Tod eines Handlungsreisenden
Arthur Miller wurde am 17.10.1915 als Kind jüdischer Einwanderer in New York geboren. Durch den Zusammenbruch der väterlichen Textilfirma erlebte er die Depressionszeit der 30er Jahre aus erster Hand. Als junger Mann nahm er zunächst verschiedene Gelegenheitsjobs an und studierte dann Journalismus in Ann Arbor. In seine Studienzeit fielen auch seine ersten Versuche als Schriftsteller und Dramatiker. Seinen ersten grösseren Bühnenerfolg hatte er mit dem Drama „Alle meine Söhne“ (1947). Es folgten „Tod eines Handlungsreisenden“ (1949), Millers berühmtestes und vielfach ausgezeichnetes Stück, „Hexenjagd“ (1955) und „Blick von der Brücke“ (1962). Nach der Aufführung von „Hexenjagd“ wurde Miller Ziel einer antikommunistischen Hetzkampagne unter Senator Joseph McCarthy, in deren Zuge ihm prokommunistische Aktivitäten vorgeworfen wurden. Publizität erlangte er auch durch seine zweite Ehe mit Marilyn Monroe. Für Monroe schrieb er das Drehbuch zu dem Film „The Misfits“ (1961). Von 1965 bis 1969 war Miller Präsident des Internationalen P.E.N. Clubs und setzte sich wiederholt für die Rechte politisch verfolgter Schriftsteller ein. Neben weiteren Dramen („Nach dem Sündenfall“, 1964; „Zwischenfall in Vichy“, 1964; „Spiel um Zeit“, 1981 u.a.) schrieb Miller auch Romane, Kurzgeschichten, Reportagen, Hörspiele und zahlreiche Essays, in denen er seine Gedanken zu Politik, Ethik und Drama veröffentlichte. Er starb am 10.02.2005 in Connecticut.
Deutsch von Katrin Janecke
Regie Stefan Pucher / Bühne Stéphane Laimé / Kostüme Marysol del Castillo / Musik Christopher Uhe
Mit
Jan Bluthardt, Jonas Gygax, Robert Hunger-Bühler, Julia Kreusch, Sean McDonagh, Markus Scheumann, Siggi Schwientek, Michaela Steiger, Friederike Wagner
| Willy Loman | Robert Hunger-Bühler |
| Linda | Friederike Wagner |
| Biff | Sean McDonagh |
| Happy | Jan Bluthardt |
| Bernard | Jonas Gygax |
| Die Frau | Michaela Steiger |
| Charley | Siggi Schwientek |
| Ben | Markus Scheumann |
| Miss Howard | Julia Kreusch |
| In weiteren Rollen | Larissa Eichin, Jasmin Friedrich, Oliver Tobler |
| Regie | Stefan Pucher |
| Bühne | Stéphane Laimé |
| Kostüme | Marysol del Castillo |
| Musik | Christopher Uhe |
| Videomischung | Christian Sarna |
| Licht | Markus Keusch |
| Dramaturgie | Katja Hagedorn |
| Regieassistenz | Hannes Weiler |
| Bühnenbildassistenz | Anja Kerschkewicz |
| Kostümassistenz | Eva Krämer |
| Praktikum Bühnenbild | Moira Gillieron |
| Kostümhospitanz | Vera Rijks |
| Videoassistenz | Ruth Stofer |
| Regiehospitanz | Sarah Bellin und Zino Wey |
| Soufflage | Gerlinde Uhlig-Vanet |
| Inspizienz | Michael Durrer |
Schiffbau/Halle
Premiere am 17. September 2010
Eingeladen zum Berliner Theatertreffen 2011
„Tod eines Handlungsreisenden“ (1949) ist bis heute Arthur Millers erfolgreichstes Stück. Es erzählt von Willy Loman, der den Boden unter den Füssen verliert, als er im Alter mit den Entwicklungen im Geschäft nicht mehr mithalten kann und gekündigt wird, und von einer Welt, in der die Träume der Werbung und die Maxime des finanziellen Erfolgs den Menschen aufs Stärkste und Groteskeste durchdringen.
Die erste Hallen-Produktion in dieser Spielzeit, die im Mai 2011 als eine der zehn bemerkenswertesten Inszenierungen der vergangenen Saison zum Berliner Theatertreffen eingeladen war, inszenierte Stefan Pucher, dem Zürcher Publikum durch Inszenierungen wie „Richard III“, „Homo Faber“, „The Iron Curtain Star“ und „Die Perser“ bestens bekannt.
Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ (1949) erzählt von Willy Loman, der unter hohem Druck steht, die finanziellen und gesellschaftlichen Ansprüche weiter zu erfüllen und flüchtet sich zunehmend in
Erinnerungs- und Phantasiewelten. Seine Frau Linda weiss um seinen Zustand, aber ein offenes Gespräch ist nicht möglich. Auch zwischen den Kindern und den Eltern wird nicht ehrlich miteinander geredet. Gerade weil Willy dem eigenen Scheitern nicht ins Auge sehen kann, erwartet er immense Leistungen von seinen Söhnen und setzt sie mit seinen überzogenen Erwartungen unter Druck, aber besonders sein ältester Sohn Biff ist immer weniger in der Lage, diese Erwartungen zu erfüllen. Als Willy schliesslich entlassen wird, sieht er seine Existenz vollständig in Frage gestellt. Selbstmord, als Autounfall getarnt, um die Versicherungssumme für die Familie zu kassieren, scheint der letzte Ausweg. Grössenwahn, Lügen und Sprachlosigkeit, aber auch eine grosse Liebe zueinander herrschen in dieser Familie, die eine Gesellschaft spiegelt, in der Leistung, Effizienz und Erfolg die Maximen sind.
„Tod eines Handlungsreisenden“ wurde zu Arthur Millers erfolgreichstem Stück. Vielfach verfilmt und auf die Bühne gebracht und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Pulitzer-Preis, erzählt diese Tragödie von einer Welt, in der die Mythen des Wohlstands und des Erfolgs die Menschen aufs Stärkste und Groteskeste durchdringen.
Der Psychoanalytiker Prof. Dr. Udo Rauchfleisch im Gespräch mit der Dramaturgin Katja Hagedorn
[…] Katja Hagedorn – Warum definieren wir uns und andere Menschen so stark über Arbeit?
Udo Rauchfleisch – Ich halte das für ein kulturelles Phänomen westlicher Gesellschaften – und auch für ein Problem. Das war schon vor sechzig Jahren so, als Arthur Miller sein Stück geschrieben hat, und hat sich seitdem wohl nicht verändert oder höchstens verstärkt. Wir definieren Menschen über bestimmte Werte, vor allem über Arbeit, Erfolg, Jugendlichkeit. Das wird den Menschen so lange vor Augen geführt, bis sie es verinnerlichen und für normal halten. In der Sozialpsychologie spricht man darum von den so genannten „Selbstverständlichkeiten“. Das sind die Werte, die eine Kultur als selbstverständlich erachtet und nicht in Frage stellt.
Katja Hagedorn – Und der hohe Stellenwert von Arbeit wäre eine solche Selbstverständlichkeit in unserer Kultur?
Udo Rauchfleisch – Ich denke schon. Wir messen den Wert eines Menschen doch zu grossen Teilen an seiner Arbeit und seinem Erfolg – und stellen diesen Massstab nicht in Frage. Es gibt da übrigens wieder einen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Ich habe eben gesagt, dass Männer dazu tendieren, sich extrem über ihre Arbeit zu definieren. Aber warum ist das so? Weil Männer komisch angeschaut werden, wenn sie es nicht tun. Ich kenne einen Fall, in dem ein Sohn sich die Tätigkeit als Hausmann gut vorstellen konnte und von seinen Eltern gefragt wurde: „Haben wir dich etwa dafür studieren lassen? Dass du jetzt im Haus stehst?“ Einer Frau würde man diese Frage wohl so nicht stellen. Man würde sie eher fragen, ob es ihr reicht, zu Hause zu bleiben, wenn sie doch studiert hat.
Katja Hagedorn – Arthur Miller hat es auf Partys eine Zeit lang vermieden, Menschen bei der ersten Begegnung sofort nach dem Beruf zu fragen, weil es ihn gestört hat, dass die Arbeit so stark im Mittelpunkt steht.
Udo Rauchfleisch – Die Frage nach dem Beruf ist wirklich die erste Frage, die wir einem Menschen stellen, wenn wir ihn kennen lernen. Ich habe arbeitslose Patienten, die die Gesellschaft anderer Menschen darum meiden. Das ist ein Teufelskreis, denn eigentlich würden diesen Menschen soziale Kontakte gut tun. Aber sie sagen: „Wissen Sie, die erste Frage ist immer: Und was machen Sie beruflich? Und dann fange ich an zu stottern und zu schwitzen und werde rot und sage, was ich früher mal gemacht habe.“ Aber natürlich kommt dann als nächstes die Frage: „Und was machen Sie jetzt?“ Das kann vom Fragesteller ganz harmlos gemeint sein, aber der Mensch ohne Arbeit steht spätestens dann mit dem Rücken zur Wand. Ich glaube, es ist für einen Aussenstehenden kaum vorstellbar, zu was für einer existenziellen Notsituation so ein Gespräch werden kann.
Katja Hagedorn – Willy Loman verliert sich zunehmend in Erinnerungswelten und Phantasien. Ist das eine gängige Reaktion auf das Gefühl, in so eine existentielle Notsituation geraten zu sein?
Udo Rauchfleisch – Es ist eine mögliche Reaktion neben anderen. Wenn die Realität so unerträglich wird, dass ein Mensch ihr nicht mehr ins Auge schauen kann, können Phantasien einen Zufluchtsort bieten. Man zieht sich in eine Welt zurück, in der alles in Ordnung und man selbst noch Herr der Lage ist. Das baut das angeschlagene Selbstwertgefühl wieder auf. […]
„Pathos und Ironie – Pucher verbindet beides zu einer ungemein einnehmenden Mischung. Das Requiem auf den Tod des Handlungsreisenden feiert er, seiner Pop-Ästhetik treu, mit dem Ensemble als Band und Robert Hunger-Bühler am Mikro, der anhand des Velvet-Underground-Songs „I’m set free“ verkünden darf: Ich bin auch ein Rockstar.“ NZZ
„Es sieht so aus, als sei der 45-jährige Regisseur von seiner Begeisterung für Miller – und Schlöndorff und alles, was dazugehört – überwältigt worden und habe dieses Gefühl dann in die Form einer Überwältigungsästhetik gegossen. Oder als habe ein leidenschaftlicher Sammler von Fünfzigernalia einen ganzen Themenpark darüber verwirklichen dürfen, nach der Devise „gib alles!“. Diese Beobachtung soll keineswegs abfällig klingen: Denn auch wir waren am Premierenabend überwältigt! Wir wurden mitgerissen, hineingeworfen in Millers gnadenlosen amerikanischen Traum vom Glück, das sich jeder selber schmieden kann – und muss.“ Tages-Anzeiger
„Selten hat man diesen „Handlungsreisenden“ so mühelos leicht gesehen, so selbstverständlich und doch so grandios unterhaltsam.“ Süddeutsche Zeitung
„Stefan Pucher inszeniert Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ im Schiffbau mit einem starken Ensemble als fetzig-poppiges Bühnenspektakel.“ Aargauer Zeitung
„Es ist hinreissend spannend, ihnen allen zuzuschauen, Michaela Steigers Hausmütterchenvamp, Markus Scheumanns quintessentiellem Yankee, und Puchers wandelnden Perspektiven zu folgen, aus der Totalen ins Close-up, aus der wissenden Distanz in eine skeptische Direktheit. Er inszeniert einerseits ungemein zurückhaltend, sehr genau, richtet anderseits mit der ganz grossen Kelle an: das grosse amerikanische Melodram, der amerikanische Traum, die amerikanische Neurose, der amerikanische Totalitarismus – und es gelingt ihm das Kunststück, sie von aussen her sehr innerlich zu betrachten.“ Nachtkritik.de
„Und als Sean McDonaghs toll gegebener Biff es im Finale endlich aufgibt, seinem Vater den Wahn auszureden, dass die grosse Karriere zum Greifen nahe sei, als er sich für immer verabschiedet, da rinnen die Tränen! Zumindest bei mir. Stefan Pucher hat sich, ohne von intellektuellen Zimperlichkeiten und Zögerlichkeiten angekränkelt zu sein, die Montage eines modernen Märchens gegönnt – und allen damit einen aufwühlenden Abend.“ Tages-Anzeiger
„Gross denken, gross herauskommen, den Schein wahren – am Ende ist der American Dream als hartnäckige Zivilisationskrankheit enttarnt. So furchtbar neu ist die Einsicht zwar nicht. Aber ein hervorragendes Ensemble und ein stimmiges Regiekonzept machen die Zürcher Version des „Handlungsreisenden“ unbedingt sehenswert.“ Basler Zeitung
„Es ist die wirklich überzeugende Realisierung einer sehr interessanten künstlerischen Konzeption, die diesen Theaterabend so gelungen erscheinen lässt. Dafür gabs am Premierenabend langanhaltenden Applaus.“ Zürichsee-Zeitung
Wir danken elastique für die materielle Unterstützung und fachliche Begleitung bei der Zusammenstellung der 50er-Jahre-Bühnenausstattung.


