published on 24. January 2023

Jede neue Intendanz sucht ihr Publikum und enttäuscht einen grossen Teil des Publikums der vergangenen Intendanz. Besteht eine Strategie, wie neues Publikum über neue Kanäle gewonnen werden kann?

Beantwortet von Silvan Gisler, Mitorganisator des Publikumsgipfels und Teil des “Audience Development” Team:

Wir wollen, dass das Schauspielhaus ein Ort für möglichst viele ist. Wir wollen die Vielfalt der Stadt bezüglich der Menschen, die hier leben, ansprechen – und auch abbilden. Das heisst zum einen, dass wir vermehrt auch Menschen ansprechen wollen, die bisher nicht oder nicht so oft ins Theater gingen. Zum anderen aber natürlich auch, dass wir unser bisheriges treues Publikum behalten wollen. Dies kann bisweilen tatsächlich ein Spagat sein. Jeder Wechsel und jeder Wandel bedeutet natürlich auch, dass es einigen vielleicht nicht mehr so gefällt wie vorher, dass es zu Enttäuschungen kommt. Doch ist es unser Anspruch, möglichst viele auf diesem Weg mitzunehmen und Ihre Leidenschaft für unser Theater weiter brennen zu lassen. Dass dies gelingen kann, davon sind wir überzeugt. Doch das braucht auch Zeit.

Ebenso braucht es Zeit, damit ein neues und diverses Publikum in einer Vielzahl kommt. Doch wenn ich in unser Publikum blicke, dann habe ich das Gefühl, dass wir da auf einem guten Weg sind. Die Strategien dazu gibt es. Wir kommunizieren über unsere Social Media-Kanäle und publizieren eigene Beiträge über unser Online-Journal. Wichtig ist aber genauso das “weitererzählen” und die Präsenz in einzelnen Chats von verschiedenen Communities. Ebenso veranstalten wir einzelne Anlässe, welche auch ein neues Publikum ansprechen sollen: Sei es mit neuen Formaten wie der SHZ-Lesereihe oder der Musikreihe Graveyard Shift; mit Anlässen wie dem Schiffbau-Tag anfangs Spielzeit (nächste Saison gibt’s wieder einen!); mit Vermittlungsangeboten wie Doppelspiel für Kinder, während die Eltern im Theater sind, oder mit enterspaces, einem Format für und mit Stimmen und Perspektiven von BIPoC. Wichtig sind auch all die Angebote für junge Menschen wie beispielsweise die Jugendclubs oder Workshops in Schulen. Zudem versuchen wir bei jedem Theaterstück Massnahmen zu ergreifen, die zu dem Stück passen und gezielt auch Menschen auf dieses Stücke aufmerksam machen sollen. Dies geschieht im Austausch zwischen Audience Development, Dramaturgie und Künstlerischer Vermittlung Theater & Schule und kann vieles sein: Podien zu Themen des Stücks, Merchandise wie T-Shirts, öffentliche Aktionen, Blog-Beiträge etc. Ich bin überzeugt, dass es in der Stadt noch viel mehr Menschen gibt, denen unser Programm gefallen würde, die aber einfach noch nicht darüber Bescheid wissen oder bisher (fast) nie im Theater waren. Dies zu ändern und diese Menschen gezielt anzusprechen, gehört zu meinem Job. Dabei probieren wir vieles aus, manches funktioniert, manches nicht. Auch das gehört dazu.

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Vielleicht könntet ihr ja bei den Aufführungen die Zielgruppe jeweils vermerken?

Beantwortet von Rona Schauwecker, Leiterin Marketing & Kommunikation:

Wir haben tatsächlich vor, bei den Stückbeschrieben auf der Website jeweils noch zwei, drei Sätze zum Zielpublikum zu ergänzen, bzw. möchten wir an dieser Stelle beschreiben, welche Besucher*innen diese Inszenierung besonders interessieren könnte. Bereits jetzt versuchen wir die Stücktexte so zu formulieren, dass sich die Personen angesprochen fühlen, die die Inszenierung unserer Meinung nach auf keinen Fall verpassen sollten. Die jeweiligen Fotograf*innen wählen wir ebenso nach diesen Kriterien aus und gestalten auch das Rahmenprogramm rund um die Inszenierung mit dem Zielpublikum im Blick. Doch es liegt uns auch am Herzen, dass unsere Besucher*innen möglichst viele unterschiedliche Inszenierungen und Kunstformen am Schauspielhaus entdecken und sich auch immer wieder von einem Theaterabend überraschen, ja vielleicht auch mal irritieren lassen können. Unser Ziel ist es, die Besucher*innen mit unserer Kommunikation möglichst direkt zu erreichen, sie hinsichtlich Erwartungshaltungen gut zu informieren und sie damit bestmöglich auf die Inszenierungen einzustimmen.


Wie sieht es aus mit der Einbindung der GenZ? Es ist bekannt, dass junge Menschen nicht ins Theater gehen oder sich dafür interessieren.

Beantwortet von Zora Sophia Maag, Theaterpädagogin Künstlerische Vermittlung Theater & Schule:

In der Arbeit mit jungen Menschen nehme ich immer wieder wahr, dass sie Inhalte interessieren, die auf die eigenen Lebenswelten bezogen werden können. Die Gespräche und Gedanken, die zum Beispiel jeweils bei den Workshops entstehen, docken direkt in der eigenen Realität an. Darum ist es wichtig, dass jungen Menschen die Tür zum Theater offen steht. Einführungen in Stücke, Nachgespräche, Workshops und weitere Formate sollten deshalb vermehrt auf junge Menschen ausgerichtet sein und interaktiver gestaltet werden. So können nachhaltige Beziehungen hergestellt werden. Ich beobachte bei den jungen Menschen ein grosses Interesse daran, mitzugestalten und glaube, dass wir als Theater da anknüpfen sollten. Jeden zweiten Samstag im Monat findet ausserdem die Offene Bühne im Schiffbau statt und richtet sich explizit an junge Menschen. Diese ist immer ausverkauft, die Stimmung richtig toll, inspirierend und immer wieder empowerend. Wir erleben, dass junge Menschen immer öfter ins Theater kommen und sich auch Inszenierungen im Pfauen anschauen.


Was haben Sie als Agentin für Diversität aus Ihrer Sicht bewirken können?

Beantwortet von Yuvviki Dioh, Agentin für Diversität:

In erster Linie mehr Sichtbarkeit und Sensibilisierung nach innen (wie aussen) für diversitätsrelevante Fragestellungen, würde ich sagen. Sehr viele Menschen im Haus sind sich der Wichtigkeit eines diskriminierungsarmen, machtkritischen Theaterschaffens in all seinen Facetten bewusst und nehmen sich dieser Arbeit ernsthaft an. Die diversitätsorientierte Arbeit im Rahmen von Programm-, Publikums- & Personalfragen hält immer mehr Einzug, so dass wir es - meines Erachtens - immer besser verstehen, wie wir Diversitäts-Themen in unseren Arbeits- und Produktionsalltag einbetten können. Ich glaube auch, dass wir mit unserer Positionierung als zentrales Stadttheater mit dieser Funktion (Diversitäts-Agentin) ein klares und sehr wichtiges Zeichen gesetzt haben, und ich nehme uns auch als Referenz für institutionalisierte Diversitäts-Arbeit wahr: Wir vernetzen uns immer weiter auch mit anderen Kunst- und Kulturinstitutionen, die sich auch um mehr (strukturelle) Teilhabe, Inklusion, Gleichstellung und Diversität bemühen.


Ein Stadttheater hat ein diverses Zielpublikum mit unterschiedlichen Erwartungen. Wie wird das Schauspielhaus diesen Anforderungen gerecht? Nicht nur inhaltlich (Auswahl der Stücke) sondern auch von der Art der Inszenierung?

Beantwortet von Benjamin von Blomberg, Co-Intendant:

Das ist eine enorm anspruchsvolle Aufgabe und eine super inspirierende Herausforderung, der Theatermacher*innen sich stellen müssen. Das hat mit der Einsicht zu tun, dass es das Publikum nicht gibt. Jahrelang haben wir Theater so gemacht, als wüssten wir genau, wer da kommt und für wen wir das machen. Das ist vorbei. Und ich finde das gut so und dass es neue Suchbewegungen braucht und es auch hier anspruchsvolle Debatten darüber gibt, wem das Theater eigentlich gehört und an wen es sich richten soll. Teil dieser Suchbewegungen und neuen Verortungen können wir sein, indem wir bei der Kuration achtgeben und mit Künstler*innen zusammenarbeiten, die ihrerseits diverse Herkunftsgeschichten, Sozialisationen, Interessen, auch Verhältnisse zur ‘Institution Theater’ und Ästhetiken im Gepäck haben. Denn völlig klar: auch Sehgewohnheiten ändern sich. Looks, Codes, die Art, Musik zu hören, Texte zu empfinden, sich im Verhältnis zu einem sogenannten Kanon zu positionieren, das Gefühl für Dauer, Langeweile oder Empörung. Wir sind davon überzeugt, dass es daher richtig und für die Theaterkunst vitalisierend ist, einen Ort für unterschiedliche Biographien, Generationen, Expertisen und Repräsentationen zu schaffen.

Auch klar aber ist: alle hier verbindet eine hohe Könner*innenschaft um Kunst und Theater. Denn das ist das, was uns alle antreibt: ausserordentliche Kunstwerke zu schaffen, die einen Unterschied machen und den Anspruch haben, für die Ewigkeit zu sein (was sie dann natürlich doch nie sind). Theater wird deshalb nie barrierefrei für ausnahmslos alle sein können, dann verliert es seinen Wesenskern. Hand aufs Herz: beim Machen ist es immer wieder wichtig, die verschiedenen Erwartungen des Publikums auch mal komplett zu vergessen.

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Kann ein Theater heutzutage noch traditionelle Klassiker spielen und überhaupt sozialpolitisch inklusiv sein?

Beantwortet von Benjamin von Blomberg, Co-Intendant und Dramaturg:

Sozialpolitisch umfassend inklusiv wird Theater nie sein können. Unser Anspruch wird das immer sein, aber es wird nicht gelingen, dass Theaterkunst potentiell jede*n erreicht. Dafür ist sie zu voraussetzungsvoll. Und ich kann persönlich im Übrigen gut nachvollziehen, warum es Menschen gibt, die ihr Herz ans Theater verloren haben und sich danach sehnen, etwas nochmal zu erleben. Wie einen Song auf Repeat. Oder dass bei ihnen das Bedürfnis besteht, zu überprüfen, welchen Echoraum ein älterer Text jetzt für unsere Zeit öffnet.

Ich wäre zum Beispiel so glücklich, wenn Christopher Rüping Anton Tschechow inszenieren würde! Ich habe das Gefühl, ich spüre schon jetzt körperlich, wie ich das erleben werde. Und dann wird es auch noch ganz anders werden - und das ist dann noch viel toller und enttäuschend zugleich. Aber ihm wird das gelingen, dass ich Anton Tschechow im Hier und Jetzt wie zum ersten Mal begegnen werde. Ich würde sagen: ich wünsche mir das so sehr, weil ich ahne, dass ich selbst als Mensch in dem Gefühlsleben und den Gedankenwelten ganz und gar enthalten und erfasst sein werde, die Christopher Rüping zusammen mit Anton Tschechow schaffen wird.

Und genau hier wird es kompliziert. Hier kommt Ihre Frage ins Spiel. Wir müssen verhindern, dass daraus ein geschlossener Zirkel wird. Um in dem Bild zu bleiben: Christopher macht mit Anton Theater für Benjamin (mich) - diese Gleichung geht nicht auf. Wir müssen dafür sorgen, dass wir drei - also Christopher, Anton und Benjamin - nicht allein verantworten, was der Kanon ist, was ein Klassiker. Wenn wir unter uns blieben, hätten wir nicht verstanden, welche Aufgabe unsere Zeit uns allen gestellt hat. Heisst auch: Der Kanon darf nie abgeschlossen sein. Klassiker müssen ständig dazukommen können, auch einmal welche entsorgt werden, es muss ein beständiger Prozess des Neuschreibens, Durchstreichens, Hinzufügens, Dekonstuierens und Kreierens sein. Und - daran müssen potentiell alle mitwirken, mitschreiben und ihren Senf abgeben dürfen.

Und genauso müssen wir uns fragen: Wie schaffen wir erste Zugänge und Verständnis? Wir kreieren wir im Theater eine Gastgeber*innenschaft, in denen sich viele wohl fühlen und nicht zusätzliche Codes und Architekturen Ausschluss produzieren. Eine Stimmung, in der offensichtlich wird: es ist völlig in Ordnung, nicht alles zu verstehen, jedes Verständnis hat eine Berechtigung und findet einen Raum zum vertiefenden Austausch. Dass es viel mehr darum geht, sich einzulassen, ganzheitlich zu erleben. Und Verständnis wächst auch. Kunst zu verstehen bedeutet auch Arbeit und Hingabe. Sicher, ich schiele auch auf die Schulen, in denen diese Bildungsarbeit beginnt. Aber es ist auch völlig klar: der künstlerischen Vermittlung und dem Audience Development kommt im Theater eine wesentliche Aufgabe zu.

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Warum wird heute Werktreue geächtet?

Beantwortet von Katinka Deecke, Leitende Dramaturgin:

Ich würde nicht sagen, dass Werktreue geächtet wird. Eher, dass der Begriff «Werktreue» nicht besonders brauchbar ist, um über Theater zu sprechen. Ich kenne keine*n Regisseur*in, die*der in ihrer*seiner Arbeit nicht versuchen würde, zum Kern eines Stückes vorzudringen, um ihm möglichst nahe zu kommen. Nur sind die Wege, die dabei beschritten werden, unterschiedlich und bestehen nur selten in der unveränderten Abbildung dessen, was im geschriebenen Text steht. Als Theaterzuschauer*in kenne ich es selbst, dass ein Text mir aus der Lektüre oder aus einem früheren Theatererlebnis so vertraut ist, dass ich denke: Nur so kann man diesen Text inszenieren! Durch meine eigenen Vorstellungen bei der Lektüre oder durch eine für mein Empfinden besonders gelungene Inszenierung habe ich eine sehr genaue Vorstellung davon, was richtig ist für einen Text oder eben gerade nicht richtig. Wenn ich dann eine Inszenierung dieses Textes sehe, die völlig anders ist, bin auch ich zunächst enttäuscht und womöglich sogar verärgert. Aber dann erinnere ich mich daran, dass Texte im Theater eben ein Fantasiebeschleuniger sind und dass sie nicht nur meine Fantasie beschleunigen, sondern auch diejenigen von allen anderen, so dass meine Vorstellung, wie ein Text aufzuführen ist, nur eine von sehr vielen und sehr unterschiedlichen Möglichkeiten ist, einen Text zu inszenieren. Dem aber, was der*die Autor*in sich ausgemalt hat, als er*sie den Text schrieb, wird niemand von uns auch nur annähernd nahekommen.

Freiheit im Umgang mit einem Text ist für das Theater nichts Neues, im Gegenteil. Die längste Zeit war (und ist) Theater nicht in erster Linie geschriebener Text, sondern gestaltete und erlebte Zeit. Der Text dient als Anlass für ein Bühnengeschehen und ist keine direkt umzusetzende Vorlage. Theater hat mit Malen nach Zahlen (oder eben Inszenieren nach Druckvorlage oder auch «Werktreue») wenig zu tun. Wenn man bedenkt, dass Aischylos grosse Orestie mit all ihren Figuren von nur zwei (männlichen) Schauspielern sowie einem Chor unter freiem Himmel gespielt wurde, dass Shakespeare die Stücke für seine ausschliesslich männliche Truppe im runden Raum des Globe Theatres so häufig umschrieb, dass es von ihnen nicht einmal letztgültigen Fassungen gibt, und dass Bertolt Brecht nicht nur die meisten seiner Stücke auf Grundlage von Texten anderer Autor*innen und zusammen mit anderen Menschen schrieb, sondern auch nach den Aufführungen ununterbrochen an ihnen weiterarbeitete, wird deutlich, dass Theater als Text keine eigene literarische Gattung ist und schon gar keine endgültige Form. Sondern eben ein Anlass zum Spiel und zum Denken, zum Entwickeln und Träumen und Fühlen. Die drei oben genannten Autoren (und unzählige andere!) kann man auch anführen, um daran zu erinnern, dass Regieführen im Theater meist auch mit textlicher Autor*innenschaft verbunden war. Regie war nur selten und ist heute erst recht nicht zu trennen vom Zugriff auf einen Text. Wenn Christopher Rüping den modernen französischen Klassiker Einfach das Ende der Welt inszeniert, ist seine Annäherung an Lagarces Gedankenwelt nicht zu trennen von der Sprache und ihrer Theatralität. Wenn Leonie Böhm mit Maja Beckmann an Euripides’ Medea herangeht, hat diese Beschäftigung Auswirkungen auf die Sprache. Wenn Trajal Harrell sich als zeitgenössischer Choreograph und visueller Künstler mit Federico Garcia Lorcas Bernarda Albas Haus auseinandersetzt, bekommt der Text in der Bewegung eine metaphorische und philosophische Dimension, die er zuvor nicht enthielt. Wenn Suna Gürler sich mit Autor Lucien Haug und einer Gruppe von sehr jungen sowie älteren Spieler*innen Frank Wedekinds Frühlings Erwachen zuwendet, wird das Ergebnis Wedekinds Vorlage sicher stark verändert haben. Und wenn Wu Tsang sich dem westlichen Klassiker des Orpheus-Mythos widmet, wird sie das nur in der Freiheit tun können, die gerade durch die Auseinandersetzung mit Geschichte und Vergangenheit (und ebendort entstandenen Texten) entsteht.

Die meisten der Autor*innen, die wir aus dem klassischen Theaterkanon kennen, waren auch das, was man heute Regisseur*innen nennt, angefangen bei Sophokles und seinen Kollegen, über Shakespeare, Goethe und Schiller bis hin im 20. Jahrhundert eben zu Brecht. Auch Max Frisch war bekannt dafür, viel auf Proben im Pfauen rumzulungern und sich ständig einzumischen in das konkrete Bühnengeschehen, das mit seinem Text in einen lebendigen Dialog trat. Theatermenschen nutzen, was da ist, sie nehmen Texte und Räume und andere Menschen als Inspiration und Anlass, um in der Gegenwart der Bühne etwas zu erschaffen, was eigenständig ist und keine Absolution durch papierne Autorität sucht. Für die meisten Theatermenschen ist das eine Selbstverständlichkeit. Wenn Autor*innen ein Stück explizit eher für die Lektüre als für die Textveränderungsmaschine der Bühne schrieben, fügten sie ihm oft die Bezeichnung «Lesedrama» hinzu, so wie zum Beispiel Goethes Faust II (der dann doch seinen Weg auf die Bühne fand) oder eine ganze Reihe von Dramen der Romantik sich der Konfrontation mit der Bühne von vornherein entzogen und in erster Linie als Text verstanden werden wollten. «Werktreue» in dem Sinne also ist ein Gedanke, der im Theater nicht gut aufgehoben ist. Der lebendige Umgang mit Texten hingegen sowie die Zusammenarbeit mit lebenden Autor*innen ist für jedes Theater und für die meisten Regisseur*innen zentraler Bestandteil des künstlerischen Tuns und der eigenen Identität.

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Ist die Zeit des klassischen Theaters (Von vs. Nach) vielleicht einfach vorbei? Oder anders gefragt: finden sich überhaupt noch Künstler*innen, die dieses Theater spielen wollen würden?

Beantwortet von Katinka Deecke, Leitende Dramaturgin:

Ich würde sagen, dass die Zeit des vermeintlich «klassischen» Theaters, das den Text als unveränderliche Vorlage betrachtet, nicht vorbei ist, sondern dass es diese Zeit nie wirklich gab (abgesehen vielleicht von der recht kurzen Zeit im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, wo das naturalistische bürgerliche Kammerspiel dem Theater als Inszenierung eine geringe Bedeutung beimass und auch auf der Bühne vor allem Text sein wollte). Theater bemächtigte sich schon immer aller Elemente und eben auch des Textes und entwarf daraus eine neue, eigenständige Welt. Die Diskussion über «von» und «nach» hat mit lebendigem Theater und seiner Geschichte wenig zu tun. Auch die Frage nach den Regisseur*innen lässt sich nicht in der Einfachheit beantworten. Die meisten Künstler*innen, die sich als Regisseur*innen begreifen (zumindest diejenigen, mit denen wir am Schauspielhaus Zürich zusammenarbeiten), betrachten sich als eigenständige Künstler*innen, deren Talent darin besteht, viele verschiedene Menschen und Visionen so zu vereinen, dass daraus ein hybrides lebendiges Kunstwerk entsteht. Teil dieser Menschen und Visionen sind die Autor*innen und ihre Texte. Somit gibt es nach wie vor sehr viele Regisseur*innen, die ein sehr respektvolles und persönliches Verhältnis zu den Texten haben, die sie inszenieren. Nur wissen sie meistens, dass ein*e Theaterautor*in ohne Schauspieler*innen und Regisseur*innen und viele andere Künstler*innen nicht sehr weit kommt und dass Theatertexte notwendig die Begegnung mit der Kreativität von anderen brauchen, um zu sich zu kommen und ihre Bestimmung zu finden.


Nach welchen Kriterien werden die Aboveranstaltungen ausgewählt? Im 5er-Abo ist z.B. fast nie der Schiffbau dabei. Es fehlen eher die aktuellen Stücke.

Beantwortet von

Evelyne Albin, Leitung Theaterkasse a.i.:

Es ist uns ein wichtiges Anliegen, dass die beiden Spielorte Pfauen und Schiffbau noch enger miteinander verknüpft und eine gleichwertige Strahlkraft haben.Wo es früher ausschliesslich das «Pfauen» Abo mit den Vorstellungen im grossen Haus gab, zeigen wir nun in jedem Abo (ausgenommen Migros-Abo) auch ein Stück im Schiffbau. Für Schiffbau-Fans bieten wir weiterhin ein Abo mit fünf Vorstellungen, davon zwei in der Halle und drei in der Box, an.Im 8er-Abo sind sieben Vorstellungen im Pfauen und eine Vorstellung im Schiffbau. Im 5er-Abo sind vier Vorstellungen im Pfauen und eine Vorstellung im Schiffbau.


Was sind die gesellschaftlichen Aufgaben des Theaters, bzw. der Avantgarde generell? Geht es darum, Vorbote zu sein von einem kulturellen Wandel über Generationen. Und sind folglich die Besucherzahlen nicht so wichtig?

Beantwortet von Nicolas Stemann, Co-Intendant:

Man könnte eigentlich denken, dass in einem Theater, das durch öffentliche Zuwendungen unterstützt wird, Publikumszahlen nicht so eine grosse Rolle spielen sollten. Dass genau darin dessen Qualität besteht, dass es nicht akribisch auf die Kasse schielen muss und deshalb mehr und anderes wagen kann. Ich denke, es ist wichtig, gerade in diesen Zeiten hin und wieder daran zu erinnern. Das wertvolle am Stadttheater ist doch eigentlich genau das: dass es sich den wirtschaftlichen Zwängen enthebt. Das ist doch toll: jede grössere Stadt, die etwas auf sich hält, finanziert diese merkwürdigen Kunst-Fabriken in ihrem Zentrum, in denen eigentlich nichts wirklich Greifbares produziert wird. Noch nicht mal Bilder oder sonstige Kunst-Objekte, die man kaufen und in seinen Safe tun könnte, entstehen da – nur ein Zusammenspiel verschiedenster Künste, und in diesem Zusammenspiel wird eine Energie erzeugt. Geschichten, Atmosphären, Spass, Absurdität, Musik… Allein in diesem Sich-Entziehen von Verwertbarkeit, liegt bereits eine Utopie und ein Wert. Und der sollte sich eigentlich gar nicht an Besucherzahlen messen lassen, sondern an Intensität und künstlerischer Wahrhaftigkeit.

Warum das in der Realität nicht so ist, hat nicht nur wirtschaftliche Gründe (der Teil des Etats, den wir am Schauspielhaus Zürich aus Einnahmen generieren müssen, ist nicht unerheblich – wenn die fehlen oder zu wenig sind, dann kriegen wir finanzielle Probleme). Da geht es natürlich auch um die Frage: ist es relevant genug, um mit öffentlichen Geldern finanziert zu werden – und woran misst sich diese Relevanz eigentlich? So kommen immer wieder die Publikumszahlen zur Sprache, weil diese quantifizierbar sind – ähnlich wie das Öffentlich-Rechtliche Fernsehen die Einschaltquote zur zentralen Instanz erhebt (was wahrscheinlich für die Qualität des Fernsehens gar nicht so zuträglich ist).

Dennoch verstehe ich auch aus künstlerischer Sicht, dass Besucherzahlen wichtig sind. Ich muss sogar gestehen: mir als Regisseur sind sie extrem wichtig. Wenn niemand kommt, bin ich persönlich gekränkt und habe den Eindruck, etwas falsch gemacht zu haben.

Theater findet in der Gegenwart statt und anders als bei der Bildenden Kunst oder der E-Musik kann man sich nicht auf eine ferne Zukunft lange nach dem eigenen Tod vertrösten, in der der Wert der Arbeit dann endlich erkannt wird. Theater funktioniert in der Gegenwart – oder es funktioniert nicht.

Aber – und hier läge die Chance vom öffentlich finanzierten Theater – es ist eben nicht sofort am Ende, wenn es mal nicht so viele Zuschauer*innen erreicht und kann deshalb mehr wagen! Etwa auch: seiner Zeit voraus zu sein.

Und damit kommen wir zu den gesellschaftlichen Aufgaben. Ich möchte hier allerdings ungern allzu konkret werden – das hängt damit zusammen, dass ich es immer gefährlich finde, dem Theater «Aufgaben» zuzuweisen, die ausserhalb seiner selbst liegen. Denn damit geht die Gefahr einher, es zu einem blossen Mittel zu degradieren, wo es doch Zweck sein sollte. Reicht doch, wenn es tolles Theater ist. Aber es ist klar, was Theater kann: auf spielerische Art Konflikte verhandeln, Möglichkeiten ausloten, Szenarien eines Miteinander entwerfen. Es ist deshalb immer auch eine utopische Kunst.

Und deshalb: Ja, die Verpflichtung, die mit den öffentlichen Geldern einhergeht, ist eben eine andere, als nur grösstmögliche Massenkompatibilität zu haben. Es geht um den Willen zur grösstmöglichen künstlerischen Intensität und Aufrichtigkeit.

Und die soll dann natürlich möglichst viele Leute erreichen – alles andere wäre ja schade!

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Hat die verfehlte Kritik an der künstlerischen Leistung zugenommen?

Beantwortet von Seta Thakur, Leiterin Medien- & Öffentlichkeitsarbeit:

Wir erhalten sowohl viel Lob wie auch sehr kritische Kommentare und Einordnungen zur derzeitigen künstlerischen Ausrichtung des Schauspielhauses - und zwar sowohl von unserem Publikum (wobei die Meinungen nicht generationsgebunden sind) wie auch von Medienvertreter*innen. Bemerkenswert ist, dass z.B. Theaterkritiker*innen, Vertreter*innen von Festivals und anderen Theaterstätten, externe Kunstschaffende und auch behördliche Geldgeber*innen, mit dem derzeitigen künstlerischen Ansatz im Haus offenbar viel anfangen können Um beurteilen zu können, ob Kritik bzw. Lob im Vergleich zu früheren Intendanzen deutlich zu- oder abgenommen haben, bedürfte es einer detaillierten Recherche. Fest steht, dass bis zu einem gewissen Grad vergleichbare Debatten bereits unter der Leitung von Ferdinand Rieser (1929 -1938), Peter Löffler (1969/70), Achim Benning (1989 - 1992) oder Christoph Marthaler (2000 - 2004) geführt wurden. Und fest steht auch, dass wir jegliche Kritik sehr ernst nehmen.


Ihr spielt so wenig, woran liegt das?

Beantwortet von Stefan Scheuermann, Künstlerischer Betriebsdirektor:

Ein Vergleich zwischen letzten Spielzeit (21/22) sowie der letzten Spielzeit der vorherigen Intendanz (18/19) zeigt folgendes Bild: 21/22 gab es im Pfauen 208 Vorstellungen und somit leicht weniger als 18/19, wo es 236 Vorstellungen waren. In der Schiffbau Halle waren es mit 59 Vorstellungen in der letzten Spielzeit leicht mehr als 18/19 (43 Vorstellungen), ebenso in der Schiffbau-Box, wo letzte Spielzeit 80 Vorstellungen stattfanden und 18/19 72 Vorstellungen. Mit dem Verwaltungsrat vereinbartes Ziel der jetzigen Intendanz ist eine Reduktion der Eigenproduktionen mit dem Ziel einer nachhaltigen Verwertung (mehr Aufführungen pro Eigenproduktion).

Im Pfauen müssen wir stets einplanen, dass es genügend Probezeit auf der Bühne gibt. Das hat unter anderem mit der baulichen Situation des Pfauen zu tun. Da es diese Probezeit auf der Bühne aber braucht, um die Stücke nachher da zu spielen, ermöglichen wir den Produktionen jeweils insgesamt vier sogenannte “Schliesstage”. Das sindTage, an denen im Pfauen nicht gespielt wird, sondern die Zeit wird für die Produktionen genutzt. Ein Schliesstag ist dabei für die technische Einrichtung der Produktion reserviert. An den weiteren drei Tagen (häufig sind das die Tage direkt vor der Premiere) für lange Proben.

Eine weitere Schwierigkeit im Pfauen besteht darin, dass nur bis zu fünf Produktionen eingelagert werden können - also das Material für die einzelnen Stücke. Auch dadurch entstehen Tage, wo keine Stücke gespielt werden können. An diesen Tagen versuchen wir, wann immer möglich, mit Sonderveranstaltungen, wie Lesungen oder Podien dennoch ein Programm zu bieten. Für uns gibt es bei der Planung der Produktion und deren Ansetzungsmöglichkeiten durchaus noch Optimierungspotential.

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Haben die vorstellungsfreien Abende auf den Schauspielhaus-Bühnen nicht auch mit der Tourneetätigkeit zu tun?

Beantwortet von Stefan Scheuermann, Künstlerischer Betriebsdirektor:

Wir freuen uns über jede Gastspielanfrage, die wir für unsere Produktionen bekommen. Es ist ein klar benanntes Ziel, dass unsere Arbeiten auch auf anderen Bühnen, in anderen Städten, auf Festivals und in anderen Theatern zu sehen sein sollen. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Neben der Erhöhung der Strahlkraft und der Sichtbarkeit der Produktionen sind hier auch die zusätzlichen finanziellen Einnahmen interessant.

Alle Anfragen werden daher sehr gründlich überprüft. Wir stimmen die Planung mit der Disposition ab und überprüfen, ob die entsprechendeBetreuung durch die technischen Teams zu leisten ist. Diese Überprüfung führt regelmässig dazu, dass eine Anfrage für ein Gastspiel abgelehnt werden muss. Das Programm in Zürich soll durch die Durchführung von Abstechern nicht beeinträchtigt werden. In der Regel führt das Gastspielgeschäft daher zu keinen grossen Einschränkungen für die Planung in Zürich, bzw. besteht durch die frühzeitige Setzung der Termine für einen Abstecher jeweils genügend Zeit für eine Anpassung des Programms im Pfauen und im Schiffbau.


Der Publikumsgipfel ist eine gute Idee, nur entspricht das Set-up, mit Podium und Zuschauer*innen, total entgegen dem Zweck. Es reflektiert vielmehr einen Produzenten-Gipfel. Ein nächstes Mal im Schiffbau?

Beantwortet von Silvan Gisler, Mitorganisator des Publikumsgipfels und Teil des “Audience Development” Team:

Der Schiffbau wäre natürlich toll, um mit dem Publikum zusammenzukommen. Nur ist das planerisch viel schwieriger und braucht mehr Vorlauf-Zeit. Wir wollten möglichst schnell mit Ihnen zusammenkommen und haben uns für den Pfauen entschieden. In einem Guckkasten-Setting ist ein Gespräch natürlich viel schwieriger, die Hürden sind grösser. Wir haben versucht, diese Hürden möglichst zu verkleinern. Beispielsweise mit einer Umfrage im Vorfeld, wo alle, die sich angemeldet hatten, bereits Fragen einreichen konnten; mit dem Online-Tool “sli-do”, damit alle live Fragen stellen können - gerade auch Menschen, die sich sonst nicht getrauen; mit vier Mitarbeiter:innen von uns, die mit Mikrofonen im Raum standen - und vor allem: mit einem Apéro auf der Bühne und im Foyer, um den Austausch auch in einem zweiten Teil des Abends zu fördern. Allerdings kamen die Fragen zu kurz und gerieten die Antworten zu lange. Das sind wichtige Learnings, die wir mitnehmen für einen nächsten Publikumsgipfel - vielleicht ja dann im Schiffbau!


Im Vorfeld dieses Gipfels wollten Sie mit Besucher:innen auf der Bühne diskutieren. Dafür fanden Sie "nicht genügend kritische Stimmen, die sich äussern wollen". Weshalb haben Sie diese Personen nicht gefunden?

Beantwortet von Silvan Gisler, Mitorganisator des Publikumsgipfels und Teil des “Audience Developments” Teams:

Das hatte mehrere Gründe. Einige wären gerne gekommen, hatten aber keine Zeit. Andere wollten sich nicht öffentlich exponieren. Das verstehe ich auch: auf der Bühne des Pfauen zu sein, kann tatsächlich einschüchtern. Wiederum andere fanden, sie hätten Ihre Kritikpunkte bereits geäussert. Über die Umfrage, die wir im Vorfeld gemacht hatten, konnten sich alle melden, die sich eine Teilnahme auf der Bühne zutrauen. Leider hatte es unter den Interessierten auch ein paar, welche keine Kontaktangaben dazu schrieben. Wir haben seit Dezember viele Telefonate und persönliche Gespräche geführt. Es gab auch Zusagen, doch nicht genügend, um eine gute Mischung hinzukriegen, die den Kritiken auch genügend Gewicht gegeben hätte. Es gibt nicht das eine Publikum, darum wollten wir eine Kombination von Gesprächspartner*innen finden, die diesem Umstand gerecht wird. Dies für drei Themen dreimal hinzukriegen, war vielleicht ein wenig zu ambitioniert, auch in Anbetracht der Zeit. Denn wir wollten nicht erst im Frühling mit Ihnen zusammenkommen. Für mich waren all die Gespräche und der Austausch im Vorfeld jedoch sehr bereichernd, gerade auch mit kritischen Stimmen.


Soll das Publikum künftig mit Kameras aufgenommen und KI ausgewertet werden, um bessere Daten über das Publikum zu haben?

Beantwortet von Rona Schauwecker, Leiterin Marketing & Kommunikation:

Nein! Die Privatsphäre unserer Besucher*innen bleibt weiterhin geschützt und hat Priorität, wenngleich wir gerne über genauere Daten, beispielsweise zur Altersstruktur unseres Publikums verfügen würden, damit wir noch besser wissen, welche Besucher*innen wir bisher nicht erreichen. Statistische Daten und die Zufriedenheit unserer Besucher*innen erheben wir hingegen mit regelmässigen Umfragen und mittels Analyse des schriftlichen Publikums-Feedback, der Nutzung der Website, unserer Social Media Kanäle, der Newsletterversände und Ticketverkäufe. Durch die Auswertung dieser Daten wollen wir unsere Besucher*innen noch zielgruppenspezifischer erreichen und mit der passenden Kommunikation auch neues Publikum dazugewinnen.


Neben den lokalen Medien waren auch Vertreter*innen der Kulturzeit von 3sat vor Ort, die den Publikumsgipfel in ihrer Sendung vom 20. Januar 2023 aufgegriffen haben.

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