Weiter träumen
Thomas Jonigk ist einer der prägenden Autoren seiner Generation. Seit 1991 schreibt er Theaterstücke, Libretti, Drehbücher und Romane. Sein Werk wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und mit vielen Preisen ausgezeichnet, u.a. erhielt er für seinen Roman „Quarante Jours“ („Vierzig Tage“) 2009 den „Prix Amphi“ für den besten nicht-französischen Roman in französischer Übersetzung. Seit der Spielzeit 2009/10 ist Jonigk als Autor und Dramaturg am Schauspielhaus Zürich tätig, wo bislang seine Theaterfassung von Gottfried Kellers „Martin Salander“ (Regie Stefan Bachmann) und sein Stück „Täter“ (Regie Daniela Löffner) zu sehen waren. Mit Christof Loy, dem Uraufführungsregisseur seines neuen Stücks „Weiter träumen“, verbindet ihn eine enge Zusammenarbeit: Neben Arbeiten als Musikdramaturg bei den Salzburger Festspielen („Theodora“, „Die Frau ohne Schatten“) und der Deutschen Oper am Rhein („Louise“) schrieb der Autor das Ballettlibretto „Jahreszeiten“, das im Rahmen von Giuseppe Verdis „Les Vêpres Siciliennes“ an der Nederlandse Opera in Amsterdam sowie dem Grand Théâtre de Genève von Loy uraufgeführt wurde. Ausserdem wird Christof Loy Jonigks Libretto „Der Sandmann“, das momentan vom Komponisten Andrea Lorenzo Scartazzini vertont wird, im nächsten Jahr am Theater Basel zur Uraufführung bringen. Als Regisseur arbeitete Jonigk u.a. an der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, am Luzerner Theater, am Düsseldorfer Schauspielhaus sowie am Schauspielhaus Wien, dem er von 1997 bis 1999 als Chefdramaturg angehörte. Am Schauspielhaus Zürich inszenierte er bislang die deutschsprachige Erstaufführung des libanesischen Textes „Biokhraphia“ von Rabih Mroué und Lina Saneh.
Uraufführung
Ein Auftragswerk für das Schauspielhaus Zürich
Regie Christof Loy / Bühne Jan Versweyveld / Kostüme Ursula Renzenbrink / Musik Mathis Nitschke
Mit
Klaus Brömmelmeier, Fritz Fenne, Silvia Fenz, Julia Kreusch, Christoph Quest, Friederike Wagner, Susanne-Marie Wrage
| Silvia Bockmann | Silvia Fenz |
| Karl Bockmann | Christoph Quest |
| Hildegard Bockmann | Susanne-Marie Wrage |
| Ursula Hofknecht | Friederike Wagner |
| Junge Frau/Krankenschwester | Julia Kreusch |
| Hans | Fritz Fenne |
| Arzt | Klaus Brömmelmeier |
| Regie | Christof Loy |
| Bühne | Jan Versweyveld |
| Kostüme | Ursula Renzenbrink |
| Musik | Mathis Nitschke |
| Licht | Jan Versweyveld/Frank Bittermann |
| Choreographie | Thomas Wilhelm |
| Dramaturgie | Thomas Jonigk |
| Regieassistenz | Marco Dahinden |
| Bühnenbildassistenz | Nadia Schrader |
| Kostümassistenz | Lisa Dässler |
| Praktikum Ton | Rebecca Stofer |
| Regiehospitanz | Kateryna Sokolova/Zita Signer |
| Souffleuse | Gerlinde Uhlig-Vanet |
| Inspizienz | Aleksandar Sascha Dinevski/Dagmar Renfer |
| Statist | Yannick Billinger |
Seit 42 Jahren ist Silvia Bockmann verheiratet. Und denkt plötzlich über Scheidung nach. Das Auftauchen des deutlich jüngeren Hans, der der überrumpelten Silvia seine Liebe gesteht und eine gemeinsame Zukunft voller Leidenschaft, Erotik und Sexualität plant, macht die Rückkehr zu ihrem Mann nicht leichter …
Eine Komödie über unerfüllte Wünsche, Sehnsüchte, Hoffnungen und verpasste Chancen. Und über die Liebe, die die einzige Möglichkeit bleibt.
Weihnachten. Seit drei Tagen sitzt Silvia Bockmann auf der Intensivstation eines Krankenhauses und wartet auf das Erwachen ihres Mannes, der im Koma liegt. Und hat Angst, er könne als genau der wieder aufwachen, der er in den 42 Jahren ihrer Ehe schon viel zu lange gewesen ist.
Der Weg zurück in die eheliche Routine wird durch das Auftauchen des merklich jüngeren Hans nicht gerade leichter. Schon nach kürzester Zeit gesteht er der überrumpelten Silvia seine Liebe und plant eine gemeinsame, aufregende Zukunft voller Leidenschaft, Erotik und Sexualität. Also mit allem, was Silvia in ihrem Leben seit langer Zeit vermisst und sich aufgrund ihres hohen Alters nicht mehr eingestanden hat. Die Grenzen zwischen Koma, Phantasie und Realität vermischen sich: Silvia weiss nicht, wofür sie sich entscheiden soll.
In Thomas Jonigks „Weiter träumen“, einem Auftragsstück des Schauspielhauses Zürich, wird die Intensivstation zum Verhandlungsraum des Lebens. Und zum Ort der Komödie, an dem von unerfüllten Wünschen, Sehnsüchten, Hoffnungen und verpassten Chancen erzählt wird. Und von der Liebe, die trotz – oder eben gerade aufgrund von Silvias Alter – die einzige Möglichkeit bleibt.
Silvia Fenz, Christof Loy und Thomas Jonigk im Gespräch
Thomas Jonigk – Silvia, du hast seit 1994 von Frankfurt über Wien bis Basel und nun Zürich in beinahe allen meiner Stücke gespielt. „Weiter träumen“ habe ich speziell für dich geschrieben. Nicht nur, weil du eine herausragende Schauspielerin bist, auch weil wir uns privat intensiv über die Bedeutung des Älterwerdens – speziell für eine Frau – unterhalten haben. Diese Gespräche wurden meine Inspiration für „Weiter träumen“. Du gibst eine Figur, die Silvia heisst und natürlich dennoch Fiktion ist. Ist das etwas anderes, als wenn du z.B. eine Figur von Ibsen spielst?
Silvia Fenz – Schon. Es ist fast wie eine Therapie, weil du etwas geschrieben hast, das ich nicht erwartet habe und mir doch vertraut ist. Manchmal bin ich fix und fertig, weil die Arbeit an der Figur Erinnerungen in mir hochholt. Was mich dann als Schauspielerin verunsichert, weil ich mit meinem Nichtwissen über mich und wie man mich sieht, konfrontiert bin. Und damit, wie ich geworden bin. Da kommen mir dann manchmal die Tränen, weil das Weiterträumen mich nie wirklich verlassen hat. Und da die meisten Begebenheiten in dem Stück erdacht sind, sind die Erinnerungen nicht biographischer, sondern emotionaler Natur: Aber die evozieren dann Bilder von früher, die sich auf mein gelebtes Leben beziehen und mir eine Rückschau auf mich ermöglichen.
Christof Loy – Für mich als Regisseur ist es hilfreich, dass ich die Biographie meiner Darstellerin weniger lang und intensiv kenne und mich viel vorbehaltloser mit der Figur Silvia beschäftigen kann. Ich bewege mich auf neutralerem Boden und stelle mir von dort aus vor, wie die Figur Silvia ist und sich verhält, ohne dass ich damit in Konflikte gerate.
Silvia Fenz – Das ist auch für mich sehr gut. In mir vermischen sich ohnehin sämtliche Geschichten, ich blicke von aussen auf mich und habe das Gefühl zu träumen: Wie bin ich? Wie soll ich da dran gehen? Zudem erlebe ich viele Verluste sehr verdeutlicht, z.B. das Tanzen. Mein Körper ist älter geworden und wenn ich über das Thema Erotik nachdenke, spüre ich – wie es im Stück ja auch gesagt wird – die Sehnsucht danach, einfach in Ruhe alt und weise sein zu dürfen, ohne über Alterssex nachdenken zu müssen. Aber das Stück verlangt auch eine andere Sehnsucht. Und Silvia muss herausfinden, wonach sie sich sehnt.
Thomas Jonigk – In unserer Gesellschaft darf man nur alt sein, wenn man im Alter möglichst jung ist. Dabei werden die Schwierigkeiten des Alters wie körperliche Gebrechen, soziale Ausgrenzung etc. verleugnet: Vor allem Frauen fallen ja aus den Bereichen Erotik und Flirt komplett heraus. Die daraus resultierenden Liberalisierungsversuche haben aber leider etwas Zwanghaftes: Die ältere Frau darf bzw. muss jetzt vital, sportlich, sorglos, faltenfrei und sexuell aktiv sein, es entsteht neuer Druck. Es wird immer weniger gestattet, dem Körper Entspannung zu schenken oder seinen Radius zu verkleinern. Die Verbindung von Alter mit geistiger Reife findet schon gar nicht mehr statt. Es geht um den Körper.
Christof Loy – Dennoch finde ich interessant, dass Silvia in dem Stück die Sehnsucht hat, jemandem wie dem deutlich jüngeren Hans eine gleichwertige Partnerin sein zu wollen – und zwar auch in sexueller Hinsicht.
Silvia Fenz – Ich kann mich nie entscheiden, ob Silvia rückwirkend träumt oder ob die Begegnung tatsächlich stattfindet. Vielleicht ist Hans eine Erinnerung. Die Probenarbeit macht mir sehr bewusst, dass ich mit einer unheimlich reichen Vergangenheit beschenkt bin. Ich habe sehr viele Erfahrungen gemacht und dennoch meine Naivität nicht eingebüsst. Es gibt noch dieses Mädchen in mir, das ich nicht mehr bin. Ich bin da, wo ich jetzt bin. Und die Sehnsucht bleibt: nach Wiederkehr, nach Neuem, nach Unmöglichem.
Thomas Jonigk – Das Träumen hat als Motiv eben sehr viel mit dir zu tun. Nicht im Sinne von Freud, der den „Königsweg zum Unbewussten“ mit verdrängten sexuellen Wünschen, Inzestgelüsten oder Elternmordgedanken befrachtet hat. Auch nicht als Nervengewitter im Kopf, wie viele Neurowissenschaftler das heute annehmen. Träumen in meinem Stück ist eine Art kreativen Denkens, in dessen Rahmen wir uns nicht zensieren und das eng mit der Realität verwoben ist: als Erinnerung oder als potentielle Wirklichkeit. […]
„Jonigk besitzt nicht nur die Gabe, wirksame Dialoge zu schreiben, explizit und doch vieles in der Schwebe lassend. Er versteht es auch, den gewichtigen Fragen um Alter, Liebe und geschlechts- und altersspezifischen Umgang damit Schwerelosigkeit, ja sogar komödiantischen Feinschliff zu verleihen. Er darf sich dabei auf die Kunst von Silvia Fenz verlassen, die für die Bühnen-Silvia eine subtile Balance zwischen Weisheit, Wehmut, Betroffenheit und wohltuender Selbstironie findet. Und ebenso einem hochkarätigen Ensemble, das unter der entschlackten, punktgenauen Regie von Christof Loy sein Bestes gibt.“ Schweizerischer Feuilletondienst
„Zusätzlich dazu, dass er das Titelmotiv da und dort wortgetreu intoniert, lässt der 1966 geborene Thomas Jonigk an gewissen Stellen seines neuen Stücks „Weiter träumen“ offen, was wirklich ist und was imaginiert wird. Es ist dies eines der Verfahren, welches das Auftragswerk des Schauspielhauses Zürich vor der Gefahr von Klischees rettet. Die mutige alte Frau, die sich nach Jahrzehnten einer unbefriedigenden Ehe nach einem Neuaufbruch sehnt, und das stark behaarte Triebwesen mit dem sprechenden Namen Karl Bockmann wären ja schon mal zwei davon. Aber wie „Täter“ von 1999, wo Jonigk das scheinbar bekannte Thema der sexuellen Gewalt auf eine erstaunlich bühnentaugliche Art durchdekliniert hat, sorgt er auch hier für eine kluge Anlage.“ Südkurier
„… ein mit dem Zeitgeist flirtendes Amüsement, das sich dank Christof Loys spritziger Uraufführung klar abhebt von den im Untergrund lauernden Seichtheiten des Frauenzeitschrift-Niveaus.“ NZZ
„Christoph Loy hat wunderbar die Balance zwischen Realismus und Traumwelt geschaffen.“ Deutschlandradio Kultur
„Tatsächlich wird sich fast jede Abonnentin bei der Rückschau auf ihr Beziehungsleben in einer der Frauenfiguren wiederfinden – und darüber herzlich lachen.
Denn das schauspielerische Damenquartett jongliert grossartig mit den weiblichen Klischees, die Jonigk üppig serviert.“ NZZ
„Mit seinem Ausstatter-Duo macht Loy die Intensivstation als eine das Geschehen verdichtende Metapher unmittelbar begreifbar. Wobei er die durchaus in dem Stück vorgegebenen boulevardesken Elemente und Requisiten ausspielen lässt und akzentuiert – einschließlich getigerter Röckchen weiterer Frauen, die in Bockmanns Bannkreis geraten sind.
Die weibliche Hauptrolle wird von der 71-jährigen Silvia Fenz, für die sie speziell geschrieben ist, mit der passenden Melancholie grundiert – gerade auch, wenn Silvia als Balletteuse, die sie einst war, durch den Klinikraum schwebt. Fritz Fenne glaubt man den poetisch-spinnerten Hans. In den weiteren Rollen überzeugen Susanne-Marie Wrage, Friederike Wagner, Julia Kreusch, Klaus Brömmelmeier und Christoph Quest.“ Südkurier
„Die zarte und kleine Silvia Fenz spielt mit dem jungen, hoch gewachsenen Fritz Fenne nicht gleich ein Paar, sondern eine Begegnung, die durch die wunderbar intensive Lakonik der Darstellerin und die zurückhaltende Präsenz ihres Partners die schwebende Selbstverständlichkeit eines offenen Suchprozesses erhält.“ Deutschlandfunk
„Das treffliche Ensemble trifft alle Zwischentöne und gibt das pointenreiche Spiel als eine unterhaltsam konzentrierte unaufgeregt dramatische Versuchsanordnung. Ein Schauspielerstück eben.“ Deutschlandfunk
„Silvia Fenz zeigt ihre feinnervig-energische Silvia Bockmann als ebenso gefühlvolle wie abgeklärte Frau.“ Stuttgarter Zeitung
„Bleibt das Vergnügen am formidablen Ensemble, zuvörderst Silvia Fenz, deren kleine, starke Silvia ja nicht zufällig den gleichen Namen trägt wie ihre Schöpferin. Bleiben Susanne-Marie Wrage als über-über-überpatentes Vatertöchterlein, Friederike Wagners Allegorie der letzten Hoffnung, Julia Kreusch als grandioser Trampel.“ Nachtkritik.de
Premiere am 22. Oktober 2011
Zum letzten Mal am 11. Januar 2012
Herzlichen Dank der Firma record Türautomation AG für die kostenlose Leihgabe und Montage von zwei Drehflügeltürantrieben.


