Hey Grosser, Zeit zu quatschen?

Der Autor Christoph Bohne hat sich die Inszenierung My Heart Is Full of Na-Na-Na von Suna Gürler angeschaut, und im folgenden Erfahrungsbericht seine Gedanken festgehalten: entstanden ist ein Text über Trauerarbeit und Männlichkeit(en), der für das heilende Potenzial von Kommunikation und Emotionen plädiert. 


von Christoph Bohne
erschienen am 17. November 2022

Ich bin keine Pussy. Ich helfe mir selbst. Ich kann das allein. Sätze, die im Hinterkopf von vielen Männern schwelen. Sätze, die auf dem Misthaufen einer toxischen Maskulinität wachsen, die uns allein und isoliert mit dem Zwang zurücklässt: Bloss keine Schwäche zeigen. Was fühlen, wenn man Gefühle nicht kennt? Wenn man statt sich zusammenzusetzen lieber mit Worten «ringt». Statt sich Hilfe zu suchen, mit Gefühlen «kämpft». Maskulinisten wie Andrew Tate festigen über soziale Plattformen weiterhin diese selbstzerstörerischen Tendenzen in Männern, indem sie das schon altbewährte Bild des gefühlskalten «Manns» propagieren, der durch Gewalt und Aggression die Unterdrückung von anderen, meistens Frauen, rechtfertigt. Deswegen bin ich froh, im Stück My Heart Is Full of Na-Na-Na von Lucien Haug, inszeniert von Suna Gürler, ein Aufbrechen dieser Verhaltensmuster im Kontext einer trauernden Familie zu finden.

Die rote Beleuchtung zieht dunkle Schatten über das gespannte, auffallend junge Publikum in den ausverkauften Sitzen. Auf einmal wird es dunkel: Bühne ab - Auftritt Tearjerker. Grell angeleuchtet, mit glitzerndem Kitschkostüm und silbernen Tränenmakeup präsentiert sich Tearjerker als erfolgloser ESC-Musiker und scheinbarer Comical Relief Charakter - eine Einschätzung, die täuscht. Er lamentiert kurz über seine verlorene Gabe, die Menschen mit seinen Songs zum Weinen zu bringen, untermalt mit einer Fontäne silbernen Kunsttränen, die er sich per Pumpe aufs Gesicht spritzt, bevor er wieder verschwindet. Mit ihm geht auch die Leichtigkeit, zumindest vorerst, während dicke, rote Seile von einem Gerüst auf die Bühne gelassen werden, sodass sich ein leicht schwingendes, zerfasertes Labyrinth über das Geschehen legt. Durch dieses Labyrinth der Gefühlsstränge taumelnd, führen uns der offensichtlich depressive Vater Alain und sein Sohn Bilge in einen dysfunktionalen Haushalt ein. Die beiden reden einander vorbei. Der Vater hantiert mit Artefakten der toten Partnerin und ertränkt die Worte des Sohnes in den Gitarrenklängen ihres Lieblingsalbums. Währenddessen läuft Bilge ihm hinterher, versucht die Selbstverletzungswunden des Vaters zu verpflegen, spricht ihn auf die im Raum verstreuten Mahnbriefe an und fragt, ob er nicht eine Notfallpsychologin sehen will. Es kommt zum Streit statt eines Gesprächs: Ein Vater, der seinen Sohn anschreit, er solle ihn in Ruhe lassen, von sich stösst und ihn allein auf der Bühne stehen lässt.

Während meiner Recherche im Bereich Trauer stolpere ich noch oft auf die Vorstellung, dass Trauer in fünf Phasen abläuft: Nicht-Wahrhaben-Wollen, Zorn, Verhandeln, Depression und Akzeptanz. Tatsächlich ist Trauer Chaos. Es gibt keine Phasen und keine Regeln, sodass jedes Gefühl Teil der Trauer werden kann und darf. Doch im Zerrbild der «Männlichkeit» sind Aggression und Gewalt die einzigen, erlaubten Trauergefühle. Die Konsequenz eines derartigen Verhaltens spielt sich nun vor den Augen des Publikums ab: Eine trauernde Familie, die Hilfe braucht, sie aber nicht sucht.

Doch zum Glück taucht ein Engel in schlecht sitzendem Glitzerkostüm und ramponierten Flügeln auf: Tearjerker. Schon mit seinen ersten Sätzen an Bilge entpuppt er sich als emotionalen Katalysator des Stücks:

BILGE: Sie gönd zumene Psycholog?

TEARJERKER: Natürlich. Wie soll man die ganze Scheisse denn sonst aushalten?

Bilge, als großer Fan von Tearjerker und seiner Musik, bittet ihn ins Haus hereinzukommen und bringt mit ihm das erste Mal einen männlichen Charakter in die Szene, der als direkter Gegensatz zum problematischen Verhalten des Vaters inszeniert ist: Mit viel Witz und emotionaler Finesse springt er sofort Alain an, er solle zur Psychologin und fragt im selben Atemzug die Familie nach Hilfe. Sein Charakter wirkt wie ein grosses Fragezeichen, das sich hinter die Normalität der Geschlechterordnung innerhalb der Familie hängt - eine Intervention in die Selbstverständlichkeit der Gendernormen. Die Naivität und emotionale Verletzlichkeit von Tearjerker, gepaart mit seinen vielen lustigen, doch im Unterton ernsten Kommentaren an das Publikum bilden eine Brücke zwischen uns als Zuschauer*innen und der Familie, sowie im Verlauf der Geschichte auch zwischen den Familienmitgliedern untereinander. Dabei lernen wir auch Timur kennen, Bilges älteren Bruder. Er war mit der patriarchal geprägten Fürsorgeverteilung der Eltern, der Vater passiv-distanziert aufgrund seiner Depression, die Mutter in der traditionellen Care-Rolle, schon vor dem Tod frustriert. Die Entfremdung von Vater und Sohn gipfelte dann darin, dass Timur die Beerdigung der Mutter vermied, nachdem Alain sich bei der Organisation nicht helfen lassen wollte. Seitdem gibt es keinen Kontakt zwischen den beiden.

In Einzelszenen knüpft Tearjerker nun jedoch mit Bilge, Alain und Timur, gemeinsam die Gefühlsknoten auf, die der Tod der Mutter hinterlassen hat. Mit jedem Dialog arbeiten sich Gefühle an die Oberfläche der bisher verschlossenen Charaktere: Bilge öffnet sich über die Unfallnacht und Schuldgefühle, während Alain über die Entfremdung von seinem eigenen Vater sowie seine Depression reflektiert. Timur spricht über seine tote Mutter und wie sehr er seine Familie glücklich sehen will. Selbst Tearjerker öffnet sich: über seine Suizidgedanken, über Vorurteile und Selbstzweifel. Die Thematisierung von Suizid wird dabei bewusst betont in Szene gesetzt. In der Schweiz machen Männer weiterhin den grössten Teil der Suizidtoten aus. Die Hilflosigkeit, die mit der Unterdrückung von Gefühlen einhergeht, führt in eine Sackgasse, aus der es scheinbar nur noch einen Ausweg gibt. Doch indem die Charaktere genau in diesen Momenten wieder zueinanderfinden, unterstreicht My Heart Is Full of Na-Na-Na noch einmal: Es ist menschlich zu fühlen, weswegen es keine Schwäche ist, Hilfe zu suchen und sie zu finden. Im Gegenteil: Wir sehen, wie dadurch die Bindung innerhalb der Familie zunimmt, Freundschaften entstehen und neue Chancen geboren werden.

Das Stück lebt von eben diesen Szenen, in denen die Charaktere mit ihren angelernten, toxischen Verhaltensmustern brechen und beginnen, ihre Gefühle zu erkunden. Im Auge der Trauertheorie geht mit diesem Sinneswandel und Öffnen hin zu alternativen Formen der Männlichkeit ein deutlicher Wandel der Copingmechanismen (Bewältigungsstrategien) der Spieler einher: Bevor sich die Männer öffnen, ist der Umgang mit der eigenen Trauererfahrung geprägt von Ablenkung, Verleugnung, Distanzierung, Selbstvorwürfen und Selbstverletzung - auch bekannt als »vermeidend-emotionale» Bewältigungsstrategien. Letztere verhindern die aktive Auseinandersetzung mit der Trauer. Ihr Ziel besteht darin, mit allen Mitteln und häufig auf die Kosten der eigenen mentalen und körperlichen Gesundheit die Auseinandersetzung mit dem Geschehenen zu vermeiden. Sie sind meist Reaktionen der Trauernden auf die Angst, durch ihre Trauer stigmatisiert zu werden. Darunter zählt, ‘schwach’ zu wirken vor Mitmenschen, ebenso wie das Gefühl, eine Last für andere zu sein. Doch durch die Auseinandersetzung mit dem angelernten Verhalten verlagern sich die Bewältigungsstrategien: von vermeidend-emotionalen zu Problem-fokussierten und aktiv-emotionalen Copingmechanismen. Problem-fokussiertes Coping zeigt sich in der Entscheidung von Alain, eine Psychologin zu besuchen, während im Venting (Entladen von Emotionen) zwischen den Männern, ebenso wie in der körperlichen wie seelischen Unterstützung untereinander aktiv-emotionale Strategien thematisiert werden. Der Verlust der Mutter sowie die eigenen Geschlechternormen werden auf diese Weise einem positiven Reframing (Perspektivenwechsel) unterzogen.

Untermalt durch den effektiven Einsatz des Bühnenbildes beginnt die Familie auf diese Weise zusammen den Haushalt zu flicken, sodass das Wirrwarr aus Gefühlssträngen, das anfangs über der Bühne liegt, zum Ende des Stücks verschwunden ist. Auch die materialistischen Erinnerungsstücke der Mutter treten in den Hintergrund: Stattdessen erinnern sich die Charaktere an die Lektionen, die ihnen die Verstorbenen einst lehrte. Hiermit erkennen wir als Zuschauer*innen die Persönlichkeit der Mutter gegen Ende hin in den anderen Charakteren, ohne dass sie selbst auf der Bühne erscheint. Sie dient somit als Erinnerung daran, wie wichtig Offenheit gegenüber Menschen wie der erwähnten Psychologin ist, die den Umgang mit Gefühlen kennen und lehren.

My Heart Is Full of Na-Na-Na erzählt eine Geschichte, die getragen von einem überzeugendem Ensemble, emotionaler Finesse und einer klugen Inszenierung Trauer im Kontext einer toxischen Maskulinität auf den Punkt bringt. Das Stück erforscht die Ursachen toxischer Maskulinität, ihre selbstzerstörerischen Folgen und wie Reflexion und Eigenerkenntnis einen Ausweg aus patriarchalen Tendenzen bieten. Dabei wird die Vielseitigkeit dieser Tendenzen anhand der unterschiedlichen Charaktere realitätsnah dargestellt. Als Publikum sehen wir zu, wie die vier männlich sozialisierten Spieler lernen, Verbundenheit und Beziehung für sich zu entdecken, indem sie über Trauer und Depression sprechen und neue Fürsorgerollen einnehmen. Ich persönlich empfand es als besonders erfrischend, ein Stück miterleben zu dürfen, das mich aktiv ermutigte, meinen Gefühlen freien Lauf zu lassen, sodass ich mich in keinem Moment meiner Tränen schämte. Im Gegenteil: von Tearjerker ermutigt und am Ende im Einklang mit der Familie erschafft Lucien Haug einen emotionalen Raum, in dem das Weinen als Versinnbildlichung der Trauer das Publikum in die innige Liebe einer heilenden Familie einbindet. Trauer ist somit nicht länger die Konsequenz des Todes, sondern die Fortsetzung der Liebe über den Tod hinaus, die den Zusammenhalt innerhalb einer Familie umso mehr schüren kann. Auf dem Weg nach Hause in der kalten Novemberluft blicke ich auf mein Handy und sehe einen offenen Chat mit meinem Bruder. Mit Tearjerkers Songs im Hinterkopf schreibe ich: Hey Grosser, hast du demnächst Zeit ein bisschen zu quatschen?