Directors Talk:
Benjamin von Blomberg und
Nicolas Stemann

In der Reihe Directors Talk nehmen Sie unsere Hausregisseur*innen Alexander Giesche, Suna Gürler, Trajal Harrell, Yana Ross, Christopher Rüping, Nicolas Stemann, Wu Tsang sowie Co-Intendant Benjamin von Blomberg in acht Gesprächen mit in die Produktionen der Spielzeit 2021/22. Sie haben sich während des zweiten Lockdowns auf Zoom zum Austausch über das Hier, Jetzt und Morgen getroffen, immer zu zweit, einmal reihum. Die Gespräche sind Teil des Saisonvorschau, die die Spielzeit 2021/2022 vorstellt und ab sofort in all unseren Spielstätten ausliegt, sowie kostenlos online bestellt werden kann. 


erschienen am 16. Juni 2021

«Wie leitet man eigentlich gemeinsam?»

[13:00] Nicolas Stemann: Hallo! Benjamin von Blomberg: Hallo! Na du, im Schiffbau. Na du, im Pippi-Langstrumpf-Haus. Komm, wir springen rein! Ja, lass uns springen. Wie war für dich die letzte Spielzeit? Oder: Bist du noch gerne Co-Intendant? Ich nehme die Frage jetzt einfach ernst, oder? Ja! Gut. Also was ich richtig schade finde, ist, dass Leonie [Böhm] in der kommenden Spielzeit nicht mehr als Hausregisseurin dabei sein wird. Ja, das ist es wirklich! Umso schöner, dass ihre Arbeiten und die Menschen, mit denen sie zusammengearbeitet hat, weiter hier sind. Und wir Medea* weiter zeigen, Leonce und Leonce, auch ihre Räuberinnen aus München für eine Aufführungsserie gastieren werden. Und wer weiss, was noch kommen wird… Ja, das stimmt. Da bleibt etwas und wird nachwirken. Ich schätze Leonie, ihre Arbeiten und ihre Art zu arbeiten sehr. Umso mehr macht es mich einfach traurig, dass sie nicht mehr dabei ist. Klar, auch die Möglichkeit, dass etwas nicht gelingt und man sich wieder trennt, gehörte von Anfang an dazu. Indem wir acht Hausregisseur*innen an einem Ort verbunden haben, haben wir ein verrückt ambitioniertes Projekt gestartet. Es gibt kein Vorbild für das, was wir hier tun. Es ist Pionier*innenarbeit. Zu dieser gehört nun auch, wahrzunehmen, dass sich etwas verändert. Wie und warum und wohin es sich verändert. Das möchte ich weiter verstehen und erfassen. Zuerst war ein Konzept und das hat eine Wirklichkeit geschaffen. Jetzt muss sich das Konzept an der Wirklichkeit und den Menschen orientieren. Ich bin auch gespannt darauf, was für eine Sprache und eine Form wir für die Transformationen unseres Projekts hier am Schauspielhaus noch finden werden. Der Referenzpunkt wird für mich aber immer «die Acht» bleiben. Ich bin nach wie vor vollkommen überzeugt von dieser Setzung. Und damit verbunden sind dann die Dinge, über die ich mich richtig freue. Was entsteht hier gerade alles! Es gibt bereits so viele Arbeiten, die in Erinnerung bleiben werden und sich der Geschichte dieses Hauses eingeschrieben haben. Ich fühle mich diesen Arbeiten und den Menschen, die sie geschaffen haben, sehr verbunden. Hatten wir uns eigentlich vorgenommen, nicht über Corona zu sprechen? Schön wär’s! Aber das geht nicht. Ich meine, richtig anstrengend wurde dieses Jahr ja darüber, weil durch Corona oft Kunst gar nicht erst entstehen konnte. Der Intendant*innenjob wurde stattdessen zum Bürokratiewahnwitz: Kurzarbeit, Hygieneverordnungen, Aerosolmessungen. Ja, es war immer wieder kaum auszuhalten, wie sehr Theater jenseits der Organisation von Theater gefehlt hat! Sinnlichkeit! Gefühle! Kontemplation! Stattdessen haben wir darauf spekuliert, dass auch beim Plänemachen Wärme entsteht. Na ja. Und das Andere, was schon irre anspruchsvoll ist, ist der Kulturwandel, den wir auf den Weg zu bringen versuchen und der hohe Ansprüche an uns alle stellt. Wie leitet man eigentlich gemeinsam? Wie wird Diversität zu einer sensibel gelebten und faktischen Kultur und bleibt nicht nur eine Überschrift? Wie gestalten wir das Schauspielhaus Zürich miteinander und füreinander aufregend und zugleich achtsam? Aber zurück zu deiner Frage: Bist du noch gerne Co-Intendant? Eigentlich schon. Seit Beginn unserer Intendanz herrschte zwar nie Normalität, und du hast so recht: das Zusammensein fehlt, das Theaterspielen vor Menschen – die Kunst! Aber auf institutioneller Ebene gibt es irre viel zu tun, das ist ja auch spannend! Wir leben ja in einer Zeit, die toll ist für Veränderungen und das Neu-Denken überkommener Strukturen. Es ist dennoch schmerzlich, dass das, worum es im Kern geht, so wenig stattfinden kann. Zum Glück habe ich, haben wir immer wieder Wege gefunden, dennoch künstlerisch tätig zu sein – wir haben wirklich viele Ersatzbühnen ge- und erfunden, vom Spielen in der Kirche über Musikalben, Bücher und natürlich auch Online-Formate. Da hilft es natürlich, dass wir das zusammen machen und ich ausserdem noch als Regisseur tätig bin. Das allerdings führt dazu, dass ich weniger als du mit Intendant*innen-Aufgaben konfrontiert bin. Trotzdem empfinde ich uns als ein Co-Intendanten-Team, auch in Situationen, in denen ich ohne dich bin. Und es gibt immer wieder Situationen, in denen Menschen im Haus mit unterschiedlichen Anliegen entweder dich oder mich ansprechen. Das bedeutet strukturell und machtpolitisch so viel! Ausserdem hast du einen künstlerischen Blick auf die Gestaltung der Institution. Auch deswegen bin ich weiterhin so überzeugt von unserem Hausregisseur*innenmodell. Auch wenn nicht alle Hausregisseur*innen Interesse haben, die Institution zu gestalten, einige sogar sehr institutionskritisch sind, sie nicht alle in Arbeitsgruppen und Sitzungen sitzen – es gibt mit euch Regisseur*innen Institutionsgestaltung durch Kunstmachen. Also die Art, wie ihr Kunst erarbeitet, gemeinsame Erfahrungsräume auf den Proben öffnet, auch mit der Technik und der Verwaltung und für all die Kolleg*innen. Und gerade du kannst sowieso nie aus deinen Intendantenschuhen raus und gestaltest somit die Institution auch dann, wenn du eigentlich Regie führst. Meine Hoffnung ist natürlich, dass sich das befruchtet und ich Erfahrungen, die ich im künstlerischen Arbeiten mache, auf institutionelles Arbeiten anwenden kann. Das hat mich ja überhaupt dazu bewogen, Intendant sein zu wollen. Aber das ist dann natürlich gar nicht so einfach. Was katapultiert dich denn derzeit am stärksten aus deiner Komfortzone? Na ja, alles, was ich tue und mache, sage ich nicht nur als Nicolas Stemann oder als guter Kumpel oder als Regisseur, sondern immer auch als Intendant. Das war mir am Anfang dieser Aufgabe überhaupt nicht so klar. Und bis einem das in Fleisch und Blut übergeht, dauert es. Ausserdem ist da natürlich auch dieses Machtding, von dem ich persönlich aber gar nicht besonders profitiere. Ich finde es nicht geil, Macht zu haben, auch nicht als Regisseur. Und ich frage mich: Ist es überhaupt möglich, mit diesen ganzen Schichten von Verantwortung und Macht künstlerisch wirklich frei zu bleiben? Diese Freiheit war ein grosses Privileg, das merke ich jetzt erst. Was denkst du, wo bist du in zehn Jahren? Das sind so die klassischen Einstellungsgesprächsfragen. Hast du so eine Frage schon einmal gestellt in einem Einstellungsgespräch? Nee! Ah doch! Einmal habe ich das schon gefragt, unseren Audience Developer Silvan Gisler – der konnte damit auch gar nichts anfangen… In zehn Jahren sind die Meere leergefischt und der Point of no return bei der Klimakatastrophe ist längst überschritten. Wenn wir so weitermachen. Vor 15 oder 20 Jahren hätte ich auch auf jeden Fall gesagt, ich bin nicht mehr am Theater. Da hätte ich mich geirrt, weshalb ich jetzt vorsichtig bin mit solchen Aussagen. Dennoch halte ich das auch jetzt für denkbar. Ich experimentiere ja ohnehin immer mit anderen Möglichkeiten, künstlerisch produktiv zu sein, das ragt also sowieso immer wieder raus aus dem Medium. Der soziale Aspekt am Theater ist natürlich toll – aber vielleicht macht es irgendwann mehr Spass, alleine zu sein und zu schreiben. Hat vielleicht auch mit dem Alter zu tun. Hast du eine Antwort auf die Zehn-Jahres-Frage? Puh. Manchmal denke ich, es ist für mich vor allem die Frage, wie lange die Inspiration und die Kraft noch reichen. Eigentlich bin ich permanent damit beschäftigt, mich das zu fragen: Ist das noch zwingend alternativlos, was wir machen!? Schon klar, ich habe gerade erst angefangen, bin ein Anfänger-Intendant. Aber Anfänger-Intendanten haben halt viele solcher Fragen im Schlepptau. Am Ende des Tages, glaube ich, suche ich ja eigentlich nach einem Zusammenhang, in dem ich gerne bin, als Mensch. Und bisher war das immer das Theater, wo ich einfach am liebsten war. Weil es gab einfach im Theater Menschen, durch die ich mich auf besondere und schöne, auf sanfte und herausfordernde Art und Weise gespiegelt und gesehen und gemeint gefühlt habe. Und manchmal gerate ich jetzt an etwas schwierige Fragen, seitdem ich Intendant bin: Ob man das richtige Wort und den richtigen Ton trifft. Ob man überhaupt bereit ist für manche Situationen und auch bereit festzustellen, dass man nicht für jede Situation gewappnet ist, dass man auch nur eine Perspektive ist und nicht alle Perspektiven einnehmen kann, dass man nicht für alle gleichermassen gut sprechen kann, dass man extrem viel lernen und verlernen muss. Das lässt manchmal jetzt den persönlichen Benjamin ein bisschen kurz kommen. Am Ende ist es aber einfach auch ein toller Job! Und es gibt auch kein anderes Theater als das Schauspielhaus Zürich, das ich mitgestalten wollen würde! Ein Theater, an dem wir bald die Alte Dame¹ zur Premiere bringen werden (juhu: Überleitung!). Sag mal: Warum zum Teufel inszenierst du eigentlich immer noch Klassiker? Hab ich ja nun lange nicht mehr gemacht. Aber mit klassischen Texten kann man eine vitale Spannung zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit herstellen, das ist etwas genuin Theatrales. Wenn das klappt, ist das eine Win-Win-Situation, sowohl für die Texte (vor allem für die!), aber auch für die Gegenwart und fürs Theater, weil man da einen ganz anderen Echoraum finden kann, als in Texten, die aus der Gegenwart kommen. Ich teile deine Begeisterung für diesen Echoraum. Um die generelle Unzulänglichkeit von Sprache zu erfahren, die unser einziges Instrument ist, aber eben immer unzulänglich ist, hilft es, sich auch in Sprachen zu erleben, die nicht aus unserer Zeit stammen! Und somit aus einem Abstand auf uns selbst zu gucken. Es ist ein Privileg, Zugang zu Dokumenten zu haben, die in der eigenen Sprache verfasst sind, aber alt, Jahrzehnte, sogar Jahrhunderte alt. Wenn man dieses Privileg als deutschsprachige Institution einmal hat, sollte man es nutzen. Ich halte das für einen wesentlichen und erkenntnis-philosophisch gewinnbringenden Prozess. Es ist wichtig, zuzuhören, wie andere zu anderen Zeiten gesprochen und nachgedacht und gefühlt haben. Es ist wichtig, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass manche Dinge sich in der Geschichte wiederholen. Klassikerinszenierungen sind für mich gelungen, wenn wir im Gewand einer vermeintlich alt gewordenen Sprache von Gegenwart angeweht werden. Und ich mich heute als zeitgenössischer Mensch gespiegelt sehe, vielleicht ertappt fühle – dann ist das eine Nähe aus einer vermeintlichen Ferne, die für mich pures Glück ist. Und erschütternd sein kann. Deswegen freue ich mich total auf die Alte Dame! Na, ob Alte Dame tatsächlich diesen Klassikerrang hat und haben kann, bin ich noch nicht ganz sicher. Es ist für einen Klassiker ja auch noch vergleichsweise jung und wurde in einer ganz bestimmten Zeit und für eine spezifische Theaterform geschrieben. Dort eingebettet ist es natürlich total gut. Zehn Jahre nach Kriegsende stellt Dürrenmatt die Frage nach der Schuld und greift damit die diffuse Angst auf, irgendeine Leiche aus der Vergangenheit könnte wieder auftauchen, von der niemand was wusste oder womöglich doch wusste, aber mit der alle kollektiv davongekommen waren. Der Zivilisationsbruch der Nazizeit wird auf die Wirtschaftswunderzeit gespiegelt – und ist noch genauso gegenwärtig. Das Mitlaufen ersetzt die Schuld. Diese Analyse ist für mich das wirklich Grosse an dem Stück. Das lässt sich natürlich auf unsere Gegenwart übertragen – wir alle sind daran beteiligt, die grösste Katastrophe der Erde zu produzieren, schaffen es aber, das permanent zu verleugnen. Stattdessen gibt es moralische Empörung, alle gegen einen, in etwa so wie bei heutigen Shitstorms. All diese Themen sind im Stück angelegt, wenn man es genau liest. Findest du, Der Besuch der alten Dame ist ein Klassiker? Das weiss ich nicht. Ich bin mir nicht ganz sicher hinsichtlich der Sprache und der Form. Aber worin ich mir sicher bin: Dürrenmatt hatte ein Gespür für eine thematisch parabelhafte Spannung, die über alle Zeit und jeden Zweifel erhaben ist: Was passiert, wenn wir plötzlich von Schuld heimgesucht werden und blinde Flecken in Erscheinung treten? Und wenn diese nicht verarbeitete Schuld dann zurückschlägt, vielleicht auch masslos zurückschlägt? Wie ist das Verhältnis von Schuld und Verantwortung? Was für ein Gerechtigkeitsbegriff wird darin kenntlich? Wie frei sind die Menschen darin im Umgang mit Fehlern? Und was macht es aus der Gegenwart, auf Fehler aus der Vergangenheit zu schauen? Die Erfindung dieser Frauenfigur, die nach Jahrzehnten heimkehrt und Rache will – oder eben Gerechtigkeit – und das verführerische Angebot macht, durch Geld und einen Mord vermeintlich Gerechtigkeit herzustellen, diese Erfindung, glaube ich, ist genial. Die Konstruktion ist genial und ganz sicher klassisch. Die wird uns überleben. Das Stück wird uns überleben. Da bin ich mir sicher. [13:59]

1 Coronabedingt nicht taggenau als Geburtstagsgeschenk, aber immerhin noch in seinem 100. Geburtstagsjahr inszeniert Nicolas Stemann Friedrich Dürrenmatts Der Besuch der alten Dame 65 Jahre nach der Uraufführung als Eröffnungsinszenierung der Spielzeit 2021/22 auf der Pfauenbühne.