und es war dieses, da ist etwas, ich muss es lernen, ich muss es knacken. Und dann muss man halt sehr viel fragen. Das hat geholfen. Ich habe meine Kolleg*innen sehr viel gefragt: Michael, Miriam [Rast], alle Schweizer*innen. Die waren mein Anker. Und ich erinnere mich sehr gut, wie mein Kollege Alexander Angeletta und ich uns an diesen Menschen festgehalten haben, weil manchmal selbst die Regie bestimmte Dinge nicht wusste, weil BLÖSCH halt sehr sprach-, sehr dialektaffin ist. Manchmal war es Berndeutsch, manchmal Berner Oberländisch. Und Walliserdeutsch gab es auch noch. Das war ein sehr intensiver Schweizerdeutsch-Kurs für mich.
LUKAS RATHJEN
Als Schauspieler arbeitest du mit Sprache und Sprache kann gleichzeitig etwas sehr Vertrautes, eine Art Heimat sein, aber auch etwas, das einem fremd ist oder in dem man sich neu orientieren muss. Bei BLÖSCH hast du gesagt, war das der Fall: Du musst dich erst einmal neu orientieren und deine Kolleg*innen helfen Dir dabei. Was bedeutet Sprache für dich in diesem Spannungsfeld zwischen Heimat und Exil? Und was bedeutet es, als Schauspieler auch immer wieder zwischen Sprachen oder Sprechweisen wechseln zu müssen? Im Oktober habt ihr die Vorpremiere von Agatha Christies DIE MAUSEFALLE − und die ist auf Englisch.
MOUATAZ ALSHALTOUH
Also ich glaube für mich als Schauspieler ist Sprache mein Handwerk oder zumindest ein Teil davon. Eigentlich ist Sprache der grösste Teil und der Rest ist dieser Körper. Aber für mich als Mensch? Ich liebe Sprachen und ich liebe es in anderen Sprachen zu sprechen oder zu hören, auch wenn ich das nicht immer verstehe. Ich liebe es, dazwischen zu sein oder dazwischen zu schwimmen. Am meisten zu Hause fühle ich mich aber eigentlich, wenn ich Deutsch sprechen darf, weil man irgendwie diese Sprache beherrschen kann. Lustigerweise fühle ich das bei Arabisch nur, wenn ich über Gedichte oder über Liebe spreche. Aber wenn ich einen Streit habe, kann ich den am besten auf Deutsch klären. Wenn ich irgendeine Rechnung machen muss, dann kann ich die auf Deutsch am besten machen. Ich schreibe auch an Geschichten und zwar auf Deutsch. Selten schreibe ich auf Arabisch, manchmal auf Englisch. Zwischen diesen Stationen zu springen, ist sehr bereichernd für mich. Manchmal ist es sehr schwer, weil man auf der einen Sprache denkt und dann spricht man die andere, aber es kann einen nur bereichern, auch das Englische. Ich habe noch nie auf Englisch gespielt, nur im Film, aber das war eine sehr kleine Rolle. Jetzt mit solch längeren Texten bei THE MOUSETRAP − ich weiß noch nicht, wie das wird, weil allein das Textlernen schon sehr schwer ist. Aber ich mag es. Und ich mag diese Challenges.
LUKAS RATHJEN
Du warst kürzlich wieder in Syrien. Wenn du zum Abschluss noch darüber sprechen möchtest, wie hast du diesen Besuch erlebt? Hat sich dadurch vielleicht etwas an deinem Blick auf Syrien, auf deine eigene Geschichte oder auf den Begriff Heimat verändert?
MOUATAZ ALSHALTOUH
Es hat sich sehr viel verändert, tatsächlich. Syrien ist gar nicht so, wie ich es einmal in meinem Kopf hatte, weil ich es zu einer Zeit verlassen habe, wo es sich komplett im Krieg befand − also 2015. Und es hat ja noch gedauert bis 2024, bis Syrien von Assad befreit wurde. Also das ist eigentlich zehn Jahre später. Und ich würde sagen, jetzt war ich der Fremde da, weil mein Zuhause, meine Gegend, die sieht gar nicht mehr so aus, wie sie mal war. Es gibt so viele neue Gebäude und es gibt so viele Trümmer und dann wurde neu gebaut und die Menschen sind weggezogen und plötzlich war ich da und ich kannte niemanden mehr. Und die Menschen gucken mich mit diesem Blick an, als ob ich der Fremde bin. Das habe ich dann auch gefühlt. Nicht nur in der Sprache, sondern in dem, was da passiert ist. Ich kann das nicht mehr teilen, was sie miteinander teilen. Sie haben zehn Jahre mehr Krieg erlebt als ich. Ich hingegen war zehn Jahre in Sicherheit. Klar, ich hatte andere Sorgen und ich hatte andere Probleme. Aber die sind nicht so existentiell. Da können wir, da kann ich mit ihnen den Schmerz nicht teilen. Nur in der Sprache komme ich teilweise mit ihnen zusammen. Ich spreche einen sehr spezifischen Dialekt aus Raka, aus dem Norden. Und immer, wenn ich in diesem Dialekt mit den Menschen spreche, dann bin ich wieder zu Hause. Und immer, wenn ich wieder Menschen sehe, die ich sehr gut kenne, dann bin ich wieder zu Hause. Aber so auf der Strasse, da habe ich mich selten zu Hause gefühlt. Auch die Art und Weise, wie wir hier sprechen, ist ganz anders. Im Deutschen sprechen wir immer sehr klar und sehr problemlösungsorientiert und wenn es ein Problem gibt, dann sitzen wir zusammen und reden miteinander. Im Arabischen müssen erstmal die Emotionen raus, müssen wir uns erstmal gegenseitig anschreien – liebevoll natürlich. Und erst danach können wir Probleme klären.
Einmal bin ich mit einem Bekannten mit dem Auto gefahren und wir waren tanken. Mein Kollege hat getankt und in Syrien ist es halt so, er tankt, er fährt und egal, ob es sein Auto ist oder deins, wir müssen uns darum streiten, wer zahlt. Egal wer am Ende zahlt, wir müssen uns streiten. Ich habe es nicht gemacht. Ich bin im Auto geblieben und dann habe ich ihn gefragt, wie viel hast du gezahlt? So und so viel, hat er gesagt, und dann wollte ich ihm Geld geben. Das war beschämend für mich. Aber ich hatte es ja vergessen. Ich habe es wirklich lange nicht mehr gemacht, weil ich mich nicht mehr streite. Er hat das dann meiner Familie erzählt und dann kam meine Oma und hat mir gesagt, «Du bist sehr europäisch geworden». Ich meinte, «Wieso?» Und dann hat sie gesagt, «weil Ahmad das Geld bezahlt hat». «Ja, aber er wollte doch zahlen, was soll ich machen?» «Nein, so geht das nicht», hat sie gesagt. Und es hat gedauert, bis ich wieder gecheckt habe, wie anders die Dinge hier funktionieren. Ich habe es dann nach einer Woche geknackt. Aber ich musste mich erst wieder umstellen. Als wir an einem anderen Tag Falafel kaufen waren, musste ich schnell das Geld rausholen, obwohl mein Freund schon an der Kasse war. Denn wir müssen uns streiten, ich muss da hingehen und Schulter an Schulter mit ihm diskutieren. Am Ende ist es egal, wer zahlt. Aber wir müssen das machen. Und irgendwie ist das für mich zu viel Stress. Für mich ist das Energie, die flöten geht. Energie, die ich behalten möchte, denn es ist eh viel zu heiß.
Und dann ist da auch so ein anderes Ding: Die sagen dir, in einer Viertelstunde sind wir da. Und dann sind zwei Stunden vergangen, niemand ist da. Du rufst sie an. Es gibt kein Internet. Es gibt kein Netz. Dafür entschuldigen sie sich nicht mal, weil das halt normal ist. Die kommen, wenn sie kommen können. Zeit spielt in Syrien keine Rolle, man kann nicht planen. Als ich Freunden gesagt habe, dass ich Termine für irgendwelche Drehtage im Dezember und im Januar bekommen habe und ich dann dies und jenes mache, da haben die nur gesagt: Digga, wir wissen nicht, ob wir morgen noch leben. Wie kannst du so weit im Voraus planen? Aber das Wort «Plan» auf Deutsch, das ist jetzt in mir drin. Egal was ich machen muss, ich muss einen Plan machen. Ganz gleich ob es um morgen oder übermorgen geht.
Ich habe das Wort auf Arabisch gesucht und dieses Wort, das heißt «Chutta». Und dieses Wort «Chutta» wird nur im militärischen oder im architektonischen Sinne benutzt. Also wenn man etwas bauen will, dann macht man einen Plan. Oder wenn man irgendeine Burg erobern muss, dann benutzt man dieses Wort. Und dann war es sehr komisch, dass ich immer dieses Wort benutzt habe. Die waren so, okay, entweder bist du ein Architekt oder ein Feldherr. Natürlich bin ich nichts von beidem. Ich möchte einfach nur wissen, wann ich morgen nach Aleppo fahren kann. Und das gibt es da halt nicht. Es gibt keine App, so wie bei uns die SBB-App. In Syrien gibt es das nicht. Du wachst auf, du frühstückst, du redest mit Deiner Oma und dann gehst du raus. In die Garage, so nennen sie das, also so eine Art Hauptbahnhof für Busse und Taxis. Und je nachdem, wie dein Glück ist, kann es sein, dass der Bus gerade abgefahren ist, wenn du ankommst, oder es kann sein, dass du ihn direkt erwischst. Die Menschen kommen einfach, bezahlen und steigen ein. Und wenn der Bus voll ist, dann fahren wir. Das kann in einer halben Stunde, in zwei, drei sein – man weiss es nicht. Wenn der voll ist, dann fahren wir los. Oder du bist halt sehr wohlhabend und dann bestellst du ein Taxi nach Aleppo. Das kostet ungefähr 50 CHF. Aber das ist für die Menschen dort sehr viel Geld. Das ist eigentlich eine Woche Arbeit. Deswegen macht das niemand. Ich habe sowas einmal gemacht und die Menschen haben mir dann gesagt, bist du verrückt? 50 CHF, dafür arbeitet man eine ganze Woche. Und in Zürich zahlst du 50 CHF im Ausgang für zwei Cocktails …