Viel Lärm um nichts
William Shakespeare wird vermutlich am 23. April 1564 im englischen Stratford-upon-Avon geboren. Williams Vater John ist ein angesehener Landwirt und Händler, der 1565 zum Stadtrat gewählt wird und später die Stellung des Stadtverwalters einnimmt. Mary Arden of Wilmcote, Williams Mutter, entstammt einem alten Adelsgeschlecht. Shakespeare besucht als Knabe die Stratforder Lateinschule, wo er sich mit Ovid, Virgil und Erasmus von Rotterdam beschäftigt. Mit 18 heiratet er die acht Jahre ältere Anne Hathaway, mit der er drei Kinder hat. Die Familie lässt er zurück, als er – vermutlich 1586 – nach London zieht. Er tritt als Schauspieler im Theater des James Burbage auf, ausserdem werden seine ersten Stücke gespielt. Er ist literarisch Interessierten schon im Jahr 1592 ein Begriff, wie aus einem Pamphlet des Dramatikers Robert Greene hervorgeht. Seine epischen Gedichte sowie seine Lyrik begründen seinen Ruhm. Sein dramatisches Werk entsteht zwischen 1590 und 1610. Die Dichte von verspielten Komödien am Zenit seines Schaffens – er schrieb kurz nacheinander „Viel Lärm um nichts“ (uraufgeführt 1598/99, gedruckt 1600), „Wie es euch gefällt“, „Die lustigen Weiber von Windsor“ und „Was ihr wollt“ – wird von Biographen gerne in Zusammenhang mit dem Tod von Shakespeares 11-jährigem Sohn Hamnet 1596 gesehen. Für die vermeintlich tragische Haupthandlung in „Much ado about nothing“ greift Shakespeare sehr unterschiedliche Quellen auf (darunter Ariostos „Orlando furioso“), während das originäre Wortkabbler-Paar Benedikt und Beatrice selbst zum einflussreichen literarischen Vorbild geworden ist.
Shakespeare gilt als gewandter Geschäftsmann, ab 1594 gehört er als Teilhaber den „Lord Chamberlain’s Men“ an, einer führenden Schauspielertruppe, die sich ab 1603 entsprechend einer Erlaubnis James I. „King’s Men“ nennen. Die Karriere als Dramatiker und Schauspieler ermöglicht ihm, 1597 in seiner Heimatstadt ein Herrenhaus zu kaufen; ein Jahr vorher wird das Familienwappen bewilligt, ebenfalls ein Zeichen für den ansteigenden Wohlstand der Familie. 1599 wird das neue Haus der Truppe, das berühmte Globe-Theatre, eröffnet. In den Folgejahren werden alle seine Stücke dort mit viel Pomp aufgeführt. Um 1611 zieht sich Shakespeare zurück und geht nach Stratford, wo er am 23. April 1616 stirbt. 1623 erscheint die erste Gesamtausgabe, die heutige Forschung schreibt ihm 38 Dramen zu.
Fassung von Karin Henkel und Roland Koberg
nach der Übersetzung von Angela Schanelec
Regie Karin Henkel / Bühne Muriel Gerstner / Kostüme Marion Münch / Choreographie Kate Strong
Mit
Matthias Bundschuh, Carolin Conrad, Fritz Fenne, Niklas Kohrt, Aurel Manthei, Klara Manzel, Nicolas Rosat, Anna Schinz, Alexander Maria Schmidt, Kate Strong, Matthias Weidenhöfer
| Don Pedro | Fritz Fenne |
| Don John | Alexander Maria Schmidt |
| Claudio | Niklas Kohrt |
| Benedikt | Aurel Manthei |
| Borachio | Matthias Weidenhöfer |
| Leonato | Nicolas Rosat |
| Antonio | Matthias Bundschuh |
| Hero | Klara Manzel |
| Beatrice | Carolin Conrad |
| Ursula | Kate Strong |
| Nicole | Anna Schinz |
| Tänzerinnen | Isabel Bolli, Sara Bradford, Nina Bühlmann, Sophie Buhalla, Ramona Fattini, Camilla Gomes dos Santos, Angelina Greeff, Doris Heusser, Ilona Kannewurf, Judith Koch, Julia Nauer, Catherine Pagani, Houefa Phillip, Irene Pleños |
| Tänzerinnen | Sandra Rieser, Susanne Rubin, Petra Schmidig, Vanessa Sedleger, Johanna Skjerbaek, Isabelle Stettler, Rahel Tinguely, Anna Trimper, Elena M. Weber, Verena E. Weiss, Sonja Widmer, Sarah Wieland, Anna Zurkirchen |
| Regie | Karin Henkel |
| Bühne | Muriel Gerstner |
| Kostüme | Marion Münch |
| Choreographie | Kate Strong |
| Licht | Ginster Eheberg |
| Dramaturgie | Roland Koberg |
| Regieassistenz | Mélanie Huber und Jörg Schwahlen |
| Bühnenbildassistenz | Nadia Schrader |
| Kostümassistenz | Nina Sophie Wechsler |
| Regiehospitanz | Christina Bolzon, Moritz Schleissing und Carlo Spiller |
| Kostümhospitanz | Sabrina Borer |
| Soufflage | Rita von Horváth |
| Inspizienz | Aleksandar Sascha Dinevski |
Pfauen
Premiere am 30. September 2010
Unterstützt von der Hans Imholz-Stiftung
In Shakespeares aberwitziger Komödie „Viel Lärm um nichts“ aus dem Jahr 1600 regieren die Paare. Erst die Männer- und Brüderpaare, die aus dem Krieg kommen, dann die Streit-, Liebes- und Ehepaare, die sich mit den daheim gebliebenen Frauen bilden – allen voran Benedikt und Beatrice, zwei überzeugte Singles, die über ihre wechselseitig empfundene Abscheu zueinander finden.
Den wortgewaltigen Geschlechterkampf inszenierte Karin Henkel, deren letzte Arbeit im Pfauen 2010 „Alkestis“ war. Angela Schanelec übersetzte das Stück für das Schauspielhaus Zürich neu.
Don Pedro, Prinz von Aragon und Herrscher über Süditalien, bekriegt sich mit seinem Halbbruder Don John, dem „Bastard“. Aus einer Schlacht im sizilianischen Hinterland geht Don Pedro als Sieger hervor. Auf ihrem Heimweg besuchen beide Parteien, Sieger und Besiegte, die Stadt Messina, die auch der Ausgangspunkt des Feldzugs gewesen war. Dort gibt der Stadtpräsident Leonato zu Ehren der Krieger in seinem Hause ein üppiges Fest und hofft dabei, seiner Tochter und Alleinerbin Hero eine gute Partie zu verschaffen. In Graf Claudio, der „rechten Hand des Prinzen“, scheint der Richtige bald gefunden. Doch ist der Bruderzwist mit der letzten Schlacht keineswegs ausgestanden, im Gegenteil: Don John lässt angesichts der Hochzeitsvorbereitungen von seinem Gefolgsmann Borachio einen Plan schmieden, der verspricht, „Don Pedro zu hintergehen, Claudio zu quälen, Hero zu zerstören und Leonato umzubringen“…
In Leonatos Haus kommt es auch zum Wiedersehen zwischen Benedikt, einem weiteren kampferprobten Helden im Gefolge des Prinzen, und Beatrice, Nichte und Mündel von Leonato. Beatrices und Benedikts gehässige Wortgefechte rufen nun jene Kräfte auf den Plan, die an ihnen ein Exempel statuieren wollen: dass auch einander hassende Personen sich in liebende verwandeln können, wenn sie nur von der Liebe eines anderen zu sich überzeugt sind. Don Pedro erprobt sich als „the only lovegod“ und bald kommt Benedikt zur Erkenntnis: „The world must be peopled“. Am Ende sollen zwei Paare im Hafen der Ehe landen. Für das Funktionieren dieser „sozialen Verschwörung“ (Stephen Greenblatt) stehen in der heutigen Aufführung ausserdem Heros Onkel Antonio, die Choreographin Ursula und ihr Chor der heiratsfähigen Mädchen gerade – an einem „Rosenfest“ wie in Kleists „Penthesilea“ wird gearbeitet.
Roland Koberg – Herr Schneider, Sie sind Psychoanalytiker und haben u.a. über Freuds „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“ publiziert. Neben der Psychoanalyse betätigen Sie sich auch als Satiriker. Ist das Wissen um die Theorie des Witzes dem Witzemachen eher förderlich oder
eher hinderlich?
Peter Schneider – Gewiss nicht hinderlich. Aber förderlich? Es kommt darauf an, was man darunter verstehen will. Förderlich gewiss nicht in dem Sinne, dass Witze machen und Komik produzieren Anwendungsformen einer Theorie des Komischen sind, so wie Pharmazie angewandte Chemie und Biologie ist. Aber förderlich in dem Sinne, dass jedes Mehr-Wissen die Gelegenheit zu Mehr-Komik bietet. Wer mehr weiss, kann auch mehr komisch finden. Das scheint mir übrigens eines der besten Argumente dafür zu sein, warum mehr Bildung besser ist als weniger. Man hat mehr zu lachen.
Roland Koberg – Der Witz und seine Funktionsweisen scheinen Shakespeare nicht nur praktisch, sondern auch theoretisch fasziniert zu haben, in mehreren Stücken wird darauf eingegangen: dass ein Witz kurz sein müsse, sagt in „Hamlet“ ausgerechnet der Schwätzer Polonius; dass der Erfolg eines Witzes mehr von dem abhängt, der ihn hört als von dem, der ihn macht, heisst es in „Liebes Leid und Lust“, und in „Viel Lärm um nichts“ steht jeder Witz, der gemacht wird, gleichsam auf dem Prüfstand, ob er auch gut genug war … Stand Shakespeare unter „Witze-Stress“, als Schriftsteller, als Mann im elisabethanischen Zeitalter?
Peter Schneider – Wahrscheinlich unter demselben Stress, unter dem jeder Witzemacher steht. Der Witz, sagt Freud, ist die sozialste aller psychischen Leistungen. Sein Lustgewinn vollendet sich immer erst beim anderen. Witzeln als Form des Selbstgesprächs bleibt unbefriedigend. Das ist die Gemeinsamkeit, die der Witz als U-Kunst mit allen Formen der E-Kunst hat: Beides funktioniert nicht ohne ein Publikum.
Roland Koberg – Finden wir heute andere Dinge komisch als vor 400 Jahren? Man kann beispielsweise den Eindruck bekommen, dass gewisse blumige, manieristische Formulierungen in früheren Jahrhunderten viel unmittelbarer (naiver?) belacht wurden als heute … Jedenfalls fallen sie im Theater immer als Erstes dem Rotstift zum Opfer. Sind wir heute abgeklärter?
Peter Schneider – Natürlich finden wir heute andere Witze komisch als vor ein paar hundert Jahren. Wir finden ja auch andere Dinge sexy als die Leute der Renaissance. Das bedeutet nur, dass eben nichts zeitlos, sondern alles geschichtlich ist. Wenn Shakespeare „aktuell“ bleibt, dann kaum deshalb, weil seine Witze inhaltlich noch von derselben Frische wären wie sie es anno 1600 waren. Aber wahrscheinlich ist das der Witz an Shakespeares Langlebigkeit – eine strukturelle Robustheit seiner Themen, welcher das Altern einzelner Versatzstücke der Dramen nichts anhaben kann. Witze eignen sich nicht zur philologischen Denkmalpflege. In einer historisch-kritischen Ausgabe kann man eine inzwischen unverständlich gewordene Pointe in einer Fussnote erklären; aber sie wirkt darum eben auch nicht mehr als Pointe. Die Satiren Juvenals lassen einen heutigen Durchnittszeitungsleser kalt und den Altphilologen bestenfalls wissend schmunzeln; aber ein gelungener Robert-Gernhardt-Vierzeiler lässt beide grölen: „In jeder Frau da steckt / ein Sexualobjekt. / Das muss der Mann erwecken, / sonst bleibt es in ihr stecken.“ Aber so schade es ist: Auch diese Komik hat ihre Halbwertszeit. Wenn niemand mehr die Diskurse ums Sexualobjekt als eines zu meidenden Status’ kennt, ist auch dieses wundervolle Kurzgedicht nicht mehr witzig.
Roland Koberg – Witze sind in Shakespeares Komödien – und zwar in keiner so sehr wie in „Viel Lärm um nichts“ – eine Art normaler Umgangston miteinander. Die Figuren messen sich oft weniger an dem, was sie sagen, als daran, wie pointiert sie es sagen. Beschreibt Shakespeare eine Spassgesellschaft, die der Leere zu entkommen sucht? Oder sind Witze, Scherze, Humor und Komik Möglichkeiten, um drängende Probleme zu verarbeiten?
Peter Schneider – Wahrscheinlich auch. Aber nicht nur. So wie die Onanie auch nicht in erster Linie ein Mittel ist, um das Problem der Bevölkerungsexplosion zu entschärfen, sondern an und für sich ein Vergnügen. Eine Theorie des Witzes, die allein dessen Funktionalität betont, ist unzureichend. […]
„Ja, es geht! Seit über 400 Jahren treiben Benedikt und Beatrice auf der Bühne ihre Scherze; doch wenn sie es jetzt am Pfauen noch einmal tun, glaubt man, es sei zum ersten Mal. Für diesen Frischhalte-Effekt muss William Shakespeares „Viel Lärm um nichts“ geräuschvoll umgebaut werden. Am Ende bleibt wenig wie in der Fassung von 1600.
Und trotzdem sind die knapp drei Stunden in Zürich ein so reiner Shakespeare, wie es 2010 überhaupt vorstellbar ist: bunt und bitter, bös und befreiend.“ Tages-Anzeiger
„Zwei gegenläufige Intrigen: eine, um Hero und Claudio auseinanderzubringen, die andere, um Beatrice und Benedikt ineinander verliebt zu machen. Ein Fressen für Schauspieler! Die poetisch angeglühte Hero von Klara Manzel; der niedlich naive Claudio von Niklas Kohrt. Der bleiche, böse Don John (Alexander Maria Schmidt); der Haudegen Don Pedro (Fritz Fenne); der biedere Leonato (Nicolas Rosat); sein tantig-herzensguter Bruder und Zeremonienmeister (Matthias Bundschuh); die grandiose englische Nurse (Kate Strong), unbeeindruckte Gouvernante der Intrigen und Mutter aller Missverständnisse – sie flirten mit der Charge, ohne sich ihr an den Hals zu werfen. Ein erstklassiges Zuschauervergnügen.“ NZZ
„Benedikt (Aurel Manthei) und Beatrice (Carolin Conrad), sie bilden hier zwei wunderbar aufeinander abgestimmte Antipoden. Hier Benedikt als Kriegsgurgel, der seine Kampfmontur auch am Hofe nicht ablegt – und da die sarkastische Beatrice, die ihre Unabhängigkeit mit rhetorischer Brillanz und Scharfzüngigkeit verteidigt. Schmal und streng brodelt sie förmlich vor Energie.
In letzterem Punkt steht ihr Ursula (Kate Strong, die auch für die Choreographie verantwortlich zeichnet) in nichts nach. Im grauen Deuxpièce vertritt sie den Typus Gouvernante und ist, als Tänzerin wie als englisch-deutsch radebrechende Schnellrednerin, für einige wunderbare Slapstick-Einlagen verantwortlich. Zusammen mit Benedikt (in Vollmontur) inszeniert sie eine hinreissende Balletteinlage, worin dieser seine geweckte Verliebtheit mit blühendem Kitsch garniert. Die drei stechen aus einem Ensemble heraus, das alle Rollen trefflich besetzt und ihnen Statur verleiht.
Die Zürcher Aufführung von „Viel Lärm um Nichts" brilliert mit rasanten zweideutigen Dialogen und speziellen Einfällen. Shakespeare wird zur Revue, untermalt von Bigbandmusik und italienischen Schnulzen.“ Nachtkritik.de
„Das junge Ensemble spielt prächtig auf. Virtuos, wie Carolin Conrad (Beatrice) und Aurel Manthei (Benedikt) mitten im Stück ihre Charaktere ändern. Kate Strong balanciert als Kammerzofe Ursula nicht nur sprachlich grossartig zwischen Heidi Klum und Fräulein Rottenmeier. Und wie Matthias Bundschuh als Onkel Antonio (ehemals Gerichtsdiener und Mönch) sich quasi als DJ, alsbald aber als Dirigent der Figuren aufspielt, ist hinreissend.“ Aargauer Zeitung
„Strong ist das Highlight des vergnüglichen Abends, eine exaltierte Person, die so völlig ausflippen kann, dass sie auch mal unvermittelt im Spagat landet und wieder auf die Beine gestellt werden muss. Ihr Pas de deux mit Benedikt im Kampfanzug – dann, als dieser seine romantischen Gefühle entdeckt – ist umwerfend komisch.“ Zürcher Landzeitung
„Karin Henkel, 40, inszeniert Shakespeares Komödie „Viel Lärm um nichts“ am Schauspielhaus Zürich äusserst lustvoll, vergnüglich – und schnell. Die Pointen jagen sich im Sekundentakt, der Originaltext ist scharf geschnitten – präzise Wortspiele inbegriffen. Die turbomässig sprechenden Schauspieler schimpfen, küssen und rülpsen verspielt bis zum Äussersten, ohne je doof zu wirken. So vergehen die 2 ¾ Stunden wie im Flug. Ein erster Höhepunkt der Schweizer Theatersaison.“ SonntagsZeitung
„Mehrmals an diesem Abend weiss man nicht, ob das Klatschen lauter ist oder das Lachen.“ Tages-Anzeiger


