DEN SCHLÄCHTERN IST KALT oder OHLALAHELVETIA

von Katja Brunner

Uraufführung

Regie Barbara Falter / Bühne Dominik Freynschlag / Kostüme Noelle Brühwiler / Musik Sandro Corbat
Mit Julia Kreusch, Lisa-Katrina Mayer, Robert Rožić, Vreni Urech

Julia Kreusch
Lisa-Katrina Mayer
Robert Rožić
Vreni Urech
 
Regie Barbara Falter
Bühne Dominik Freynschlag
Kostüme Noelle Brühwiler
Musik Sandro Corbat
Licht Thomas Adam, Gerhard Patzelt
Dramaturgie Gwendolyne Melchinger
Regieassistenz Valeria Popp

Wer sind wir eigentlich, wo befinden wir uns? Zunächst in einem eleganten Wohnzimmer, aufgehoben in bester Gutbürgerlichkeit, dann auf einem Dorfplatz mit einer alten Frau, die ein Huhn rupft, oder auf einer Kirmes der Spassmaschinen und beheizten Herzen. Ein Mann und drei Frauen unterschiedlicher Generationen befragen die Lage der Nation, die Welt, in der sie leben, und sich selbst, ihren Ort darin. Wir können uns nicht entkommen. Alles, was wir in uns tragen, ist Geschichte. Unsere eigene, die der anderen und die einer ganzen Generation, geprägt von früheren Generationen. Wir sind Gewordene. Das kollektive Gedächtnis wird da sichtbar, wo die Schuld und das Gewissen zu Hause sind. Wir müssen uns erinnern, denn die Wahrheit ist trügerisch, „eine biegsame Rute“. Und die Zeit verändert die Dinge. Die Schweizer Autorin Katja Brunner entwirft in ihrem für das Schauspielhaus verfassten Stück ein Panoptikum unserer Zeit: sprachgewaltig, humorvoll und gesellschaftskritisch. Bereits in der vergangenen Spielzeit inszenierte die junge Regisseurin Barbara Falter einen Text, der im Auftrag des Schauspielhauses Zürich entstanden ist: „Der thermale Widerstand“ von Ferdinand Schmalz, der zu den Mülheimer Theatertagen 2017 eingeladen wurde.

„Kurz und knapp fällt das Fazit aus nach einer kurzen, knappen Uraufführung in der Kammer des Schauspielhauses Zürich: Katja Brunner hat den Sound. Und sie hat in der Regisseurin Barbara Falter die Partnerin, die einen heiss kochenden Textstrom in eine klare szenische Form bringt. Falter strafft, schafft Textblöcke und verschiedene atmosphärische Aggregatszustände. Das eine Leistung zu nennen, ist noch zu gering. Falters Kraft und Klarheit ebenbürtig ist Julia Kreusch, die als „Zufall“ eine logorrhoische Suada über ihre Entscheidungsmacht spricht.
Man wird von der Uraufführung Sätze mit nach Hause nehmen und sich an die Küche hängen: Jeder lebt im Auge des Anderen als Verdächtigung“ etwa hat Kalenderspruch-Qualität. Und auch der Exkurs über die Wahrheit, bei Brunner eine Redefigur, die nicht nur angesprochen wird, sondern selber spricht, bindet Sträusse aus schönsten Stilblüten.“ NZZ

„Katja Brunner verfügt über eine Sprachmacht, die viele ganz zu Recht hinreissend finden; und sie mischt sich klug und mit Mut zur Polemik ein, wenn es um aktuelle Frauen- und Fremdenfeindlichkeit in Mitteleuropa oder um die Rolle der Schweiz während des Holocaust geht. Ihr erster, 2012 uraufgeführter Theatertext „Von den Beinen zu kurz“ handelt von sexuellem Missbrauch, psychischen Verletzungen, Selbstanklagen und Rachegefühlen, indem er das junge weibliche Opfer zu Wort kommen liess, aber auch den Täter, den Vater des Mädchens. Ihr Werk „Geister sind auch nur Menschen“ (2015) schildert mit poetischer Dringlichkeit und einiger Komik den Notstand in einem Altenpflegeheim. Ihr jüngster, nun in Zürich uraufgeführter Text heisst „DEN SCHLÄCHTERN IST KALT oder OHLALAHELVETIA“.
Die Regisseurin Barbara Falter lässt die Wortspiele und Provokationen im rosafarbenen Schweizer Wohnzimmeridyll vortragen, als würden die Darstellerinnen und Darsteller selbst ihren Sätzen hinterherlauschen. Die auftretenden Personen hätten „allesamt speckige Herzen, man kann das erkennen“, heisst es in der Szenenanweisung der Autorin. In der demonstrativen Selbstgefälligkeit und im Ekel, mit dem hier die Wonnen einer Wohlstandsgesellschaft beschrieben werden, liegt die Brisanz dieser Theatershow.“ Der Spiegel

„Regisseurin Barbara Falter vollbringt die kluge Leistung, das von der Autorin bis zur Verzweiflung konfektionierte Vexierbild in eine schlüssige Form zu giessen. Der latenten Aufregung des Textes setzt die präzise, rhythmische Inszenierung straffe Striche und ein Spiel entgegen, das in der Haltung des Dauerstaunens vorgetragen wird. Die vier Spielerinnen und Spieler zelebrieren Leichtigkeit, sei's in schweren Samtkleidern oder halb entblösst in fleischfarbener Unterwäsche. Sie entledigen sich förmlich von allem, was sich illustrativ aufdrängt. Barbara Falter und ihr tolles Ensemble erschaffen so einen ganz eigenen Kosmos, in welchem Vergangenes und Gegenwärtiges lustvoll kollidieren. So wird die bündige Theaterstunde zu einem Kondensat, das sich sehen lässt – auch wenn man bisweilen gerne weghört.“ Nachtkritik.de

„Die Regisseurin Barbara Falter hat sich nicht verführen lassen, Spielräume hinzuzuerfinden. Sie hält sich zurück und belässt das Stück in „der Partitur einer musikalischen Konstruktion“. Das Bühnenbild von Dominik Freynschlag erklärt nichts, aber bietet einen immensen Augenreiz.“ Deutschlandfunk Kultur

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