Macht es für euch!
René Pollesch, 1962 in Friedberg/Hessen geboren, arbeitete nach seinem Studium der Angewandten Theaterwissenschaft in Giessen mit einem eigenen Ensemble. In der Spielzeit 1999/2000 war Pollesch Hausautor am Luzerner Theater (hier entstanden „Java in a box“ und „Heidi Hoh arbeitet hier nicht mehr“), ab Herbst 2000 war er Hausautor am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Von 2001 bis 2007 war er künstlerischer Leiter des Praters der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, wo unter anderem seine Trilogie „Stadt als Beute“, „Insourcing des Zuhause. Menschen in Scheisshotels“ und „Sex“ entstand. Als Regisseur seiner eigenen Stücke arbeitet er unter anderem an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin, an den Münchner Kammerspielen, am Burgtheater Wien, am Deutschen Schauspielhaus Hamburg und am Schauspielhaus Zürich. Pollesch hat mit seinen Texten und Inszenierungen eine eigene Theatersprache geschaffen, für die er mehrfach ausgezeichnet wurde, unter anderem als „Dramatiker des Jahres“ (2002 für seine erste „Prater-Trilogie“), mit dem Mülheimer Dramatikerpreis (2001 für „www-slums“ und 2006 für „Cappuccetto Rosso“) und dem Else Lasker-Schüler-Dramatikerpreis (2012). Seine Inszenierungen wurden mehrfach zum Berliner Theatertreffen eingeladen, zuletzt 2012 „Kill your Darlings! Streets of Berladelphia“.
Uraufführung
Regie René Pollesch / Bühne Chasper Bertschinger / Kostüme Svenja Gassen
Mit
Alejandra Cardona, Jan Bluthardt, Inga Busch, Forrest Baumgartner, Patrick Güldenberg, Lahcen Abounacer, Luzian Hirzel, Michelle Steinbeck, Philipp Lüscher, Sarah Andrina Schütz, Yannick Billinger, Jirka Zett
| Jan Bluthardt | |
| Inga Busch | |
| Patrick Güldenberg | |
| Jirka Zett | |
| Lahcen Abounacer | |
| Forrest Baumgartner | |
| Yannick Billinger | |
| Alejandra Cardona | |
| Luzian Hirzel | |
| Philipp Lüscher | |
| Sarah Andrina Schütz | |
| Michelle Steinbeck | |
| Regie | René Pollesch |
| Bühne | Chasper Bertschinger |
| Kostüme | Svenja Gassen |
| Licht | Markus Keusch |
| Dramaturgie | Katja Hagedorn |
| Regieassistenz | Margrit Sengebusch |
| Bühnenbildassistenz | Michela Flück |
| Kostümassistenz | Nina Sophie Wechsler |
| Regiehospitanz | Michelle Steinbeck |
| Souffleuse | Rita von Horváth |
| Inspizienz | Ralf Fuhrmann |
„Die Frage ist doch, was hat Macht über uns, was hat eine Wirkung? Eben nicht das, von dem wir annehmen, dass es mit uns zu tun hat und mit unserem Glauben an uns selbst, nein! Das, worauf wir keine Besitzansprüche anmelden würden, das, was wir weit von uns weisen würden, da sind wir, das ist das, was wirklich Macht über unsere Handlungen hat.” (René Pollesch)
Nach „Calvinismus Klein“ (2009) und „Fahrende Frauen“ (2011) ist „Macht es für euch!“ die dritte Arbeit des Autors und Regisseurs René Pollesch am Schauspielhaus Zürich.
„Die Frage ist doch, was hat Macht über uns, was hat eine Wirkung? Eben nicht das, von dem wir annehmen, dass es mit uns zu tun hat und mit unserem Glauben an uns selbst, nein! Das, worauf wir keine Besitzansprüche anmelden würden, das, was wir weit von uns weisen würden, da sind wir, das ist das, was wirklich Macht über unsere Handlungen hat. Ich bereitete dir Vergnügen, weil du mich verachtet hast. Und meine ganze Arbeit bestand darin, dich zu etwas anderem zu bewegen. Und das heisst, dass ich unentwegt dein Vergnügen abschaffen wollte. Und deshalb bist du auch gegangen. Und stell dir jetzt mal jemanden vor, der dich dauernd zu einem Ernst bewegen will. Die Leute kennt man doch. Der Ernst, das war doch gerade dein Vergnügen. Das war der Ernst. Warum wollen die alle immer geniessen „trotz“ der Verachtung. Warum können sie nicht sehen, dass der Genuss genau in der Verachtung besteht!
Als ich einmal genoss und die Verachtung spürte, wollte ich sie loswerden, wollte ich etwas aufwerten, weil ich dachte, diese Verachtung trübt doch den Genuss. Ich war mir über den Zusammenhang nicht klar. Oder ich konnte die Zeit mit dir geniessen, trotz deiner Verachtung. Ja, und auch meiner, weil das alles so durchschaubar war. Das dachte ich immer, während ich genoss: „Das ist doch so durchschaubar.“ Aber genau darin bestand das Glück. Der Genuss beruhte ganz und gar auf der Verachtung.
Warum verkennst du denn immer, dass aus Spass Ernst wird? Warum siehst du denn nicht, dass es gerade darum geht? So wie die ganz und gar Naiven oder die ganz Reflektierten, die sehen doch, dass hier aus Spass Ernst wird. Nur dein Mittelfeld hat keine Ahnung, und es entgeht ihm dauernd. Worauf der Ernst hier beruhen könnte.“ (René Pollesch)
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Robert Pfaller: Wofür es sich zu leben lohnt. Elemente materialistischer Philosophie
„Die Reise durch Polleschs Theorie-Universum ist kein Parforceritt, sondern eine Lustfahrt – und das Schauspieler-Viergespann harmoniert hervorragend. Souverän bewegt es sich durch die Textmassen, selten nur muss die stets präsente Souffleuse (in ihrem Kleid ein Blickfang: Rita von Horváth) eingreifen. Namentlich Jirka Zett besticht durch eine einnehmende, wunderbar entschleunigte Diktion – ein Glücksfall für die Polleschsche Dramaturgie. Sein augenzwinkernd bierernster Monolog zu Wagners Rheingold-Vorspiel (auch musikalisch zeigt sich der Abend aufs Schönste vielseitig!) ist eines der Glanzlichter der Aufführung, die einem Luftballon gleicht: Prall gefüllt, doch federleicht.“ NZZ
„Der Abend ist klug, oft lustig und immer menschenfreundlich, wie das immer ist in René Polleschs wunderbarer Art, aus philosophischer und ökonomischer Theorie grosse Theaterkunst zu machen.“ Nachtkritik.de
„Der Spass ist voll blitzender Momente, tiefer Pointen fürs Sehen und fürs Denken. Nach eineinhalb meist kurzweiligen Stunden ist Zeit für Nachdenken und Erkenntnis.“ Aargauer Zeitung
„René Pollesch wiederholt sich nicht. Schon die Titel seiner Stücke bringen ja immer wieder „Neues vom Dauerzustand“. So greift zwar „Macht es für euch!“, sein schon siebtes in diesem Jahr, das Schlusswort von „Kill your Darlings“ auf, korrigiert aber zugleich ältere wie „Was du auch machst, mach es nicht selbst“. Das liegt an seinen neuen Lektüren, die er seinen Diskurskomödien unterlegt. Nach Adorno, Foucault und Donna Haroway steht jetzt der österreichische Kulturphilosoph Robert Pfaller hoch im Kurs, was heisst: Schluss mit dem Gesülze von Wahrheit, Seele und authentischen Gefühlen. Der Körper ist der materialistische Kern der Schauspielerei, ihr Ziel nicht Selbstverwirklichung durch schlecht bezahlte Kreativität, sondern hedonistischer Selbstgenuss.
So sieht man jetzt vier Schauspieler, die in der Box des Zürcher Schiffbaus mit viel Herzblut einen Liebesfilm drehen (und beim Stichwort „langweilig“ knutschend übereinanderherfallen), und zehn Praktikanten, die sich den dummen Satz aller Möchtegern-Kreativen, „Ich mache das hier nicht für Geld“, zu eigen machen. Der Kapitalismus zieht ja, wie Michael Sandel in dieser Zeitung nachgewiesen hat, Heiliges und Unbezahlbares in den Kreislauf von Lohn, Preis und Profit. Den eigentlichen Skandal aber hat Sandel laut Pollesch übersehen: Das meiste im Leben – Liebe, Opfer, Spiele – wird immer noch nicht anständig bezahlt.“ Frankfurter Allgemeine Zeitung
„Eine ausladende Treppe, auf der Jean-François Millets fleissige „Ährenleserinnen“ (1857) abgebildet sind, führt links und rechts zu prunkvollen Opernlogen voller Gold, Marmor und Purpur. In der Mitte thront eine immense Leinwand (für die obligaten LiveKamerabilder), und unter dieser Kulisse des schönen Scheins webt und strebt die wunderbare Warenwelt – als Fototapete von vollen Coop-Regalen. Nutella steht neben Biohörnli, Weinflaschen neben Babygläschen. Lebensmittelfiktion unten, Kunstmittelfiktion oben: Chasper Bertschingers Bühnenbild erzählt also bereits die Geschichte von der ubiquitären Täuschung – genau richtig für Polleschs gesellschaftskritisches Gummizellentheater.“ Tages-Anzeiger
„Wer aus einem Theaterabend von René Pollesch kommt und behauptet, er habe alles verstanden, gehört zum Inszenierungsteam oder ist ein Lügner. Und wer nach einem Pollesch-Abend behauptet, er habe sich nicht amüsiert und nicht wenigstens einmal gestaunt – der ist auch ein Lügner.“ St. Galler Tagblatt
„So schweift die Soiree von Dreh zu Dreh, von Idee zu Idee, so flaniert sie von Sujet zu Sujet wie durch ein Labyrinth. Das ist teils scharf gedacht und zum Scheckiglachen: Wie sich etwa einer zu Louis Armstrongs „We Have All the Time in the World“ langsam, langsam die ganze Treppe bis in die Loge hinein hochrollt, wie er hochtaumelt, sich „hochschläft“, ist schlicht grandios. „Grosses Kino“, wie es im Stück oft heisst.“ Tages-Anzeiger
„Philosophie im Theater – und es funktioniert!“ kulturkritik.ch
Zum letzten Mal am 24. Januar 2013 im Schiffbau/Box


