Aesthetics of
Resistance - Part II

16:00

Im zweiten Gespräch zwischen Edouard Louis, Geoffroy de Lagasnerie und Milo Rau werden insbesondere die Verschränkungen von Aktivismus und Kunst diskutiert. Wie tragen zivilgesellschaftliche Akteur*innen zu einer Erweiterung künstlerischer Strategien bei? Inwiefern führt engagierte Kunst zur Entgrenzung des Kunstbegriffes? Das transkribierte Gespräch erscheint bei „Arche Editeurs“ als Buch und ist Grundlage für eine Inszenierung Milo Raus zusammen mit Édouard Louis.

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In the second conversation, Édouard Louis, Geoffroy de Lagasnerie and Milo Rau discuss the intertwining of activism and art in particular. How do agents of civil society contribute to broadening the range of artistic strategies? How does politically engaged art promote a boundless concept of art?


Kann es globale Kunst geben?

17:00

Die Choreographin Lia Rodrigues, der Regisseur Rabih Mroué sowie der Schriftsteller und Regisseur Wajdi Mouawad diskutieren im Gespräch mit Milo Rau die Herausforderungen globaler Kunstproduktion. Kann es eine globale Kunst geben? Wo kippt ein globaler Ansatz (wie etwa Schlingensiefs Operndorf oder Milo Raus Orestes in Mosul) in neokoloniale Ausformungen eines selbstgerechten, eurozentrischen Kunstbegriffs? Wie können Kunstschaffende ihre privilegierte Position im Sinne einer globalen Solidarität einsetzen? Künstlerische Strategien können bereits bestehenden Aktivismus rahmen und (dadurch) sichtbarer machen. Und doch sind die Voraussetzungen und Realisierungen globaler Solidarität immer widersprüchlich: Wer bringt das eigentlich relevante (Erfahrungs-)Wissen ein? Um wessen Kampf geht es und wie kann dieser unterstützt werden? Wer nutzt und wem nutzen die Bilder künstlerischer Interventionen?

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Choreographer Lia Rodrigues, director Rabih Mroué and the writer and director Wajdi Mouawad discuss the challenges of global art production in conversation with Milo Rau. Can there be a global art? When does a global approach (such as Schlingensief's Operndorf Afrika or Milo Rau's Orestes in Mosul) participate in neo-colonial formations of a self-righteous, Eurocentric concept of art? How can artists use their privileged position in the service of global solidarity? Artistic strategies can frame already existing activism and make it more visible. And yet the preconditions and manifestations of global solidarity always carry internal contradictions: who contributes the relevant experiential knowledge? Whose struggle is at stake and how can it be efficiently supported? Who uses the images of artistic interventions, and whom do they benefit?


Orest in Mossul

19:00

Wie lässt sich ein Verbrechen sühnen, ohne neue Gewalt zu provozieren? Kann ein Mensch, der jahrelang vom „Islamischen Staat“ unterdrückt und gefoltert wird, seinem Peiniger vergeben? Wie in der Orestie, Aischylos’ antiker Trilogie und Gründungsmythos der abendländischen Zivilisation, endet der tragische Held Orest auch in Mossul vor einem Tribunal: Ein Versuch, den endlosen Kreislauf von Rachemorden mit der Einführung eines modernen Rechtssystems zu durchbrechen. Ein vielsprachiges Ensemble mit europäischen und irakischen Schauspieler*innen, eine irakische Schauspielschulklasse, Musiker*innen und Laien erzählen von sich und ihrem Leben in einer zerstörten Stadt.

Das Nachgespräch im Anschluss an die Filmvorführung greift die zentrale Frage der Theater- und Filmarbeit auf: Wie lässt sich ein Verbrechen sühnen, ohne neue Gewalt zu provozieren? In welchen Wiederholungszwängen verstricken wir uns immer wieder selbst? Ausserdem wendet sich das Panel den Herausforderungen globaler Kunstproduktion zu: Wie kann der „Globale Realismus“, als künstlerisches Programm von IIPM/Milo Rau, vermeiden, die dargestellten Gewalt- und Abhängigkeitsverhältnisse bloss zu wiederholen? Wie kann globale Kunst gleichberechtigt und nachhaltig sein? Im Gespräch mit dem Kulturtheoretiker und Schriftsteller Klaus Theweleit, dem Theaterautor Mohammad Al Attar und der Schauspielerin Susana AbdulMajd hinterfragt die Dramaturgin Eline Banken Bedingungen der globalen Kunstproduktion ebenso wie die Bedeutung von künstlerischen Strategien des Widerstands.

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How can a crime be atoned for without sowing more violence? Can a person oppressed and tortured for years by the “Islamic State” forgive their tormentor? As does Orestes, the hero of the Oresteia, the founding myth of Western civilisation dramatized in Aeschylus' classical trilogy, the tragic hero of Milo Rau’s Orestes in Mosul ends up before a tribunal, as well: an attempt to break the endless cycle of revenge killings by introducing a modern legal system. A multilingual ensemble composed of European and Iraqi actors, an Iraqi drama school class, musicians and amateurs talk about themselves and their life in a destroyed city.

The post-screening discussion focuses on the central question of the theater production and film: Can the circle of violence be interrupted? Does the compulsion to repeat entangle us over and over again? The panel also turns to the challenges of global art production: How might “Global Realism” as an aesthetic form and mode of production of IIPM/Milo Rau, avoid unwittingly repeating the depicted relations of violence and dependency? How can global art be equal and sustainable? With cultural theorist and writer Klaus Theweleit, playwright Mohammad Al Attar and actress Susana Abdul-Majd, dramaturge Eline Banken interrogates the conditions of global art production as well as the significance of artistic strategies of resistance.