Zürich, im April 1968: Demonstranten verbrennen am Limmat-Ufer eine Vietcong-Puppe mit Napalm und marschieren danach zum europäischen Sitz der Dow Chemical Company, dem Hauptproduzenten von Napalm, wo sie die symbolische Leiche niederlegen. Einige Monate später erreichte die lokale 68er Bewegung in den Strassenschlachten um das Globusprovisorium auf der Bahnhofbrücke ihren Höhepunkt. Der Rest ist Schweizer Demokratiegeschichte. Fünfzig Jahre später stösst sich die Generation ‘18 die Köpfe an der Demokratie wund. Das Gespenst der Postdemokratie beherrscht Zürich und die Welt: Der Einfluss der Wirtschaft auf politische Prozesse, die Wandlung des Citoyens zum Homo Digitalis, der globale Handel, welcher die Grenzen von Staaten im Alltag zunehmend auflöst, Staatsgewalten und öffentliche Dienste, die in Frage gestellt werden, politische Sachverhalte, welche die Kompetenzen von Parlamentariern und Stimmbürgern überfordern … Führt all dies dazu, dass die Gestaltung der Welt heute Eliten, Lobbyisten und anderen Global Players überlassen wird, wie es Colin Croutch schon 2004 in seinem Essay über die „Postdemokratie“ polemisch postulierte? Anlass genug für eine theatrale Bestandesaufnahme im Jubiläumsjahr der 68er. Die Aufführungen und Lesungen, Diskussionen und Konzerte, die Sie im Frühling `18 im Schauspielhaus sehen werden, sind im weitesten Sinne Diagnosen der Demokratie in Zeiten der Konfusion. Sie spüren die Utopien, Phantasmen und Alpträumen unserer Zivilisation auf, befragen die gesellschaftliche Gegenwart mit Dramen und Mythen aus der Vergangenheit, erzählen Geschichten in politischen Kontexten, reflektieren Kräfte gemeinschaftlichen Zusammenlebens mit den Mitteln der Bühne und mischen sich ein in die Debatten um anstehende politische Entscheidungen.

Elfriede Jelinek fragt in ihrem neusten Theaterstück „Am Königsweg“, wie eine Erscheinung wie Donald Trump an die Macht kommen konnte und findet Antworten in der neoliberalen Zeitenwende und im Versiegen der Worte von Dichtern und Denkern. Zeit seines Lebens beschäftigte sich Max Frisch mit Zukunftsvisionen der Agora – als Dichter, Architekt und kritischer Bürger der Stadt. Auf einer Tour an Schauplätze seines Schaffens widmen wir uns seinem Werk jenseits der grossen Romane und Dramen. Zwei politische Komödien der Weltliteratur machen die zerstörerischen Kräfte erlebbar, die das dünne Eis der Zivilisation zum Einsturz bringen können: Horváths „Zur schönen Aussicht“ entstand während der fragilen demokratischen Ära der Weimarer Republik und handelt in Barbara Freys Inszenierung vom radikalen Verlust von Mitgefühl und politischer Vision. In William Shakespeares „Mass für Mass“ (in der Inszenierung von Jan Bosse) beherrschen Lust und Begierde die Machtstrukturen der Politik. Christoph Marthaler erlöst die helvetischen Wirtschaftssünder der Gegenwart mit Richard Wagner und Udo Jürgens, während René Pollesch mit Unterstützung von Sophie Rois und Anna Viebrock in „Hello, Mister MacGuffin!“ Gegenwartsdiagnose als swingenden Theaterdiskurs betreibt. Vom Fremdsein jüdischer Exilanten im vermeintlichen Schutz der Schweizer Demokratie während des Zweiten Weltkriegs erzählt „Das grosse Herz des Wolodja Friedmann“. Das dokumentarische Theaterprojekt „Sweatshop – Deadly Fashion“ durchleuchtet die innovativste Branche der Weltwirtschaft: die Modeindustrie und fragt nach den Zusammenhängen von Sexyness, Gier und Produktionsketten eines Systems, das uns innert weniger Jahre zu Abhängigen gemacht hat. In ihrer Re-Lektüre des Kommunistischen Manifests entdeckt die Schauspielerin Susanne-Marie Wrage die Dystopie einer Welt, in der auch die privatesten Verhältnisse ökonomisiert werden. Ferdinand von Schirach beschäftigt sich auf seiner Lesereise mit Sokrates, dem Gründervater der attischen Demokratie, und liest ausserdem aus seinem neuen Erzählband „Strafe“. Im Pop Up Magazin überlassen wir die Theaterbühne der Vierten Gewalt des Staats: Miriam Meckel sucht mit Gästen nach neuen Geschichten für den Journalismus. In den „Zürcher Gesprächen“ steht die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch dem Schweizer Dichter Lukas Bärfuss Rede und Antwort. Sonic Fiction heisst die politisch versierte Musikreihe, die wir gemeinsam mit den Musikfestivals Norient (Bern) und Rewire (Den Haag) organisieren und die musikalische Reflexionen über die Welt von morgen als Popmusik auf die Pfauenbühne bringt. Willkommen im demokratischen Frühling!

Auswahl im März:

Am Königsweg 16./18./28. März
Mir nämeds uf öis 31. März
Zur schönen Aussicht 1./2./4./6./7. März
Hello, Mister MacGuffin! 6./7./11./14./16. März
Zürcher Gespräche mit Corine Mauch und Lukas Bärfuss 4. April

Beim Kauf ab zwei Karten für unterschiedliche Veranstaltungen des Demokratischen Frühlings erhalten Sie im Zeitraum März bis Mai 20% Rabatt auf den Vollpreis. Dieses Angebot ist nur an der Theaterkasse, Tel. +41 44 258 77 77, nicht aber online erhältlich. Ermässigungen sind nicht kumulierbar.

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