Pauline Avognon:
Ich kann dich stützen

In Hinblick auf die Premiere von Bullestress wirft Enno Rennenkampff mit dieser Interviewreihe ein Licht darauf, was es bedeutet Theater und Kunst zu den Themen Rassismus und Polizeigewalt zu machen und an einer solchen Produktion beteiligt zu sein. Enno ist Teil des Theaterjahres am Schauspielhaus Zürich, spielt selber Theater im Theaterkollektiv Spotless aus Bern und schreibt nebenbei Texte zu Gender, Ängsten und der eigenen Identität.

Das Stück Bullestress, geschrieben von Fatima Moumoni und Laurin Buser, verhandelt wie fünf junge Freund*innen, die durch ihre Leidenschaft zur Musik verbunden sind, mit einem Vorfall rassistischer Polizeigewalt in ihrem Freundeskreis umgehen. Pauline Avognon, Maturand*in und momentan Teil des Theaterjahres, spielt Ella. Pauline stand letztes Jahr mit dem Club 4 auf der Bühne des Schauspielhaus Zürich.


von Enno Rennenkampff
erschienen am 17. Januar 2022

Enno Rennenkampff: Was dachtest du als erstes, als du den Text gelesen hast?

Pauline Avognon: Ich kannte Fatima Moumouni und Laurin Buser und ihre Arbeit nicht so gut, doch als wir den Text gelesen haben, habe ich mich direkt verliebt! Obwohl es ein ernstes Thema ist, bringen sie in den richtigen Zeitpunkten lustige Momente rein. Es ist sehr ausgeglichen, spannend und klug geschrieben.

ER: Konntest du dir das Stück schon auf der Bühne vorstellen, als du den Text gelesen hast?

PA: Die Charaktere und die Diskussionen, die sie führen, konnte ich mir definitv vorstellen, jedoch mehr wie in einem Film und nicht wirklich wie in einem Theaterstück.

ER: Kostüme helfen ja auch sehr, sich Charaktere auf der Bühne vorzustellen - hattest du schon einen gewissen Style im Kopf? Wie gefallen dir die Kostüme bis jetzt?

PA: Sarah Seini, die Kostümbildnerin von diesem Stück, hat uns ihr Konzept vorgestellt, bevor wir den Text gelesen haben. Dadurch hatte ich eine Idee, wie es aussehen wird und konnte es mir besser vorstellen während dem Lesen. Trotzdem habe ich mir Einiges etwas anders vorgestellt. Ella hat zum Beispiel Kostüme, die sehr farbig sind, ich dachte sie wären viel schlichter. Da bin ich sehr neidisch auf Damians (red. Anmerkung: eine weitere Figur im Stück, gespielt von Flynn Jost) Kostüme, die sind richtig nice. Die würde ich auch sonst in meinem Leben anziehen wollen.

ER: Hilft dir das Kostüm beim Spielen deiner Rolle?

PA: Auf jeden Fall! Ich habe so eine Bauchtasche und wenn ich die anziehe, dann bin ich Ella. Ich kann es nicht erklären, aber in dem Moment bin ich so: Okay, jetzt bin ich in meiner Rolle.

ER: Kommen wir zu Ella, deiner Rolle. Als du erfahren hast, dass du sie spielst, was dachtest du?

PA: Es ist ein bisschen schwierig bei Ella. Es ist eine sehr wichtige Rolle, da es um die Polizeigewalt geht, die ihrem Bruder zugefügt wurde, und Ellas Auseinandersetzung damit. Das Publikum geht mit Ella mit, wie sie den Vorfall und alles was daraus folgt, verarbeitet. Es war deshalb einerseits sehr schwer, weil ich weiss, dass ich jetzt die Verantwortung übernehmen, all diesen Themen auf der Bühne gerecht zu werden. Andererseits habe ich auch Freude und finde es spannend, weil es eine grosse Chance für mich ist und ich mich auch in gewissen Textstellen wiedererkenne. Es gibt Momente, in denen ich mich wirklich genauso fühle wie meine Rolle. Das wiederum macht das Ganze etwas schwierig, denn man soll sich eigentlich abgrenzen.

ER: Und wie würdest du sagen verändert sich die Einstellung von Ella zum Thema Musik, Freundschaft und auch Rassismus im Laufe des Stückes?

PA: Ella wird zunehmend frustrierter. Sie versteht einfach nicht, wie die Leute um sie herum es nicht so ernst nehmen können, wie sie selbst. Dinge, wie die Musik und die Musikkarierre sind ihr irgendwann nicht mehr so wichtig, denn es ist etwas sehr Schlimmes geschehen, das schon so oft passiert ist und immer noch so oft passiert. Die anderen in der Band wollen dann aber irgendein Album aufnehmen, viral gehen und irgendwelche Ablenkungen kreieren, doch Ella geht es jetzt darum, was passiert ist. Sie findet, sie müssen etwas dagegen tun. Sie ist einfach wütend und versteht nicht, wieso ihre Freund*innen sie nicht verstehen.

ER: Möchtest du etwas von Ella auch in dein Privatleben mitnehmen?

PA: Ella kennt ihre Grenzen besser als ich persönlich. Ab einem gewissen Punkt halten sie ihre Freund*innen zurück, aber sie stellt sich dem entgegen und muss es jetzt einfach alleine machen. Das könnte ich persönlich von ihr lernen. Mir fällt es sehr schwer, mich selbst zu behaupten. Das macht sie wirklich gut. Aber ihre Auseinandersetzung mit dem ganzen Thema und wie sie das an sich ranlässt, das ist 2020 auch mir passiert, während der Black Lives Matter Bewegung. Dorthin will ich nicht zurück. Man fällt wirklich in ein Loch und das kann gefährlich werden. Die Entschlossenheit, die Ella in gewissen Momenten hat, das möchte ich von ihr lernen. Dass sie voll aus sich hinausgehen kann, finde ich sehr schön.

ER: Was konntest du sonst in dieser Probenzeit bisher lernen?

PA: Ich lerne vor allem von meinen Mitspielenden, denn wir alle sind sehr verschieden. Alle sind speziell auf ihre eigene Art und Weise und doch sind wir eine Einheit. Wir sind einzelne Personen, aber auf der Bühne sind wir wirklich eins und wenn wir zusammenhalten, dann geht es gut auf. Wenn wir nicht zusammenhalten und nicht verbunden sind, dann geht es gar nicht. Dieses Bewusstsein dafür, dass man ein Team hat, dass man aber selber auch ein Teil von einem Team ist - ich habe wirklich gelernt, dass wir uns gegenseitig stützen dürfen.

ER: Ihr seid ja auch eine Crew, eine Band im Stück. Du selbst spielst auch in einer Band mit, den Manic Pixxies. Ist die Dynamik in deiner Band ähnlich wie bei der im Stück?

PA: Es ist ziemlich anders. In meiner Band sind wir alle weiblich gelesene Personen. Das macht schon mal einen Unterschied, welche Musik und Themen wir ansprechen und wie wir miteinander umgehen. Auch unsere Position in der Musikszene in Zürich zum Beispiel, wie wir uns dort behaupten, ist anders. Wir sind alle nicht reich. Im Stück, ist das ein bisschen anders, da haben sie einen Bandraum, der im Haus von Astro (red. Anmerkung: eine der anderen Figure im Stück, gespielt von Fayrouz Gabriel) ist und Astros Geld kann ihnen vieles finanzieren. Zudem gibt es in der Crew im Stück zwei männlich gelesene Personen. Bei den Manic Pixxies schreiben und komponieren wir alle zusammen die Musik und es ist immer ein kollektives Ding. Bei der Band in Bullestress gibt es klare Aufgaben.

ER: Gibt es Momente von den Proben, die dir speziell geblieben sind?

PA: Jeder Tag ist sehr anders und schön. Die lustigsten Momente sind entweder auf der Bühne, zwischendurch in der kurzen Besprechung oder vor allem auch, wenn wir eine Zigarettepause machen, wo wir oft die Probe und das Ausprobierte reflektieren. An einem Abend haben wir mit den Spielenden und den Hospitant*innen Glühwein gemacht und das war richtig gut. Dort konnten wir uns alle ein bisschen besser und anders kennenlernen - ich glaube, dadurch sind wir uns jetzt auch näher auf der Bühne. Mein persönliches Highlight ist, dass ich eine neue gute Freundin gefunden habe, Fayrouz.

ER: Jetzt seid ihr von der Probebühne weg und probt nun auf der richtigen Bühne in der Box, wie fühlt sich das an?

PA: Das ist sehr komisch. Plötzlich ist da viel mehr Druck. Es ist toll wie anders und qualitativ besser das Licht und die Musik ist und es dadurch mehr Kontraste gibt. Die Veränderungen, die jetzt gemacht werden, sind auch viel konkreter. Spannend und etwas beängstigend, weil wir dort dann unsere Premiere haben und all unsere Auftritte. Es ist aufregend, komisch, toll - ich durchlebe gerade alle Emotionen!

ER: Du hast es gerade angesprochen, bald habt ihr Premiere, wen wünschst du dir im Publikum?

PA: Meine beste Freundin Binta! Wichtiger ist mir aber, dass Leute kommen, die sich noch nicht so sehr mit der Thematik des Stückes auseinandergesetzt haben. In meiner Bubble ist das vielen bereits bewusst und die sind informiert. Ich werde mehr Menschen einladen, denen es noch nicht so bewusst ist, die in ihrer eigenen Bubble sind, die diese Themen nicht so sehr auf dem Schirm haben. Aber es würde mir auf jeden Fall Kraft geben, wenn Binta da wäre.

ER: Gibt es noch irgendetwas, das du gerne sagen möchtest?

PA: Ich habe noch nie in so einer professionellen Produktion gearbeitet und ich denke, obwohl ich auch sehr viel Respekt davor hatte, habe ich vieles auch romantisiert. Aber ich hatte keine Ahnung, wie es wird. Deshalb möchte ich noch einen Shoutout machen an Mandy Abou Shoak, die als Anti-Rassimus Coach bei uns mitarbeitet. Ich bin ihr sehr dankbar für die Workshops, die sie mit uns macht. Ich glaube, hätten wir diese nicht gehabt, wäre das noch viel schwieriger gewesen, emotional und psychisch bei diesem Stück zu bleiben. Es heisst zwar immer: «Distanzier dich von dem Thema, es ist jetzt deine Rolle, du bist nicht du selbst», aber trotzdem ist es etwas, was du jeden Tag erlebst. Manchmal, wenn ich zur Probe komme oder wenn ich nach Hause fahre, erlebe ich Mikroagressionen. Deshalb ist es ein bisschen schwierig, sich zu distanzieren, aber dadurch, dass wir Mandy hatten und wir auch immer wissen, dass wir sie kontaktieren dürfen und auch sollen, wenn wir sie brauchen, kann ich besser damit umgehen. That's really good!