Eigentlich müssten wir uns gegenseitig an der Hand nehmen und uns durch diese komischen Zeiten führen

Hausregisseur Alexander Giesche gewinnt für seine Inszenierung Der Mensch erscheint im Holozän den 3sat-Preis. Philine Erni sprach mit ihm über die Entstehung der Inszenierung, wichtige Elemente daraus und über immer neue und sehr persönliche Bezüge zu Max Frisch und dessen Erzählung.

Ich fange mal ganz am Anfang an: Wie kam es zu dieser Stückwahl und was war dein erster Bezug zu dem Text?

Benjamin (von Blomberg, Intendant, Anm.) hat mich auf die Erzählung gestossen. Kurz nachdem ich ziemlich aufgelöst von meinem Vater zurückkam, weil ich ihm seinen Fernseher programmieren musste. Er – von dem ich doch alles gelernt hatte – war plötzlich nicht mehr in der Lage, durch dieses Menü zu kommen. Mein Vater brauchte meine Hilfe, weil er sich in den letzten Jahren in seine Kammer, in die Einsamkeit zurückgezogen hatte. Insofern hatte mich die Erzählung auf einer emotionalen Ebene schnell erreicht. Ausserdem mag ich Zufälle: Max Frisch war meine erste Begegnung mit der Schweiz, meine erste Hospitanz bei Stefan Pucher. Die Begegnung mit Stefan damals war so wichtig für mich: Wenn der nicht gewesen wäre, wär ich nicht in Giessen im Studium für Angewandte Theaterwissenschaften gelandet. Von Homo Faber kann ich bis heute Sätze sprechen; die sind für mich ganz klar und mathematisch.

Sibylle Berg hat mal sowas geschrieben wie «Ich hasse Max Frisch, weil das, was damit einhergeht, dem kann man nicht gerecht werden». In diesem Sinne habe ich von Anfang an gesagt, ich mach das auf meine Art. Ich wollte Max Frisch gar nicht gerecht werden. Es ging immer darum, ein Visual Poem zu inszenieren. Und ich habe Joshua (Wicke, Dramatug, Anm.) immer wieder provoziert, ob er den Verlag schon informiert hat, dass am Ende höchstens drei Sätze vorkommen (könnten).

Magst du deinen emotionalen Zugang noch ein bisschen ausformulieren?

Mein Vater hatte sich wie Herr Geiser geweigert, ins Heim zu gehen. Und die Fernseher-Geschichte hat mir klar gemacht, wie schnell es gehen kann, dass man sich nicht mehr in einer Welt zurecht findet, die man mitgeprägt hatte. Auch das Thema der digitalen Demenz wurde für mich immer wesentlicher.

Mein Vater hatte mir meinen ersten Atari-Computer vererbt mit einem Laserdrucker und mit 200 Schriften drauf. Das war vielleicht der Anfang meiner Technologie-Verliebtheit. Mit 16 bekam ich von ihm meine erste Mini-DV-Kamera, mit der ich erste künstlerische Experimente machen konnte.

Nachdem mein Vater im August gestorben ist, ging es für mich persönlich nicht mehr primär um Max Frisch sondern vielmehr darum, eine Trauerfeier für meinen Vater zu kreieren. Bis heute sehe ich die Inszenierung als eine Zeremonie, ein grosses Abschiedsfest for Daddy.

Was meinst du mit digitaler Demenz?

Es gibt die Generation, die vor der Erfindung des Internets geboren ist und die «digital natives» und die leben in völlig unterschiedlichen Universen: Da gibt es zum einen die Generation, die sich plötzlich in der Welt nicht mehr orientieren kann, weil ihnen der Zugang zum «Kompass», dem Internet fehlt. Und die Generation danach, die nicht gelernt hat, sich ohne dieses Ding zu bewegen. Eigentlich müssten wir uns gegenseitig an der Hand nehmen und uns durch diese komischen Zeiten führen, weil beide Seiten entbehren etwas. Es gibt ein Vakuum. Das merke ich selbst auch bei mir und Luis (August Krawen, Videokünstler, Anm.) – in welchem Universum der jetzt schon lebt. Diese Form der Kommunikation, dieses globale Vernetztsein! Ich glaube, viele Konflikte in der Arbeitswelt hängen damit zusammen, dass wir bei dieser Geschwindigkeit nicht mehr hinterherkommen: Die Nachrichten sind schneller als wir.

Dieser Generationenkonflikt spiegelt sich auch in den Klimastreiks: Ich finde es unglaublich, wie eine Generation diese ganzen Themen einfach so outsourced und sagt, «toll, dass ihr auf die Strasse geht». Wir fliegen weiter in den Urlaub, aber strengt euch ein bisschen an. Diese ganzen Fragen fand ich in dieser Erzählung.

Dein Holozän ist ein Visual Poem, ein Naturschauspiel, inszeniert im Pfauen, einer starren Bühne mit schwieriger Akustik und Lichtsituation...

Ich wollte in den Pfauen, weil auch Puchers Homo Faber im Pfauen war. Und ich habe gemerkt, dass mir ein Portal extrem hilft, die Bilder, die ich baue und die in der Blackbox noch Experiment sind, zur Kunst werden zu lassen.

Generell gehe ich mit meinen Stücken extrem lange schwanger, trage die mit mir mit, die entwickeln sich und geben auch viel vor: Ich fange meistens mit dem Raum an, nachdem ich im Bauch schon einen Song hab. Dieses Cover von «Everybody’s Talking», das wir am Ende spielen, war von Anfang an der Song des Abends. Und gibt den Grundton vor. Wenn der Raum nicht klar ist, weiss ich nicht, wo ich den Text reinsetzen soll. Erst dann folgt alles andere.

Interessanter weise habe ich mich, vielleicht gerade wegen Max Frisch als Sparring Partner im Prozess extrem frei gefühlt. Ich hatte das grosse Glück, dass ich den Pfauen schon ein Jahr zuvor mit WHITE OUT beim Schweizer Theatertreffen bespielen durfte. So kannte ich die Tücken der Bühne ganz gut, war mir der schwierigen Sichtlinien bewusst und hatte eine Ahnung davon, wie wir diese nutzbar machen konnten, um überhaupt ein Visual Poem, ein Schauspiel der Theatermittel entwickeln zu können. Dass wir den Rang sperren durften, ermöglicht es, die Bühne in einer ganz anderen Tiefe erleben zu können und lässt Ludwig (Abraham, Komponist, Anm.) viel genauer an der Akustik des Raumes arbeiten. Wie er den Pfauen klingen lässt ist schon ziemlich spektakulär.

Und ich wollte es doppelt gut machen, weil Zürich in meiner Laufbahn eine der prägendsten Stationen war. Wie sehr ich unterbewusst noch mit meiner eigenen Trauer beschäftigt war, habe ich erst im Nachhinein verstanden.

Getragen wird diese von Karin Pfammatter und Maximilian Reichert. Wie gut kannten sich die beiden vorher?

Karin und Max kannten sich nicht. Die beiden, das ist ein Match made in heaven. Das war wirklich Glück. Max kenne ich schon lange und habe ihn nach Zürich mitgebracht. Karin kannte ich noch aus meiner Zeit als Hospitant in München. Aber das hätte auch total in die Hose gehen können: Manchmal merkt man erst später, dass es von der Mentalität nicht stimmt. Aber Karin versteht total, was ich sage. Und als sie das erste Mal den Text gelesen hatte, war klar, dass es vielleicht doch mehr als drei Sätze werden. Max Frischs nüchterne Sprache wurde zu einer Partitur, die durch Karin zu Musik wurde.

Überhaupt habe ich immer mehr kapiert, wie geil ich Max Frisch finde: Er erinnerte mich daran, dass ich auch mal Architekt werden wollte. Ich habe mich wieder in Architekturbücher reingelesen und durch ihn Peter Zumthor entdeckt, der auf einer intellektuell-sinnlichen Ebene ähnliche Sachen vertritt wie Max Frisch. Und, wie er, die Schweiz liebt und hasst.

Wie war Karins und Max’ Zugang zu Frisch und der Erzählung?

Karin war natürlich super professionell, aber sie hat wahrscheinlich innerlich mit den Augen gerollt, als sie gehört hat, dass sie bei ihrer Rückkehr in die Schweiz als Erstes Frisch machen muss. So liegt halt das Klischee. Und eigentlich war es eine Unverschämtheit von mir, dass ich sie bitte, einen 75jährigen Mann zu spielen. Aber ich habe schnell bemerkt, dass vielmehr ich der alte Mann bin und sie die junge Frau: Ich bin manchmal viel konservativer als sie.

Diese verschiedenen Blicke auf den Stoff haben viel Reibung erzeugt: ich, der neuangekommene Deutsche, der in Österreich in den Bergen gross geworden ist; Max, der für sein Studium in die Schweiz kam und hier hängen geblieben ist; Karin, die Walliserin, aus dem Exil in ihre Heimat zurückkommt. Alles Heimatsuchende am Schauspielhaus Zürich. Und viele Fragezeichen zu diesem Begriff «Heimat».

Ich war bis jetzt noch nie im Onsernonetal. Fürs virtuelle Theatertreffen hatten wir kurz die Idee, mit unserem Dino ins Tessin zu fahren, wenn die ihre Läden wieder aufmachen. Und zu filmen, wie der Dino das erste Mal durch die leeren Gassen stapft, in dem Tal, wo er eigentlich ausgestorben ist. Mal schauen. Irgendwann kommt der Moment, wo man wieder ins Tessin darf.

Neben Karin und Max habt ihr sechs Kinder auf der Bühne. Warum?

Der erste Gedanke war, das Stück mit Demenzkranken zu machen. Während der Recherche wurde schnell klar, dass das nicht geht, weil diese schlagartig nicht mehr wissen können, wo sie sind. Ich hätte gerne die verschiedenen Generationen inszeniert: jene, die verlernt oder vergessen hat, sich zu orientieren, und jene, die noch nicht gelernt hat, sich zu orientieren. Und dass die sich gegenseitig durch die Welt führen. Dass wir uns gegenseitig brauchen, das merken wir auch jetzt in der aktuellen Krise.

Die Szene im Stück mit den Kindern ist aus einer Aufwärmübung entstanden: Wir haben einen Parcours gebaut und die Kinder hatten Spass. Plötzlich war klar: Das wird unsere «virtuelle Wanderung». So ist die vielleicht einzige wirklich dramatische Szene unseres Stücks entstanden: Das Publikum schaut zu und erfreut sich. Es ist unfassbar rührend, wie sich Max so liebevoll um die Kinder kümmert und die den lieben. Es ist aber auch eine perfide Szene, weil einem geht zwar das Herz auf und gleichzeitig ist es ganz schön gruselig, weil da zwei Schauspieler*innen auf der Bühne stehen und die kommende Generation anfeuern: «Schneller, schneller. Das gibt Sonderpunkte.» Greta lässt grüssen

Welche Erinnerung hast du an die Premiere?

Der Moment im Foyer, wo ich nach der Premiere meine Schwester umarmt habe und nur noch die Tränen kullerten. Das war krass. Sonst kann ich mich eigentlich an nichts erinnern, muss ich zugeben. Adrenalin kann übrigens auch zu Erinnerungslücken führen.

Ihr habt noch bis kurz vor Premierenbeginn Scheinwerfer umgehängt. Wusstest du, dass es funktionieren würde?

Wir haben erst nach der Generalprobe geleuchtet. Ich habe die fertige Inszenierung an der Premiere das erste Mal gesehen. Ob alles funktioniert, war nicht klar. Dass die Inszenierung und all ihre Elemente gut sind, das hat mich die Tage davor verzweifeln lassen. Dass ich keine Zeit mehr hatte, alles perfekt zu machen.

Wenige Tage danach kam die Einladung ans Theaterreffen...

Nach der Premiere sind wir nach Vals in die Therme von Zumthor gefahren, um runterzukommen. Und plötzlich kam die SMS von Yvonne: «Lieber Alexander, du bist zum Theatertreffen eingeladen.» Das war völlig unerwartet, aber natürlich toll, irgendwie obendrauf.

Zwei Tage später war ich in Berlin, um zu schauen, auf welcher Bühne unsere Inszenierung wie umgesetzt werden könnte. Und dann kam Corona. Da war klar, die Hänge sind gerutscht.

Das System hat sich überdreht. Es war klar, dass wir einmal innehalten müssen. Diese Entschleunigung, die uns gerade zwangsläufig passiert, auf diesen Erdrutsch haben wir uns doch eigentlich gefreut – wenn der Zustand nicht für viele so existenziell bedrohlich wäre. Es ist jetzt unsere Aufgabe, auf Pause zu drücken und zu überlegen, was wir auf unserem Weg zurücklassen könnten. Ich fände diese Krise nur fürchterlich, wenn man sie vergeudet. Eine verpasste Chance.

Fun Fact aus der Öffentlichkeitsarbeit – ich hatte noch nie so viele Rückfragen zu Musik und Kostümen.

Die Kompositionen von Ludwig (Abraham, Komponist, Anm.) ermöglichen es, auch einfach mal nur einen Popsong laufen zu lassen. In voller Lautstärke und bis zum letzten Ton - als Kommentar zur textlichen Ebene. Das war in München an den Kammerspielen und im Theater in Bremen auch so.

Die Inszenierung ist so reduziert, dass auch die (Wander-)Schuhe was erzählen: Eigentlich hätte der Boden aus künstlichem Stein sein sollen, aus diesem schwarz-weissen Granulat, aus dem Fallschutzplatten für Kinder auf Spielplätzen gemacht sind, aber eben auch für Rentner*innen, damit sie hinfallen können, ohne sich die Hüften zu brechen. Dabei wären wir wieder bei der Ursprungsidee, dass die sich gemeinsam über die Bühne führen und sich nicht weh tun können. Und die Sohlen von den Schuhen haben genau dieses Material. Das hat man wohl davon wenn Felix (Lübkemann, Kostümbildner, Anm.) die beiden so Instagramable verpackt.

Und dann gab‘s da noch einen Hologrammventilator und eine Schneemaschine...

Ganz zu Beginn hatte ich gesagt, wir machen «Der Mensch erscheint im Hologramm». Völlig frei. Der Hologrammventilator ist ein reines Verkaufsobjekt, ein showoff-Ding für Messen. Zum ersten Mal gesehen hatte ich das in Berlin im Nikestore – da war ein Turnschuh drauf. Bei uns ist es auch ein reines Präsentationstool, eine Technologie, um Objekte zu zeigen, die schon längst ausgestorben und überholt sind, so was wie ein SUV oder eine Rolex, kontrastiert von Bienen, die vom Aussterben bedroht sind. Wir wissen noch nicht so genau, woran wir hängen und woran nicht; was gut wäre, wenn wir es verlieren würden und was nicht. Damit einher geht die Frage nach dem Wissen, was eigentlich wissenswert ist. Welches Wissen wird übertragen, was geben wir an die nächste Generation weiter und was möchte ich, dass wir verlernen.

Die Schneemaschine produziert im Pfauen keinen Schnee, weil es drinnen zu warm ist. Es ging mir nicht darum, dass ich Wind machen wollte, klar, das ist ein toller Nebeneffekt, dass die Schneemaschine auch noch Wind und die nächste sinnliche Erfahrung für das Publikum produziert.

Es war übrigens nicht ganz einfach, eine zu bekommen: Eine, die funktioniert, war ausgeschlossen, weil die alle zu dieser Zeit – im Januar – in Betrieb sind. Die, die wir nun haben, ist eine, die mittlerweile benützt wird, um Wasser auf Häuser zu pulvern, während die eingerissen werden. Damit es nicht so staubt. Jetzt kommt schon wieder Max Frisch ins Spiel – «irgendwo im Tal wird noch gebaut».

Heute bekommst du den 3sat-Preis, was ist das für ein Gefühl?

Der Preis ist noch nicht real für mich. Gestern wurde mir das Preisgeld überwiesen und ich bekam eine Email, dass der Preis per Post kommt. Ich weiss gar nicht so genau, was Preise sind. Ich habe noch nie einen Preis bekommen, das ist für mich etwas völlig Neues. Und jetzt kommt der nur virtuell.

Ich würde jetzt ungern einzelne Leute aus meinem Team hervorheben, dann vergesse ich bestimmt jemanden. Alle wissen, wie sehr sie an dieser Inszenierung beteiligt waren, welchen anstrengenden Weg wir zusammen gegangen sind und wie dankbar ich dafür bin, dass sie zu dieser persönlich sehr schwierigen Zeit so sehr an meiner Seite waren. Das ist eh ihr Preis. Ohne so ein grossartiges Team wäre so eine Arbeit schlicht nicht möglich.