Unter Masken wird gelächelt

Trajal Harrells «Köln Concert» Oder: Spielzeiteröffnung in Zeiten von Covid-19


von Verena Doerfler

«Schön, politisch und liebevoll
sind nur unterirdische Stränge und Luftwurzeln,
der Wildwuchs
und das Rhizom.»

(Gilles Deleuze, Félix Guattari: Tausend Plateaus)

Die letzten Wochen und Monate haben gezeigt: Du gewöhnst dich. An die Unordnung. Die Um-Ordnung der Dinge. Auch an das Stück Stoff in deinem Gesicht. In der Tram, beim Einkaufen - jetzt eben auch im Theater. Es gibt Schlimmeres. Nachmittags in Kreis 4 säumt ein gigantisches neongelbes Transparent meinen Weg: «Wir sehen uns ab dem 12. September! Zchauspielhaus Sürich». Wie aus dem Nichts. Ein bisschen wie Unkraut, das hier nichts zu suchen hat. Weitab von den gutbürgerlich aufgepolsterten Trampelpfaden des Traditionshauses. «Das Unkraut existiert nur, um die brachliegenden Flächen auszufüllen, die von den kultivierten Flächen freigelassen werden. Es wächst dazwischen, zwischen anderen Dingen».[1] Kluger Henry Miller. Das Schauspielhaus im «Dazwischen». Ein die Stadt durchwuchender Wildwuchs. Ein Rhizom - «schön, politisch und liebevoll».[2] Mir gefällt der Gedanke. Gefühlte und gedachte Nähe, wo vor allem distinguierte Distanziertheit vorherrschend war. Auch online. «es ist mit allem so eine Sache gerade, lieber nicolas» – so Benjamin von Blomberg, der eine neue Intendant zum anderen, Nicolas Stemann - «auch damit, editorials zu schreiben, als waere nicht schon alles kompliziert vorläufig und komplex relativiert genug. Aber wir muessen ran».[3] Ran ans Theater. Theater in Zeiten von Covid-19.

Abends der grosse Showdown: Spielzeiteröffnung bei lausommerlichen Aussentemperaturen. Gleichzeitig mit vielen anderen europäischen Theaterstätten. Ein Experiment mit offenem Ende. Vor dem Haus hat sich schon eine kleine Traube schwarz gekleideter Menschen gebildet, hippe tennissockenbesockte Karo-Fr(e)acks, auch mal Lacklederstiefel bis zum Knie. Ein bisschen wie früher: Berlin, in einem anderen Leben, Eröffnung irgendeiner Kunstbiennale. Aber das hier ist Zürich. Die Schweiz. Das Schauspielhaus. Die Pandemie. Anno 2020. Ein bunter, ziemlich ungeordneter Mix aus Theater-, Kunst- und Performance-Menschen in all ihrer Singularität und Mannigfaltigkeit. (Genre-)Grenzen, die verwischen und das wohlige Warm der Wiederholungen. Eine vermutlich sehr rotlippige Dame lächelt mich an – soweit sich das hinter dem dezenten Schwarz ihres Mund-Nasen-Schutzes erahnen lässt. Mir wird die Luft ein wenig dünn hinter meiner Maske. Vor dem Haus setzt sich der Kunsttross in Bewegung. Vom sommerlauen Aussen ins frisch belüftete Innere. Im Getümmel der Masken meine ich die von mir sehr verehrte Sibylle Berg zu erspähen. Leiser Grusel überkommt mich. Nicht Frau Bergs aber der zunehmenden Maskendichte wegen, die da für einen kurzen Moment wie ein Klumpen humanoider Existenzen auf mich zuzurollen scheint. Ich trolle ich mich ins Parkett. Reihe 11, Platz 300. Das angekündigte Corona-«Schachbrett» getrennt platzierter Menschen ist nicht ganz so eindrücklich wie ich mir das vorgestellt habe. Ein älteres Ehepaar schiebt sich in die Reihe vor mir. «Der Platz zwischen uns bleibt frei», höre ich die Ehefrau in von mir unimitierbarem Züri-Deutsch dozieren. «Legen wir halt unsere Jacken und Taschen drauf.» Der Mann nickt, wirkt ein wenig erleichtert. Sie auch. Dabei soll es hier eigentlich auch um Nähe gehen...

Am Rand der Bühne steht – während sich der Raum zu füllen und die Aerosole vor meinem inneren Auge zu tanzen beginnen – Trajal Harrell, Hausregisseur und Choreograph des Abends, Stil-Nomade im «Dazwischen» von Voguing, Postmodernem Tanz und Butoh, auch in den Bildenden Künsten beheimatet, schwarze Hose, weisses Hemd, um den Hals geschlungen ein weites weissblumiges Sommerkleid. Wiegt seinen Körper, begrüsst sein Publikum, hat diese Wärme an sich; und beruhigt auf merkwürdige Weise die leichte Aufruhr in und um mich herum. Dann ertönt Joni Mitchells glockenhelle Stimme und ich weiss: Ohne Tränen wird das hier nicht über die Bühne gehen.

Trajal Harrell und seine sieben Tänzer*innen weihen nicht nur als erste Tanzkompanie überhaupt die hiesige Bühne ein, sondern erzählen dabei vor allem Geschichte(n). Tanzen Geschichte(n). Stanzen neue Geschichten in den etwas muffig wirkenden Bühnenraum des seit 1892 existenten Pfauen. Lassen das Unkraut wuchern und «suchen», wie es im Begleitheft erklärend heisst, «eine Sprache, um sich auch in Zeiten sozialer Distanz nahe zu sein.»[4] Erzählen von «zarten Menschen, von tanzenden Menschen, die sich auf der Bühne des Pfauen in ihrer Verletzlichkeit zeigen».[5] Zum Sound von Joni Mitchell. Vor allem aber auch zu Keith Jarretts «Köln Concert» aus dem Jahr 1975 – ein jazziges, von Lachen, Weinen und Schreien durchtränktes Improvisationskunststück und/oder ‹Jahrhundertwerk›, das zu (durch)tanzen sich Harrell 20 Jahre lang nicht getraut haben soll.[6]

Auf die bis auf sieben Klavierbänke leeren Bühne kommen die Tänzer*innen und gehen – schön auf ihre je ganz eigene Art.: Titilayo Adebayo, Maria Ferreira Silva, Trajal Harrell, Thibault Lac, Nojan Bodas Mair, Songhay Toldon und Ondrej Vidlar. Tanzen – auch die Hässlichkeit, die Vergänglichkeit, das Existieren am Rande des Geduldeten[7]. Lachen sich kaputt, erheben stolz ihre Körper, fliehen, zweifeln, vougen, wanken, «werden»[8], zerbrechen und reissen sich wieder zusammen. Leid, Glück und Quälerei aus Jahrzehnten – die einsame Drag-Queen, der verprügelte Call-Boy, die betrunkene Hure. All das tanzt sich da durch die Körper und ergiesst sich ungefiltert über mich und die neben mir Sitzenden.

Zwischendrin möchte ich dem Herrn in der Reihe vor mir – dem zu seiner Angetrauten auf glücklichen Abstand Gegangenen – gerne auf die Schulter tippen. Möchte ihn fragen, was er gerade denkt, fühlt, sieht. Ob er die Schönheit der hier tanzenden Körper erkennt, die wankenden «Männlichkeit(en)», das Posen der «Weiblichkeit». Ob auch er wahrnimmt, dass der Körper des grazilen Tänzers aus Mangel an somatisierter Gewohnheit ungeeignet zu sein scheint für das Voguing der Laufstegschönheit – und trotzdem oder gerade deshalb ein «neues» Schön im Dazwischen zu kreieren scheint. Ob auch er ein wenig begehrt, völlig undifferenziert, auf keinen der einzelnen tanzenden Körper oder deren «Genitalität»[9] beschränkt. Identität(en) als Akt «ständiger Nachahmung, die als das Reale gilt»[10], als «Imitationen ohne Original»[11], als Imitation vorgängiger, unbegründbarer und somit fiktiver Konventionen einer vom Bürgertum erfundenen Geschlechterordnung. Ob also auch er unter der Oberfläche seines Verstandes wahrnimmt, dass das hier besser ist als jede sinnlos geführte Diskussion über «identity politics» oder das, was darunter gerade so verstanden wird. «Dualismen als das Mobiliar, das wir immer wieder verschieben».[12] Tanzend. Ohne Worte. Sieben Tänzer*innen. Sieben Klavierbänke. Es ist besser, denke ich. Und du musst es nicht einmal wahrnehmen, nicht bewusst jedenfalls. Es wird wirken. Ganz von alleine. Getanzte refigurierende Geschichte(n), die sich unbemerkt durch die Körper der Subjekte arbeiten – vor, auf und vielleicht auch hinter der Bühne. Improvisationen und Imitationen von Normalität – das, was uns derzeit so oft und schmerzlich bewusst wird.

Plötzlich verneigen sie die tanzenden Körper, werden (wieder) zu Individuen, zur neuen und ersten Tanzkompanie in der langen Geschichte des Zürcher Schauspielhauses, freuen sich, nehmen den tosenden Applaus in Empfang. Zwischen ihnen Trajal Harrell mit seiner eigenartigen Ruhe und Zentriertheit, die all das hier zusammenzuhalten scheinen. Dann stehen mit einem Mal auch Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg auf der Bühne – da ist das alte Paar in der Reihe vor mir bereits gegangen und vielleicht auch schon wieder in seinen leicht distanzierten Ehe-Routinen versunken: «Diese Zeiten brauchen andere, vielleicht zartere und vorsichtigere Formen der Nähe und der Intimität...»[13] Mit einer gekühlten Dose Prosecco – ein Geschenk eben jener Intendanten, «unser fiktives Anstossen mit Ihnen!», verlasse ich das Haus, drehe mich noch mal um, schaue auf das alte Gebäude, wie ich es kenne, und eine Institution, wie sie Zürich schon lange nicht mehr gesehen hat. Und proste mir selbst zu: Auf ein neues Zuhause! Auf ein Gefühl von Familie! Auf die Umordnung! Auf die Schönheit, die Liebe und die Politik! Auch in Zeiten von Covid-19.

[1] Henry Miller, in: Henry Miller und Michael Fraenkel, Hamlet, New York, 1939, 105, zitiert nach: Gilles Deleuze und Félix Guattari, Tausend Plateaus, Berlin, 1992, 33.

[2] Deleuze/Guattari, Tausend Plateaus, 27.

[3] Benjamin von Blomberg an Nicolas Steman: Editorial Saisonvorspekulationen 20/21, vgl. https://www.schauspielhaus.ch/de/18794/saisonvorspekulation, zuletzt aufgerufen am 17. September 2020.

[4] Zu diesem Abend, Programmheft zu «The Köln Concert», Trajal Harrell, 2020, 5.

[5] Ebd.

[6] Ein Kinderspiel, Dramaturgin Katinka Deecke im Gespräch mit Hausregisseur und Choreograph Trajal Harrell, in: Programmheft, 2020, 16.

[7] Vgl. ebd.

[8] «[d]as eine und das andere Werden verbinden sich miteinander und wechseln sich in einem Kreislauf von Intensitäten ab», Deleuze/Guattari, Tausend Plateaus, 20.

[9] «das Rhizom […] bedeutet eine Befreiung der Sexualität, nicht nur im Hinblick auf die Fortpflanzung, sondern auch im Hinblick auf die Genitalität», Deleuze/Guattari, Tausend Plateaus, 32.

[10] Judith Butler, Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt am Main, 1991, 8.

[11] Ebd., 203.

[12] Deleuze/Guattari, Tausend Plateaus, 35.

[13] Benjamin von Blomberg am Eröffnungsabend des 12. September 2020, im Anschluss an die Premiere.