Rechnitz
(Der Würgeengel)
Elfriede Jelinek wird am 20. Oktober 1946 im steirischen Mürzzuschlag geboren, ihre Kindheit verbringt sie in Wien. 1960 beginnt sie eine Ausbildung zur Organistin (1971 abgeschlossen). Ein Studium der Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte an der Universität Wien gibt sie nach sechs Semestern krankheitsbedingt auf. Ihre schriftstellerische Laufbahn beginnt mit Gedichten und Prosatexten, für beides wird sie 1969 bei der Österreichischen Jugendkulturwoche in Innsbruck ausgezeichnet. 1970 erscheint im Rowohlt Verlag ihr Romandebüt „wir sind lockvögel baby!“, dem weitere Prosa-Werke im selben Verlag folgen: „Michael. Ein Jugendbuch für die Infantilgesellschaft“ (1972), „Die Liebhaberinnen“ (1974), „Die Ausgesperrten“ (1980), „Die Klavierspielerin“ (1983), „Oh Wildnis, oh Schutz vor ihr“ (1985), „Lust“ (1989), „Die Kinder der Toten“ (1995) und „Gier“ (2000). Seit 1979 tritt Elfriede Jelinek auch als Dramatikerin in Erscheinung. Theaterstücke (Auswahl): „Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte“, „Burgtheater“, „Krankheit oder Moderne Frauen“, „Totenauberg“, „Wolken.Heim.“, „Raststätte oder Sie machens alle“, „Stecken, Stab und Stangl“, „Ein Sportstück“, „Das Lebewohl“, „Macht nichts“, „In den Alpen“, „Prinzessinnendramen I–V“, „Das Werk“, „Bambiland“, „Babel“, „Über Tiere“, „Rechnitz (Der Würgeengel)“, „Die Kontrakte des Kaufmanns“. 2004 wird Elfriede Jelinek mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet, davor hat sie bereits den Georg-Büchner-Preis und viele andere bedeutende Auszeichnungen erhalten. „Rechnitz (Der Würgeengel)“ wird 2009 von der deutschsprachigen Theaterkritik zum „Stück des Jahres“ gewählt und mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet. Die Aufführung des Schauspielhauses ist nach der Uraufführung 2008 an den Münchner Kammerspielen (Regie Jossi Wieler) die zweite Inszenierung.
Regie Leonhard Koppelmann / Raum/Licht Nadia Schrader / Kostüme Agnes Raganowicz
Mit
Isabelle Menke
| Botin | Isabelle Menke |
| Regie | Leonhard Koppelmann |
| Raum/Licht | Nadia Schrader |
| Kostüme | Agnes Raganowicz |
| Licht | Sascha Haenschke |
| Video | Andi A. Müller |
| Video | Andrea Salzmann |
| Ton/Video | Holger Wendt |
| Dramaturgie | Roland Koberg |
| Regieassistenz | David Koch |
| Mitarbeit Dramaturgie | Andrea Salzmann |
| Produktionsleitung | Johanna Grilj |
| Technische Leitung | Paul Lehner |
| Technische Einrichtung | Beat Fluck |
Man will schnell weg von Schloss Rechnitz an der österreichisch-ungarischen Grenze, die Rote Armee steht vor der Tür, mehrere Schlossgäste hatten sich eben noch eines Massakers schuldig gemacht. Aber die Schlossherrin hat noch eine Adresse im Tessin …
In „Rechnitz (Der Würgeengel)“ haben die Boten das Wort. Sie berichten – mal im Rückblick wie Zeugen, mal live wie bei einer Mauerschau – von einem Massaker und seinen Folgen, geschehen in den letzten Kriegstagen 1945 an der österreichisch-ungarischen Grenze. Die Gräfin Margit von Batthyany hatte auf Schloss Rechnitz die lokalen SS- und Gestapo-Männer zu einem so genannten Gefolgschaftsfest eingeladen. Zeitgleich wurde eine Massenerschiessung beim nahe gelegenen „Kreuzstadel“ vorbereitet. 180 jüdische Zwangsarbeiter, die für die Deportation ins Landesinnere zu entkräftet waren, wurden schliesslich von einer Gruppe Festgäste erschossen. Schon wenige Tage später brannte Schloss Rechnitz und die Gräfin floh vor der Roten Armee mit zwei Begleitern, dem SS-Ortsgruppenführer Podezin und dem Schlossverwalter Oldenburg. Ihr Ziel: die Schweiz, namentlich die Villa Favorita am Luganer See, wo Margits Bruder Heini Thyssen lebte, mit den Nazis Geschäfte machte und Kunst sammelte. Die Boten bleiben zurück und mit ihrem Wissen allein, in Umkehrung von Bunuels Film „Der Würgeengel“, wo es die (Dienst-)Boten sind, die die Herrschaft im Stich lassen.
Elfriede Jelinek lässt in ihrem Stück viele Quellen ineinander fliessen. Es sprechen Zeitzeugen, wie sie in den Rechnitz-Prozessen der Nachkriegsjahre ausgesagt haben; Dorfbewohner und ehemalige Dienstboten, wie sie in dem Dokumentarfilm „Totschweigen“ aussagen bzw. sich ausschweigen; antike Boten, die aus den „Bakchien“ entsprungen sein könnten; ein aufgeklärter deutscher Bote von heute, der über unseren „Sündenstolz“ nachdenkt; schliesslich spricht der „Kannibale von Rotenburg“, ein Menschenfresser von heute. In der Aufführung des Schauspielhauses steht eine Botin stellvertretend für alle. Eine Zofe ohne Herrin? Die Herrin als Zofe?
Die Schriftstellerin Elfriede Jelinek im Gespräch mit dem Dramaturgen Roland Koberg
Roland Koberg – Ausgangspunkt Ihres Stücks „Rechnitz (Der Würgeengel)“ ist ein Nazi-Massaker an 180 jüdischen Zwangsarbeitern in den letzten Kriegstagen 1945. Was gab den Anstoss, dieses Stück jetzt zu schreiben? War es der umstrittene Artikel über die Tatbeteiligung der Rechnitzer Schlossherrin Margit von Thyssen-Batthyany, den David Litchfield im Herbst 2007 erst im „Independent“ und später, in abgeschwächter Form, in der „F.A.Z.“ veröffentlichte?
Elfriede Jelinek – Die Sache war schon vorher bekannt. Ich hatte durch den Film „Totschweigen“ von Eduard Erne und Margareta Heinrich davon erfahren. Diesen Film hatte ich in meinem Stück „Stecken, Stab und Stangl“ bereits benützt und sozusagen im Hinterkopf gespeichert. (Dieses Stück über den politisch motivierten Mord an vier Roma im burgenländischen Oberwart wurde 1996 uraufgeführt, Anm.) Danach war das Thema für mich erledigt, bis zum Erscheinen von Litchfields Biographie der Familie Thyssen, aus der sich sein Zeitungsartikel speist. Dieses Buch, in dem Rechnitz nur ein kurzes Kapitel darstellt, ist ja eine „Oral History“: Litchfield hat im Grunde das niedergeschrieben, was ihm der Baron Heinrich von Thyssen (Margits Bruder, Anm.) erzählt hat. Litchfield ist im Prinzip ein Klatschreporter und man versteht sofort, dass der Baron lieber mit so jemandem sprach als mit einem Historiker. Deswegen ist dieses Buch ein so wichtiges Dokument, es hat für mich eine andere Art von Wahrheit als eine historische Wahrheit, nämlich die des kolloquialen Redens. Diese Leute haben es nicht nötig, mit Wissenschaftlern zu reden, aber sie saufen gerne mal mit Gesellschaftsreportern. Und da kommen die Dinge dann heraus.
Roland Koberg – Das heisst, das Saloppe bei Litchfield war für Sie als Dichterin von Vorteil?
Elfriede Jelinek – Ja, ich schätze das Hörensagen eben ausserordentlich, genauso wie Klatsch und Tratsch. DieseArt der Schilderung regt meine Phantasie an. Als der Artikel erschien, traf das bei mir einen Nerv, der schon freigelegt war.
Roland Koberg – Es ist nicht das erste Mal, dass Sie im Holocaust begangene Verbrechen zum Thema ihrer Literatur machen, auch der Internet-Roman „Neid“ bezieht sich auf ein Massaker in den Alpen, das im Zuge der so genannten Todesmärsche verübt wurde.
Elfriede Jelinek – Das Massaker in Rechnitz war für sich genommen kein so aussergewöhnliches Ereignis, es gab diese Art der Verfolgung vor und auch nach Kriegsende, ob das in Österreich die „Mühlviertler Hasenjagd“ war oder die Massenerschiessung in Präbichl bei Eisenerz, die in „Neid“ eines der Themen ist. Auch in der Nähe von Rechnitz, in Deutsch-Schützen, ist das gleiche passiert — der heute 85-jährige Täter wurde erst kürzlich gefunden, sein Name stand im deutschen Telefonbuch.
Roland Koberg – Litchfield glaubt an eine direkte Tatbeteiligung Margit von Batthyanys …
Elfriede Jelinek – Die ist zwar nicht nachzuweisen, aber, wie ich finde, äusserst wahrscheinlich. Sie war die Gastgeberin dieses „Gefolgschaftsfests“ (dieses Fest verliessen einige Gäste vorübergehend, um die Erschiessungen vorzunehmen, Anm.), die Gräfin wusste, wo der Schrank mit den Gewehren steht und sie stand in einem intimen Verhältnis zu den zwei SS-Männern Oldenburg und Podezin. Dass sie nichts gewusst hat, kann ich mir nicht vorstellen. Obwohl ich wiederum nicht glaube, dass sie selber geschossen hat.
Roland Koberg – Ohne selbst in Rechnitz gewesen zu sein, haben Sie für Ihr Stück doch viel recherchiert, fast wie eine Detektivin. Auch der brisanten Frage, warum die Opfer von Rechnitz, die sich ihr eigenes Grab schaufeln mussten,bis heute unauffindbar sind, wird im Text nachgegangen. Es ist von einer „Kiesgrubentheorie“ die Rede …
Elfriede Jelinek – Diese Theorie stammt, wie ich sagen muss, von meinem technisch versierteren Mann. Die Gräber wurden ja schon einmal von den Russen ausgegraben und danach wieder zugeschüttet. Es könnte also zum Beispiel sein, dass in der Nacht, als die Gräber geöffnet wurden, die Leichen mit Baufahrzeugen ausgegraben und in Kiesgruben verscharrt wurden, dann würde man sie nicht mehr finden. Der ehemalige Gauleiter und Blutordensträger Tobias Portschy, der so etwas wie der Dämon des Burgenlands war und der auch die Bauwirtschaft bis zu seinem Ableben fest im Griff hatte, könnte das veranlasst haben. Wären die Leichen nicht weggeschafft worden, so müsste man die Gräber mittels Radaraufnahmen aus der Luft, die Hohlräume erkennen lassen, eigentlich finden.
Roland Koberg – Besteht noch eine Chance?
Elfriede Jelinek – Die Wahrscheinlichkeit schätze ich auf 50:50. Allerdings habe ich nicht den Eindruck, dass an diesem Ort ein grosser Bedarf nach Aufklärung vorhanden ist. Die Batthyanys gelten in Rechnitz ja als grosse Wohltäter. Ihr Schloss gibt es zwar nicht mehr, aber dafür ein Jagdhaus, dass die Gräfin oft genutzt hat. Wenn man da beim Fenster hinein schaut, sieht man übrigens, wie mir berichtet wurde, Trophäen, die die Gräfin von Jagdausflügen in Südafrika mitgebracht haben muss – offenbar hat sie den dorthin geflüchteten Täter Franz Podezin getroffen.
Roland Koberg – Es gibt kaum (noch) Schriftsteller Ihrer Generation, die sich mit dem Holocaust literarisch auseinandersetzen …
Elfriede Jelinek – Heute interessiert das wahrscheinlich niemanden mehr und es ist mehr ein Thema für Feierstunden und Gedenktage, wobei in diesem Jahr der Tag der Reichspogromnacht von der Euphorie über 20 Jahre Wiedervereinigung grotesk überlagert wurde.
Roland Koberg – Und warum interessiert es Sie als Schriftstellerin?
Elfriede Jelinek – Das ist bei mir schon eine Besessenheit, mich immer wieder damit zu beschäftigen. Mit „Rechnitz“ könnte das zu Ende sein, aber ich würde es nicht beschwören. Ein Antrieb ist, dass in Österreich die Unschuldigkeit zum Dogma erhoben worden ist. Am Anfang hat man einige aufgehängt, aber schon ein paar Jahre später wurden bei Nazi-Prozessen jüdische Zeugen lächerlich gemacht und bald sassen die übelsten Kreaturen für die FPÖ im Parlament. Einer der schlimmsten Nazi-Verbrecher, Alois Brunner, scheint in Syrien, wohin er sich absetzte, lange ganz offiziell aufgetreten zu sein. Das hat es in keinem anderen Land gegeben, das ist unsere Erbsünde und wir werden sie nicht los. Jetzt, wo alles zu spät ist, werden plötzlich irgendwelche Ergreifungsprämien ausgesetzt, das ist dermassen erbärmlich. Die Österreicher sind immer davon gekommen. […]
„Angekommen in einem Industriegebäude mit Kachelwänden, Parkettboden, Klappstühlen (Raum Nadia Schrader), empfängt uns die „Gräfin“ als VIP-Flüchtling, der sich nach und nach aus der Verkleidung (Kostüme Agnes Raganowicz) schält. Hut, Mantel, Frackjacke, Krinoline, Unterrock, Hose — schliesslich steht Isabelle Menke, die grossen Augen dunkel geschminkt, im scharlachroten Abendkleid da. Von verruchten Partyzeiten mit Gleichgesinnten, welche „getrunken haben, was die Wimper hält“ kündet ihre Erscheinung. Das „schwere historische Gepäck“ lagert in einem Holzcontainer. Eineinhalb Stunden lang rekapituliert die Schauspielerin, ohne eine wirkliche „Figur“ in einer „Geschichte“ zu spielen — das gibt es bei Jelinek nie —, Taten und Untaten von anno dazumal, assistiert lediglich von Ton-Recordern. Eine Parforcetour.“ NZZ
„Selten hat man einen Ein-Frau-Abend gesehen, der so schillernd und differenziert ausgearbeitet war wie dieser von Isabelle Menke und dem deutschen Regisseur Leonhard Koppelmann.“ Tages-Anzeiger
„Sie häutet sich wie eine Zwiebel, während sie das Publikum komplizenhaft umgarnt, brillant kalauernd gefangen nimmt, diabolisch, ordinär, irr, grössenwahnsinnig, dann aber wieder ganz nüchtern und selbstverständlich einbezieht in den unbegreiflichen Schrecken, der sich in Rechnitz abgespielt und in der Schweiz überspielt worden ist. Schliesslich steht die grossartige Menke im leuchtend roten Abendkleid und mit gediegener Feder vor uns wie die Gräfin herself, ganz grande dame, die das Erschiessen Wehrloser unglaublich zynisch mit einer Handbewegung als Nichtigkeit abtut. Was wollt ihr eigentlich? Die Gruben waren ja gar nicht so tief, kein Problem, da rein zu fallen.“ Schweizerischer Feuilletondienst
| Schiffbau | |||||
|---|---|---|---|---|---|
| Mo, | 18. Juni |
20.30 – 22.30 Uhr |
Karten | Zum vorerst letzten Mal |
Treffpunkt Foyer |
Premiere am 19. Dezember 2009


