Missionen der Schönheit

von Sibylle Berg

Holofernesmomente
Schweizer Erstaufführung im Juni 2018
Close Up

Regie Salome Schneebeli, Heta Multanen
Mit Lisa-Katrina Mayer

Judit ist das alttestamentarische Symbol der jungen, reinen, klugen und als oberstes Attribut wunderschönen Frau, die aus der männlichen Betrachtungsweise als Witwe scheinbar nichts zu verlieren hat und sich deshalb entschliesst, ihr Volk von Belagerung und Barbarei zu befreien, indem sie sich dem gefürchteten Feldherrn Holofernes hingibt, ihn im Namen Gottes im Schlaf enthauptet und seinen Kopf als Trophäe ihrem Volk darbringt – als Zeichen für Gottes Allmacht, der das bedrohte Volk damit durch ihre Hand erlöst hat.

Judit in Sibylle Bergs „Missionen der Schönheit“ ist 12 und lebt in Brüssel, sie ist 18 und lebt in Berlin, 23 in Kinshasa, 30 in Kiew, 38 in São Paulo, 40 in Neapel, 54 in Johannesburg und 75 in Betulia. All diese Frauen, die vermeintlich nichts miteinander zu tun haben, arbeiten sich auf unterschiedliche Weise ab, am urweiblichen und über Jahrhunderte hinweg konstruierten Themenkomplex der Schönheit. Der Einsatz der eigenen Schönheit als Machtmittel, das Wissen um den eigenen Körper als Projektionsfläche, das bewusste Zur-Verfügung-Stellen für die männliche Beurteilungsmatrix, das Erlauben und Bedienen eines Voyeurismus, um eigene Ziele zu erreichen, sind ebenso Thema dieser acht Judit-Figuren, wie die tiefe Verunsicherung durch ein scheinbar mangelhaftes Äusseres, das Unvermögen den eigenen Selbstwert von optischen Makeln oder schwindender Schönheit abzukoppeln, sowie die fortwährende Suche nach Selbstoptimierung, bis hin zur physischen wie psychischen Selbstzerstörung. Der religiöse Fanatismus, der die Protagonistin in der Bibel antreibt und unweigerlich Assoziationen zu terroristischen Akteuren der Gegenwart aufzeigt, äussert sich bei Bergs Figuren als Fanatismus im Kampf gegen das eigene Selbst. Es zerbricht zwischen dem erfüllen Wollen gesellschaftlicher Erwartungen, dem bedienen Wollen eines Frauenbildes, das von aussen eingefordert wird und gleichzeitig der Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung, der Angst vor der eigenen Kraft und dem Wunsch, sich von alledem endlich loslösen zu können.

Die Choreografin Salome Schneebeli, die Videokünstlerin Heta Multanen und die Schauspielerin Lisa-Katrina Mayer näheren sich in einem partizipativen Arbeitsprozess diesem feministischen Text auf sinnliche Weise. Inspiriert von Strukturen der klassischen Oper, sowie der Auseinandersetzung der Musik- und Kunsthistorik mit dem Mythos Judit, erkunden sie anhand von Elementen des zeitgenössischen Tanzes und der medialen Kunst den zentralen Kern der acht Protagonistinnen und übertragen die Themen dieser Figuren gleichzeitig auch auf die Lebens- und Arbeitsrealität der Performerin selbst. Die ist immer zuallererst Projektionsfläche und kann sich überhaupt erst durch den Blick des Zuschauers als Figur definieren. Gleichzeitig generiert sie aber den kreativen Antrieb stets aus sich selbst und wandert fortwährend auf dem schmalen Grat zwischen dem Abtrennen des eigenen Ichs von der Bühnenfigur, sowie dem sich zur Verfügung stellen für diese Figur und deren Geschichte – ganz und gar und mit jeder Faser des eigenen Körpers und des eigenen Geistes.

Pfauen/Kammer

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