Directors Talk:
Trajal Harrell und
Christopher Rüping

In der Reihe Directors Talk nehmen Sie unsere Hausregisseur*innen Alexander Giesche, Suna Gürler, Trajal Harrell, Yana Ross, Christopher Rüping, Nicolas Stemann, Wu Tsang sowie Co-Intendant Benjamin von Blomberg in acht Gesprächen mit in die Produktionen der Spielzeit 2021/22. Sie haben sich während des zweiten Lockdowns auf Zoom zum Austausch über das Hier, Jetzt und Morgen getroffen, immer zu zweit, einmal reihum. Die Gespräche sind Teil des Saisonvorschau, die die Spielzeit 2021/2022 vorstellt und ab sofort in all unseren Spielstätten ausliegt, sowie kostenlos online bestellt werden kann. 


erschienen am 29. August 2021

«Ich will mich selbst in Ruhe lassen.»

[15:01] Trajal Harrell: Hi Christopher. Christopher Rüping: Hi Trajal. Wir sind so pünktlich, es ist unglaublich. Guck mal, wie pünktlich wir sind. Ich komme gerade von Wu, also habe ich ein bisschen geschummelt. Wu und ich haben gerade gesagt, dass wir beide irgendwann in unserer Karriere Opern machen wollen. Und da ich ein bisschen über das Projekt weiss, das du nächste Saison machen wirst, habe ich an dich gedacht! Ja. Zuallererst: Ich würde gerne eine Oper von Wu und von dir sehen. Bitte, wenn du sie jemals machst, lass es mich wissen, damit ich kommen und sie sehen kann. Für mich ist das mit der Oper eine seltsame Sache. Mein Vater war ein Fan von Richard Wagner, vom Ring des Nibelungen; und als ich zwölf war, nahm er mich mit, um den letzten Teil des Rings in Hannover zu sehen, wo ich aufgewachsen bin. Es war ein so überwältigendes Erlebnis, dass ich danach zwei Wochen lang körperlich krank war. Und jetzt haben wir uns dieses Wagner-Ding ausgedacht und ich mache den Ring nächste Saison... Ich weiss nicht, was ich davon halten soll. Obwohl Wagner bei dem Projekt nur in Zitaten, in der Atmosphäre, vielleicht in einigen Geräuschkulissen vorkommen wird. Und du? Wirst du in der nächsten Saison auch an einer Oper arbeiten? Speziell mit Musik arbeiten? Ich werde nächstes Jahr für meine erste Produktion mit Asma¹ zusammenarbeiten und das ändert einiges für mich. Normalerweise mache ich die Musik für meine Stücke selbst, hauptsächlich auf iTunes und Garage-Band. Aber irgendwie möchte ich jetzt tiefer in die Musik einsteigen. Ich bin auf einem anderen Weg, mich mit Musik zu beschäftigen. Ich nehme an, du machst Originalmusik für den Wagner? Zwei Musiker werden mit uns zusammenarbeiten: Black Cracker², der in Berlin ansässig ist und einen sehr breiten musikalischen Hintergrund hat, und Jonas Holle, mit dem ich schon einmal zusammengearbeitet habe. Wir haben viel über diese ganze Idee von Wagners «Gesamtkunstwerk» gesprochen, ein Mann, der alles macht: Musik, Text, Bühnenbild und Kostüme, alles aus einer Perspektive. Wir würden das gerne ändern und viele verschiedene Perspektiven und Hintergründe haben. Deshalb haben [Black] Cracker und Jonas [Holle] ein Orchester aus Musikern zusammengestellt - allerdings kein Orchester im klassischen Sinne, sondern eine Gruppe von unabhängigen Musikern mit verschiedenen Hintergründen, die sehr unterschiedliche Dinge machen. Jeder dieser acht Musiker komponierte acht Minuten Musik. Jetzt haben wir diese 64 Minuten von Wagner inspirierte oder sich irgendwie auf Wagner beziehende Musik; und diese 64 Minuten werden sich zu einer dynamischen Partitur fügen, die von Cracker aus all diesen Stücken generiert wird. Für mich ist das eine völlig neue Herangehensweise an Musik und es ist interessant, dass du eine ähnliche Veränderung beschreibst. Als ich dein Köln Concert³ gesehen habe, bemerkte ich schon, dass da eine andere Herangehensweise an die Musik ist, als du sie vorher hattest. Es gab mehr Konzentration, mehr Einfachheit als früher, als du viele verschiedene Musikstile kombiniert hattest. Wirst du das auch weiterhin so machen? Können wir erwarten, dass nur ein einziges Musikstück in deiner Inszenierung zu hören sein wird? Vielleicht ein Werk von Asma? Für mein erstes Stück Monkey off my Back or the Cat's Meow, bei dem ich mit Asma zusammenarbeite, werden wir eine Collage erstellen, so wie ich es normalerweise mache. Ich denke, Asmas Talente werden es mir erlauben, Dinge zu tun, die ich bisher nicht tun konnte. Eigentlich versuche ich in jeder Saison jeweils ein Stück zu denken, das stärker auf Text basiert und ein Stück, bei dem ich tiefer, tiefer, tiefer in die Musik eintauche. Ich denke also, dass ich mit dem zweiten neuen Stück mehr in die Musik gehen möchte. Wie viele Stücke wirst du nächste Saison machen? Ich mache zwei. Oder naja, drei. Das eine ist Monkey, das oben erwähnt wurde. Dann werde ich ein Stück machen, an dem wir schon länger hängen, The Deathbed of Katherine Dunham, das vom 20. März auf den 21. auf den 22. März verschoben wurde. Deathbed ist fast fertig, der grosse erste Rohentwurf ist fertig, ich fühle mich sehr gut damit und muss keine grossen Änderungen mehr vornehmen. Wahrscheinlich ist es sogar gut, dass es für eine Weile ruhen musste. Und dann werde ich ein drittes Stück in Zürich machen, aber die Premiere im Mai 2022 wird nicht hier stattfinden und es kommt erst in 22/23 nach Zürich. Also, ich werde in der nächsten Saison zwei neue Stücke in Zürich uraufführen. Wenn du in der nächsten Saison an drei Stücken arbeitest, wie denkst du über den Massstab in diesen Stücken? In den meisten der Arbeiten, die ich von dir kenne, war eine ähnliche Anzahl Leute auf der Bühne, ausser bei In the Mood for Frankie⁴. Die meiste Zeit wart ihr sieben oder neun Tänzer*innen auf der Bühne? Ich denke, das ist eine Staatstheater-Sache. Frankie wurde von meiner eigenen kleinen Kompanie produziert, also waren wir nicht in der Lage, etwas Grosses zu machen. Neun auf der Bühne war riesig für uns. Die grösseren Stücke kamen, als ich in grössere Institutionen eintrat. Es hat sich nach und nach entwickelt. In Monkey off My Back or the Cat's Meow geht es mir um Darsteller*innen. Ich mache es gross. Ich möchte eine grosse Besetzung haben. Ich arbeite auch in Museen und mache Stücke für bildende Kunst-Kontexte, aber ich denke, das staatliche Theatersystem hat mir die Möglichkeit gegeben, in einem grösseren Massstab zu arbeiten. Etwas, das ich mit meiner eigenen Kompanie nicht tun könnte. Ich betrachte Monkey als ein extragrosses Stück. Extragross? Sehr schön. Meg Stuart⁵, eine Freundin und Mentorin für mich, hat viel mit mir über ihre Zeit hier am Schauspielhaus gesprochen. Und eine Sache, die sie mir riet, war, darauf zu achten, dass ich Dinge in verschiedenen Dimensionen mache. Dass ich mich nicht nur auf den grossen Massstab einlassen soll, einfach nur, weil ich es kann. Ich bin mir bewusst, dass ich nach Zürich vielleicht nicht immer diese Möglichkeiten haben werde. Aber ich liebe auch die kleinen Stücke, ich liebe es, Dinge für ein kleines Publikum zu machen. Ich liebe das Gefühl dabei. Für mich hat die Anzahl der Leute, die auf der Bühne stehen, den grössten Einfluss den Massstab. Wenn ich eine Stunde und zehn Leute hätte, wären am Ende eventuell neun dieser zehn Leute unglücklich, weil sie das Gefühl hätten, nicht wirklich zur Arbeit beigetragen zu haben. Ich kann nur eine begrenzte Anzahl von Leuten in einer begrenzten Zeit managen. Verstehst du, was ich meine? Ja. Das ist beim Theater anders als beim Tanz. Im Theater haben die Schauspieler*innen wirklich das Gefühl, dass ihre Rolle eine bestimmte Zeit hat, vielleicht aufgrund der Länge des Textes, den sie sprechen. Beim Tanz hingegen ist es so, dass wir zusammen auf der Bühne stehen und etwas zusammen machen; das ist anders. Es kann natürlich dasselbe sein: «Oh, ich habe ein Solo und du hast kein Solo.» Aber ich glaube, es ist irgendwie einfacher für uns. Obwohl das natürlich auch ein Standardmechanismus sein kann. Wie sagt man so schön? «Es gibt keine kleinen Rollen, nur kleine Schauspieler*innen?» Gibt es das auch auf Deutsch? Ja, ich weiss, was du meinst. Aber sobald Sprache ins Spiel kommt, ist es anders. Es ist wirklich schwer, Sprache zu verstehen, wenn zwei Leute gleichzeitig sprechen. Es gibt immer eine Machtverschiebung, denn die sprechende Person braucht Stille um sich herum. Was das Sprechen angeht, gibt es keine wirkliche Möglichkeit der Gleichzeitigkeit. Ich mag an deinen Stücken sehr, dass die Performer nicht alle das Gleiche tun, sondern dass sie etwas tun, das in Beziehung zueinander steht. Es findet zur gleichen Zeit und im gleichen Raum statt, aber sie tun nicht das Gleiche. Im Theater kann man einen Chor bilden, in dem alle über das Gleiche sprechen, aber das fühlt sich sehr autoritär an. Dieses Gefühl mit einer Gruppe, wo jeder auf der Bühne steht, sein eigenes Ding macht und alles ohne Konkurrenz miteinander in Beziehung steht, das mag ich sehr. Und ich denke, diese Möglichkeit verschwindet, sobald man mit dem Reden anfängt. Aber in Monkey wirst du Sprache benutzen, richtig? Ich weiss es nicht. Ich arbeite in Monkey auch mit Schauspieler*innen und die Frage ist, wie wir die Tänzer*innen und Schauspieler*innen auf die gleiche Wellenlänge bringen. Ich denke, dass die Einbeziehung von Sprache eine Möglichkeit ist. Da ich eine grosse Besetzung habe, habe ich nicht viel Zeit, deshalb gehe ich davon aus, dass wir keine Texte produzieren, sondern bestehende Texte verwenden werden. Ich möchte mir einfach keine Sorgen um die Qualität machen. Und das Stück hat kein Thema! Meine Tendenz bei diesem Stück ist, es zu einem Püree zu machen. Ich bringe eine Menge Teile zusammen, gebe sie in die Küchenmaschine, püriere sie und backe sie dann vielleicht. Es geht darum, Spass zu haben. Ich habe das Gefühl, dass ich etwas irgendwie unterhaltsam machen kann. Wirklich unterhaltsam. Gerade wenn wir jetzt hoffentlich aus dieser Pandemie rauskommen, ist es wichtig, Dinge auch wieder zu geniessen, etwas Spass zu haben. Und kleine und wichtige Wege zu finden, das Leben zu feiern. ​Ist das der «Affe», den du dir vom Hals schaffen willst? Ja, ja, ja. Der Druck, die Koproduktionen, was auch immer es ist, du schaffst dir das alles vom Hals! Ich verstehe. Es ist schön, ja. Ich fühle das. Ich auch. Im Grunde genommen will ich mich selbst in Ruhe lassen; diesen ganzen Kampf, ein Stück und ein Thema zu entwickeln und dieses Thema und das, was ich sagen will, zu vermitteln. Wenn die Leute aus dem Stück herauskommen und einfach sagen «Wow, das war ein angenehmer Abend im Theater. Ich weiss nicht, was es war, aber ich habe mich amüsiert», dann wäre das grossartig. Ich möchte zum Vergnügen hingehen. Mir gefällt diese Idee sehr, sich von zu vielen Gedanken darüber zu befreien, was ein Stück sein könnte oder sollte. Das ist etwas, womit ich sehr kämpfe und ich denke, es geht vielen von uns so. Ich sehne mich nach diesem Zustand, in dem ich Leute einfach treffen kann und dann sehe, was passiert. Wenn wir den Ring in der nächsten Saison nicht machen würden, würde ich mich stark für dieses Projekt einsetzen, von dem ich immer wieder spreche: mit Nichts anfangen! Sozusagen mit dem «Affen vom Hals.» Bei Null anfangen, kein Bühnenbild... Hast du vorher ein Bühnenbild oder hast du nichts, wenn du anfängst? Wir haben ein Bühnenbild, aber es hat keine Bedeutung. Normalerweise habe ich es immer benutzt, um die verschiedenen Stränge zu verbinden, aber jetzt mache ich es einfach, weil ich es mag. Wenn nichts im Vordergrund steht, müssen wir natürlich darauf gucken, was im Hintergrund auftaucht, aber so weit bin ich noch nicht. Ich erzwinge keine Bedeutungen. Ich bin einfach mit den Leuten auf der Bühne zusammen. Ach, übrigens: Ich habe gehört, du hattest ein Blind Date mit dem Autor! Nun, ja. Das Blind Date lief gut, aber es war eigentlich kein Blind Date. Wir hatten eine kleine Vorgeschichte, auch wenn das eher ein gemeinsamer Raum als ein gemeinsames Erlebnis war. Wir haben uns sofort gut verstanden, ehrlich gesagt. Was Necati⁶ macht, ist, kanonische Texte zu überarbeiten. Er schreibt sie nicht neu, er sagt, er «bringt sie in Ordnung.» Das ist sein Ziel. Es ist ein sehr praktischer Ansatz. Es gibt auch etwas auf einer persönlichen Ebene zwischen uns, das passt. Ich weiss manchmal gar nicht, wie das funktioniert. Es ist einfach eine gute Verbindung. Das ist toll. Das passiert nicht immer. Trajal, jetzt haben wir schon eine Weile gesprochen und wir müssen zu einem Ende kommen. Aber es war super, super schön, mit dir zu reden. Ich habe das wirklich genossen. Ich glaube, es war einer meiner Lieblingsmomente seit unserer gemeinsamen Zeit in Zürich. Ahh! Mir geht's auch so. Also, einen schönen Tag noch. Dir auch, Trajal. Ciao ciao, Christopher. [16:07]

1 Asma Maroof ist Musikerin, Ensemblemitglied des Schauspielhauses Zürich und Teil von Wu Tsangs Kompanie Moved by the Motion.

2 Black Cracker ist ein amerikanischer Musiker, Dichter und Produzent. Er lebt und arbeitet in Berlin.

3 Trajal Harrells Köln Concert mit Musik von Keith Jarrett und Joni Mitchell hatte in der kurzen Zeit der Theatereröffnung im Herbst 2020 Premiere und ist nun wieder im Pfauen zu erleben.

4 In the Mood for Frankie war die erste Arbeit von Trajal Harrell am Schauspielhaus, aufgeführt während des Eröffnungsfestivals 2019

5 Die Choreografin und Tänzerin Meg Stuart arbeitete während der Intendanz von Christoph Marthaler 2000-2004 regelmässig am Schauspielhaus.

6 Necati Öziri schreibt eine Neufassung von Richard Wagners Ring des Nibelungen für das Schauspielhaus Zürich.