Zwanzigtausend Seiten
Lukas Bärfuss, 1971 in Thun geboren, lebt und arbeitet nach seiner Buchhändlerlehre seit 1997 als freier Schriftsteller in Zürich und schreibt Prosatexte, Hörspiele und vor allem Theaterstücke. 1998 war er Mitbegründer der freien Theatergruppe 400asa, mit der er zwölf Produktionen auf die Bühne brachte. Bekannt wurde er 2000 durch die Groteske „Meienbergs Tod“, die er als Auftragswerk für das Theater Basel schrieb. Mit „Die sexuellen Neurosen unserer Eltern“ – 2003 ebenfalls in Basel uraufgeführt (Regie Barbara Frey) – wurde Lukas Bärfuss von „Theater heute“ zum Nachwuchsdramatiker des Jahres gewählt. Die Auszeichnung zum „Dramatiker des Jahres“ folgte 2005 für sein Stück „Der Bus (Das Zeug einer Heiligen)“; das Stück erhielt im gleichen Jahr den Mülheimer Dramatikerpreis. 2007 schrieb er für die Münchner Kammerspiele „Die Probe (Der brave Simon Korach)“, die Uraufführung inszenierte Lars-Ole Walburg. In der langen Nacht der Autoren 2009 wurde „Amygdala. Vollständige Fragmente einer unvollständigen Stadt“ in Hamburg uraufgeführt. Im Jahr 2010 folgten „Malaga“ am Schauspielhaus Zürich (Regie Barbara Frey) sowie „Öl“ am Deutschen Theater Berlin (Regie Stephan Kimmig). Lukas Bärfuss zählt gegenwärtig zu den bedeutendsten deutschsprachigen Dramatikern. Seine Theaterstücke wurden in rund ein Dutzend Sprachen übersetzt und werden auf der ganzen Welt gespielt. 2008 erschien sein erster Roman „Hundert Tage“, der sich mit dem Völkermord in Ruanda und der Rolle der Schweizer Entwicklungshilfe befasst. Der Roman – sowohl für den deutschen als auch für den Schweizer Buchpreis nominiert – wurde in 15 Sprachen übersetzt und erhielt mehrere Auszeichnungen, u.a. den „Anna-Seghers-Preis“.
Uraufführung
Ein Auftragswerk für das Schauspielhaus Zürich
Regie Lars-Ole Walburg / Bühne Robert Schweer / Kostüme Nina Gundlach / Musik Tomek Kolczynski
Mit
Ludwig Boettger, Klaus Brömmelmeier, Ursula Doll, Lukas Holzhausen, Franziska Machens, Sean McDonagh
| Tony | Sean McDonagh |
| Lisa, die Freundin/Mala, Aktivistin/Schwertkämpfer | Franziska Machens |
| Elena Gosbor, Ärztin und Neurologin/Silvia, Stimme einer Radiohörerin/Priska, Sängerin | Ursula Doll |
| Buff, Patient/Wüthrich, Journalist/David, Aktivist/Menschliches Huhn/Guido, Fernsehmoderator | Lukas Holzhausen |
| Arvyl, Patient/Jean-Michel Blonay, ehemaliger Geschichtsprofessor/Korn, Aktivist/John, Künstleragent/Schwertkämpfer | Klaus Brömmelmeier |
| Mario, Patient/Lorena, Professor Blonays Gouvernante/Baum, Aktivist/Elvis Presley/Ein Mann ohne Talent/Oskar | Ludwig Boettger |
| Regie | Lars-Ole Walburg |
| Bühne | Robert Schweer |
| Kostüme | Nina Gundlach |
| Musik | Tomek Kolczynski |
| Licht | Markus Keusch |
| Dramaturgie | Andrea Schwieter |
| Regieassistenz | Margrit Sengebusch |
| Bühnenbildassistenz | Michela Flück |
| Kostümassistenz | Reto Keiser |
| Regiehospitanz | Noëmi Egloff |
| Kostümhospitanz | Ciara Frey |
| Souffleur | János Stefan Buchwardt |
| Inspizienz | Dagmar Renfer |
Der Gelegenheitsarbeiter und Tagträumer Tony, ein bis dato unauffälliger junger Mann, erleidet einen ungewöhnlichen Unfall – ungewöhnlich deshalb, weil ihm dieser Unfall unermessliches grosses Wissen verleiht. Irgendwann wird sein neues Wissen für Tony jedoch so unerträglich, dass er es wieder loswerden möchte – am besten auf dieselbe Art und Weise, wie es ihm zugefallen ist …
Nach „Malaga“ hat Hausautor und Dramaturg Lukas Bärfuss mit „Zwanzigtausend Seiten“ sein zweites neues Stück am Schauspielhaus Zürich vorgelegt. Regie führt Lars-Ole Walburg, der sich 2010 dem Zürcher Publikum mit der Inszenierung von Dürrenmatts „Panne“ vorstellte.
Dem Gelegenheitsarbeiter und Tagträumer Tony, einem bis dato unauffälligen jungen Mann, fällt eines Tages bei einem ebenso unglücklichen wie schicksalhaften Unfall eine Kiste mit Büchern auf den Kopf – und von diesem Moment an verfügt er über ein unermesslich grosses Wissen. Lückenlos ist der gesamte Inhalt der besagten Bücher – Bände über die Schweiz während des Zweiten Weltkrieges – in seinem Kopf gespeichert. Während die Menschen in Tonys Umgebung ihn nach anfänglicher Skepsis als Gedächtniskünstler und wissenschaftliches Phänomen bewundern und versuchen, an seinem Ruhm teilzuhaben, hadert Tony zunehmend mit dem Inhalt dessen, was ihm der Zufall ins Hirn gebrannt hat: mit dem Schicksal des jüdischen Flüchtlings Oskar, der über die Schweizer Grenze geschafft und später deportiert wurde, oder mit der Frage, warum Nutzniesser des Krieges zeitlebens unbehelligt geblieben sind. Irgendwann wird sein neues Wissen für Tony so unerträglich, dass er es wieder loswerden möchte – am besten auf dieselbe Art und Weise, wie es ihm zugefallen ist. Ein gewagtes Experiment wird gestartet …
Lukas Bärfuss’ neues Stück – nach „Malaga“ sein zweites Auftragswerk für das Schauspielhaus Zürich – ist eine bittere Farce über individuelles und kollektives Vergessen und Erinnern sowie über die Frage nach einem nationalen historischen Gedächtnis. Den Regisseur Lars-Ole Walburg (der sich in der vergangenen Spielzeit mit Dürrenmatts „Die Panne“ erstmals am Schauspielhaus Zürich vorstellte) und den Schriftsteller Lukas Bärfuss verbindet eine langjährige Arbeitsbeziehung. Lars-Ole Walburg brachte unter anderem Bärfuss’ Stück „Die Probe (Der brave Simon Korach)“ an den Münchner Kammerspielen zur Uraufführung und inszenierte in Hannover dessen Fassung des „Parzival“.
„Es wäre schade um die Gesellschaft“, sagt die „Dicke“ in „Der Bus (Das Zeug einer Heiligen)“ von Lukas Bärfuss – und was sie eigentlich in Bezug auf ihre Reisegruppe verstanden haben will, könnte in seiner Doppelbödigkeit als Überschrift über allen Texten des Dichters stehen. Sie beschreiben und hinterfragen gesellschaftliche Phänomene, ohne sie zu bewerten. In seiner Frage nach der Moral liegt die Kraft und auch die Zumutung des Theaters, hat Bärfuss einmal gesagt. Und tatsächlich sind sie alle hochmoralisch, seine Stücke. Und eine Zumutung sind sie auch, im besten Sinne – weil sie den Leser, die Zuschauerin nicht erlöst aus der Lektüre oder dem Theater entlassen, sondern mit einem rauchenden Kopf voller Fragen. Bärfuss stellt so lange Fragen, bis es keine Antworten mehr gibt. Und beschreibt damit auch sein eigenes Credo und die Art und Weise, wie er durch die Welt geht: fragend, suchend, manchmal angstgetrieben, neugierig, beobachtend und immer an Prozessen mehr interessiert als an allzu raschen Lösungen. Das Prozesshafte war es denn auch, das ihn schon in seinen Anfängen am Theater faszinierte. Gemeinsam mit dem Regisseur und Schauspieler Samuel Schwarz begründete er die freie Theatergruppe 400asa und erarbeitete in unterschiedlichen Konstellationen ein gutes Dutzend Theaterabende, zunächst in der freien Szene, später auch am Stadttheater – sowohl formal als auch inhaltlich immer suchend, sich erprobend von dogmatisch angelegten Versuchsanordnungen bis hin zu linear erzählten Stücken.
Auf „Meienbergs Tod“ am Theater Basel im Jahr 2000, mit dem Bärfuss überregional Aufmerksamkeit erlangte, folgten Aufträge für das Bochumer Schauspielhaus, bevor 2003 wiederum in Basel sein Stück „Die sexuellen Neurosen unserer Eltern“ in der Regie von Barbara Frey zur Uraufführung gelangte. Im Zentrum des Stückes, das inzwischen in 15 Sprachen übersetzt und international nachgespielt wurde, steht das geistig behinderte Mädchen Dora, das nach der Absetzung von ruhigstellenden Psychopharmaka seine Sexualität entdeckt, lebenshungrig, unkontrolliert, naiv und keinerlei sogenannt vernünftigen erwachsenen Massstäben genügend. Mit wachsender Empörung nimmt Doras Umgebung ihren Liebeshunger und insbesondere den Missbrauch durch einen „feinen Herrn“ zur Kenntnis. Im vermeintlichen Glauben, ethisch verantwortungsvoll in Doras Leben eingreifen zu müssen, schicken ihre Eltern sie am Ende zur Abtreibung und lassen sie zwangssterilisieren, ein zweifelhafter Akt der Doppelmoral.
In „Der Bus (Das Zeug einer Heiligen)“, uraufgeführt 2005 am Hamburger Thalia Theater, erzählt Lukas Bärfuss die Geschichte von Erika, die in den falschen Bus gestiegen ist. Statt auf einer Pilgerfahrt nach Tschenstochau zur Schwarzen Madonna befindet sie sich in Gesellschaft einer eigentümlich todessehnsüchtigen Gemeinschaft auf dem Weg zu einem Kurhotel im hohen Gebirge, fern jeder Zivilisation. Als sie den Irrtum bemerkt, ist es zu spät. Es scheint ihr nichts anderes übrig zu bleiben, als sich der Reisegruppe anzuschliessen und auf die baldige Rückkehr des Busses zu hoffen– die aber ist nicht geplant. „Ich habe eine Liebesgeschichte mit Gott, aber ich will sie nicht, diese Liebesgeschichte“, sagt Erika gegen Ende des Stücks – und begreift, dass nicht zu Füssen der schwarzen Madonna, sondern hier, inmitten der ebenso verschworenen wie nach Erlösung suchenden Reisenden, all ihr Glaube gefragt sein wird.
Ebenfalls 2005 entstand mit „Alices Reise in die Schweiz“ eine Auseinandersetzung mit dem brisanten Thema der Sterbehilfe. Alice, eine junge Frau aus dem Norden Deutschlands, will sich umbringen. Alkohol und Tabletten kommen nicht in Frage. Und kein Blut darf fliessen, sie hasst den Gedanken, ihrer Familie mehr Arbeit als nötig aufzubürden. Auf ihrer Suche nach Hilfe für ihr Vorhaben lernt sie Gustav kennen, einen Arzt, der ihr nahelegt, eine Reise in die Schweiz zu unternehmen, weil dort seine Hilfe nicht verboten ist. „Bald bin ich tot“ sagt Alice, worauf ihre Mutter trocken antwortet: „Das wird sich bei einem Selbstmord nicht vermeiden lassen.“ Und vielleicht kann man gewissen Fragen tatsächlich nur mit Lakonie beizukommen versuchen, einer Lakonie, die es erlaubt, das grosse Ganze auf den Prüfstand zu stellen.
Das geistig zurückgebliebene, seine Sexualität entdeckende und einfordernde Mädchen Dora, die lebensmüde Alice, die von ihrem Glauben getriebene Erika oder auch, in seinem neuesten Stück „Zwanzigtausend Seiten“, der Tagträumer Tony, dem eines Tages ein Packen Bücher und damit unermessliches Wissen auf und in den Kopf fällt – Bärfuss’ Figuren sind eigentümliche Wesen, die verkantet in einer zutiefst konsumistischen, säkularisierten Welt stehen, alles andere als politisch korrekt, meist einigermassen egoistisch und immer gefangen im Widerspruch der Erwartungen ihrer Umgebung und ihrer eigenen Unzulänglichkeit. Fast unerträglich alltägliche Banalitäten, die sie von sich geben, und philosophisch-metaphorische Höhenflüge liegen fatal nahe beisammen. Das macht seine Figuren immer verletzlich, weil sie absturzgefährdet sind und auf sich selbst zurückgeworfen werden. Es gibt kein tröstendes Drumherum, kein Auffangnetz und letzten Endes ist sich jeder selbst der Nächste. In „Der Bus“ hält der in einsamer Zurückgezogenheit lebende Tankwart Anton fest: „Was ich alles alleine zustande kriege. Kannst du dir nicht vorstellen. Ich massiere mir selbst den Rücken. Ich kann mich selbst erschrecken. So. Plötzlich. Peng. Dann zucke ich zusammen, werde blass und schimpfe, und hinterher freue ich mich über meinen kleinen Scherz. Man will schliesslich seinen Spass hin und wieder. Zum Geburtstag überrasche ich mich mit einem Kuchen. Und als Dankeschön gebe ich mir einen Kuss. Auf den Mund. Habe ich mir selbst beigebracht. Mit dem Mund, glaubs mir.“ Lukas Bärfuss ist ein Phänomenologe und wirft einen sezierenden, kalten Blick auf die Welt – dass dabei äusserst liebenswerte Figuren entstehen, die einem in ihrer Selbstbehauptung, manchmal auch in ihrer Eitelkeit und Sturheit ans Herz wachsen, ist kein Widerspruch. Denn meist gelingt es ihnen nicht, ihre Unzulänglichkeiten zu verbergen und sich zu verstellen, es sind keine besonders geschickten Taktierer oder Spieler, die uns Bärfuss vorsetzt. Und das bringt sie uns nah. […]
Zum Premierenbericht der Tagesschau des Schweizer Fernsehens
Zum Bericht des Kulturplatzes auf SF 1
„Lukas Bärfuss fragt nach den Werten einer Gesellschaft und was die gelten. Das tat er in seinem Roman „Hundert Tage“, in dem es um Entwicklungshilfe geht. Das tat er in seinem Stück „Alices Reise in die Schweiz“, in dem Sterbehilfe das Thema ist und das tut er nun, in den „Zwanzigtausend Seiten“ wenn er nach dem Wert der Erinnerung fragt und danach, wie Identität konstruiert wird. Sind wir das, was wir sind, aufgrund von Geschichte, die erinnert wird? Oder sind wir, was andere von uns erwarten? Kurz: Sind wir Wesen mit historischem Bewusstsein oder sind wir Kugelschreiber? In der Beantwortung dieser grundsätzlichen Frage, und das ist das Grossartige an diesem Stück, behält keiner eine weisse Weste.“ DRS 2
„Die Aufregung war gross, auch die allgemeine Scham. In einem erschütternden Bericht hielt der US-Staatssekretär Stuart Eizenstat der Schweizer Nationalbank vor, dass und wie systematisch sie Nazi-Deutschland Raubgold-Beute aus dem Vernichtungsfeldzug gegen die Juden abgekauft hatte. Die Enthüllungen beherrschten die politischen Debatten in der Alpenrepublik. Das war vor 15 Jahren. Irgendwann kehrte wieder Ruhe ein. Nun rüttelt der Schweizer Dramatiker Lukas Bärfuss mit Hilfe des deutschen Regisseurs Lars-Ole Walburg erneut am politischen Gedächtnis der Eidgenossen.
Zumindest jener, die ins Theater gehen. Bei ihnen aber wohl mit grossem Erfolg, wie Donnerstagabend der langanhaltende Beifall nach der Uraufführung der bitteren Farce „Zwanzigtausend Seiten“ am Schauspielhaus Zürich ahnen liess. Der 40-jährige Bärfuss aus dem malerischen Thun, der zu den gefragtesten Dramatikern Europas gehört, thematisiert damit das oft menschenverachtende Verhalten Schweizer Staatsdiener gegenüber jüdischen und anderen Flüchtlingen während des Zweiten Weltkrieges.
Der gebürtige Rostocker Walburg – von 2003 bis 2006 Schauspieldirektor in Basel und seit 2009 Intendant des Schauspiels Hannover – setzte das dialogstarke Stück mit minimaler, aber effektvoller Bühnentechnik und Kostümierung auf einer quadratischen Fläche in Szene, die von den Zuschauern an allen vier Seiten umgeben wird. So entsteht starke Nähe zwischen dem engagierten Schauspielerensemble und dem Publikum. Man ist versucht, einfach mitzureden, so unmittelbar wird man in das Stück und die umstrittene Schweizer Weltkriegsgeschichte hineingezogen.“ Focus.de
„Lukas Bärfuss liegt nichts daran, es sich und seinem Publikum leicht zu machen. Sein komplexes, nicht leicht durchschaubares Stück beschreibt einige Ränke und Kehren, die sich vorschnellen Interpretationen verweigern. Durchaus bewusst und kalkuliert, wie vermutet werden darf. Er nimmt das Bürgerradio auf die Schippe, dessen Redakteure den „restaurativen Bericht“ aus trotzkistischer Optik verdrängen, und er lässt Oskar das Erinnern vergessen. Damit entgeht er dem wohlfeilen Zustimmungsmechanismus und irritiert auch jenes Publikum, von dem er annehmen darf, dass es sein Stück besucht. „Das Elend ist keine Stilfrage“, sagt Wüthrich einmal. Leichte Bekömmlichkeit indessen wäre eine. Bärfuss hat sie auf seine Art gelöst.“ Nachtkritik.de
„Der Regisseur Lars-Ole Walburg hat diese absurde Welt aus greinenden Showmastern, staubbedeckten Archivaren, Knöpfe zählenden Geschichtsprofessoren und abnormen Selbstdarstellern sehr reflektiert als Reigen einer todgeweihten Dekadenzgesellschaft in Szene gesetzt. Das Schlimmste ist, dass am Ende auch die Nazi-Opfer ihre eigene Geschichte vergessen wollen und die Hauptfigur – anstelle der Erinnerung – lauter angeblich nützliche Dinge ins Hirn implantiert bekommt: die chinesische Sprache, Marketing-Strategien, Computerwissen. Das ist gut geschrieben und toll gespielt – da muss man hingehen.“ SWR 2
„Das Ganze wird von Lars-Ole Walburg genüsslich durchexerziert, ohne dass der moralische Kern unter den Tisch fiele. Die Schauspieler brillieren jeweils in diversen Rollen. Robert Schweers Bühne wiederum, vom Publikum und von Tausenden Aktenordnern eingerahmt, ist so überzeugend schlicht wie als Ausdruck für die Bedrängnisse der Vergangenheit angemessen.
Sean McDonagh als Protagonist Toni spielt gross auf. Toni ist Lebenskünstler, sensibel, herzensgut und hat die Grenzerfahrung gemacht, fünfundzwanzig Bücher auf den Kopf zu bekommen. Gefallen sind sie aus der Wohnung des Historikers Jean-Michel Blonay (Klaus Brömmelmeier), der über der „Fäkalisierung seiner Persönlichkeit“ und der „hiesigen Identität“ die Sinnlosigkeit des von ihm verantworteten Geschichtswerkes eingesehen hat und nunmehr Knöpfe ordnet. In dieser von Blonays Gouvernante (Ludwig Boettger) wiedergegebenen Resignationsgeschichte steckt der heimliche Höhepunkt des Stückes, denn wie dabei Wahres über den Umgang mit dem Bergier-Bericht und, vor allem, der Vergangenheit gesagt wird, war in dieser Form auf einer Schweizer Bühne überfällig.“ NZZ
„Bühnenbildner Robert Schweer hat aus Tausenden Bundesordnern einen quadratischen Spielraum aufgebaut, in dem das halbe Dutzend Schauspieler Runde um Runde den spielerischen Kampf des Erinnerns gegen das Vergessen ausfechten, einmal komisch, einmal tragisch, ohne moralische Fingerzeige, aber mit subversiver Boshaftigkeit und subkutaner Schärfe.“ Neue Luzerner Zeitung
„„Zwanzigtausend Seiten“ ist ein ebenso dichtes und schillerndes Stück, das seinen Figuren viel abverlangt. Tonys Freundin Lisa wird von Franziska Machens in ihrem hilflosen Opportunismus schön getroffen, während Sean McDonagh vor allem dem naiven Träumer Tony eine wunderbar überzeugende Gestalt verleiht. In den verschiedensten, oft komischen Rollen gefallen Ursula Doll, Klaus Brömmelmeier und Ludwig Boettger. Ein Auftritt von Ludwig Boettger verdient besondere Erwähnung: als schmieriger, leicht mit Hand und Kopf wippender Alternativexistentialist elektrisiert er das Publikum förmlich.“ Nachtkritik.de
„Das Premierenpublikum war tief beeindruckt über die bittere Farce und bedankte sich mit langanhaltendem Beifall.“ seniorweb.ch
Premiere am 2. Februar 2012
Vorerst zum letzten Mal am 15. März 2012


