Elektra
Aischylos
Aischylos (525–456 v.Chr.), der älteste der drei griechischen Tragiker, formte als erster uns bekannter Dramatiker aus Chören, Hymnen und Sprechgesängen eine tatsächliche dramatische Handlung. Ihm wird die Einführung des zweiten Schauspielers zugesprochen, wodurch er die Grundlage für den dramatischen Dialog schuf. Unter den sieben erhaltenen Stücken ist auch die einzige vollständig überlieferte Trilogie des griechischen Theaters, Aischylos’ „Orestie“ (458 v.Chr.), enthalten, in welcher Elektra als Orests Schwester – noch weitestgehend passiv – erstmals in Erscheinung tritt. Aischylos’ Spätwerk, zu welchem die Orestie zählt – er stellte sie erst zwei Jahre vor seinem Tod fertig –, entstand unter den Eindrücken eigener Kriegserfahrungen in mehreren Schlachten, an denen Aischylos als Soldat teilnahm. So auch der letzte Teil einer „Thebanischen Trilogie“, von der nur „Sieben gegen Theben“ erhalten ist, und das älteste überlieferte Drama „Die Perser“, mit dem Aischylos im Alter von 40 Jahren das erste Mal bei den berühmten dionysischen Festspielen den ersten Preis erzielen konnte.
Sophokles
Mit Sophokles (496–406 v.Chr.) betrat bald ein noch unbekannter Tragiker die Bühne der Dichtkunst und nahm – anders als Aischylos – schon in jungen Jahren mehrfach erfolgreich an den Dichterwettbewerben der Dionysien teil. Sein Werk wird auf über 120 Bühnenwerke geschätzt, jedoch nur sieben sind erhalten. Er entwickelte das entstehende Drama weiter, indem er den dritten Schauspieler einführte und komplexe Protagonisten herausbildete – tragische Helden, deren Dilemma nicht mehr nur vom unabwendbaren, göttlich-launisch bestimmten Schicksal herrührt, sondern die auch die Schuld des Einzelnen und die menschliche Hybris personifizieren. Beispiele sind seine Titelhelden Aias, König Ödipus oder Philoktet. So wurden in Sophokles’ Werk auch die ersten weiblichen Protagonistinnen wie Elektra (um 413 v.Chr.) und Antigone (442 v.Chr.) mit eigenen Dramen bedacht.
Euripides
Euripides (um 480–406 v.Chr.) verfasste ebenfalls eine eigene „Elektra“ (um 410 v.Chr.), sowie das Drama „Iphigenie in Aulis“ (405 v.Chr.), das innerhalb der Vorgeschichte des Trojanischen Kriegs die Opferung der Elektra-Schwester Iphigenie durch ihren eigenen Vater schildert. Auch hier führt Euripides, wie in anderen seiner 18 überlieferten Dramen, die von Sophokles vorangetriebene Entwicklung fort: Der Chor verliert an Bedeutung, Mythos, Staat, Religion rücken gegenüber den Individuen in den Hintergrund, und der Mensch wird als einsames, gebrochenes Wesen ins Zentrum gestellt. Aristoteles nannte ihn daher den tragischsten aller Tragiker. „Die Bakchen“ (406 v.Chr.) und „Medea“ (431 v.Chr.) zählen zu Euripides’ bekanntesten Stücken, die bis heute in den Spielplänen vertreten sind. Euripides schrieb auch eine Fortsetzung des Iphigenie-Stoffes: „Iphigenie auf Tauris“, die Vorlage für Goethes gleichnamiges Versdrama.
Hugo von Hofmannsthal
Der österreichische Dichter Hugo von Hofmannsthal (1874–1924) war neben Arthur Schnitzler der wichtigste Vertreter des Wiener Fin de Siècle. Beeinflusst von den Theorien Sigmund Freuds und im Anschluss an sein sprachkritisches Manifest „Ein Brief“ verfasste er 1903 die Tragödie „Elektra“. Die Vorlage von Sophokles lud er mit Psychologie, einer starken poetischen Sprache und einer Elektra voller Verzweiflung und Hass dramatisch auf. Auf Anregung des Komponisten Richard Strauss, der von der Uraufführung am Deutschen Theater Berlin begeistert und auf der Suche nach einem Nachfolge-Stoff seiner „Salome“ war, arbeitete Hofmannnsthal das Stück zu einem Libretto um – die 1909 uraufgeführte Oper wurde zur wohl bekanntesten „Elektra“ des 20. Jahrhunderts. Dramen mit Elektra-Bezug legten ferner namhafte Autoren wie Eugene O‘Neill („Trauer muss Elektra tragen“), Jean Giradoux, Jean-Paul Sartre („Die Fliegen“), Gerhart Hauptmann und Elfriede Jelinek („Sportstück“) vor.
Fassung unter Verwendung der Übersetzungen von Peter Krumme, Peter Stein und Soeren Voima
Regie Karin Henkel / Bühne Muriel Gerstner / Kostüme Klaus Bruns / Musik Alain Croubalian
Mit
Carolin Conrad, Alain Croubalian, Fritz Fenne, Lena Lauzemis, Michael Neuenschwander, Paula Blaser/Anna-Lou Caprez-Gehrig, Alexander Maria Schmidt, Lena Schwarz, Kate Strong
| Elektra | Carolin Conrad |
| Orest/Agamemnon | Michael Neuenschwander |
| Klytaimnestra | Lena Schwarz |
| Aigisth | Alexander Maria Schmidt |
| Pylades/Chronist | Fritz Fenne |
| Chrysothemis/Iphigenie | Lena Lauzemis |
| Amme | Kate Strong |
| Elektra als Kind | Paula Blaser/Anna-Lou Caprez-Gehrig |
| Electric Dark Orchestra | Alain Croubalian |
| Regie | Karin Henkel |
| Bühne | Muriel Gerstner |
| Kostüme | Klaus Bruns |
| Musik | Alain Croubalian |
| Licht | Michel Güntert |
| Dramaturgie | Roland Koberg |
| Regieassistenz | Jörg Schwahlen |
| Bühnenbildassistenz | Pia Greven |
| Kostümassistenz | Noelle Brühwiler |
| Dramaturgieassistenz | Karolin Trachte |
| Regiehospitanz | Stefan Schweigert |
| Bühnenbildhospitanz | Fiorenza Bossard |
| Kostümhospitanz | Regi Löw |
| Soufflage | János Stefan Buchwardt/Gerlinde Uhlig-Vanet |
| Inspizienz | Michael Durrer |
Neben Ödipus und Medea ist sie die wohl bekannteste Dramenfigur der Antike: die verstossene Elektra, die am Grab ihres Vaters an nichts denkt als an Rache. Die Mutter Klytaimnestra soll den Gattenmord büssen, den sie gemeinsam mit ihrem Liebhaber Aigisth (dem nunmehrigen König) an Agamemnon verübte – gleich nach dessen siegreicher Heimkehr aus Troja. Nicht nur die drei grossen griechischen Tragiker Aischylos, Sophokles und Euripides nahmen sich des Stoffes an, bis in die heutige Zeit wirkt der Mythos.
In Karin Henkels Inszenierung ist das in die Schiffbau-Halle eingebaute Atriden-Haus aus zweierlei Blickwinkeln zu erleben. Während die eine Hälfte der Zuschauer vorerst im Hausinneren Platz nimmt, wo sich die kleine Elektra von den Geistern der Vergangenheit umringt sieht, sitzt die andere Zuschauerhälfte vor dem Tor bei der ausgesperrten klagenden Elektra. Nach der Pause wird gewechselt.
Ein Fluch lastet auf dem Haus der Atriden, über Generationen herrscht das Prinzip der Vergeltung. Der heutige Theaterabend erzählt Elektras Geschichte aus zwei Perspektiven – zeitlich und räumlich. Eine Häuserwand trennt die Schiffbau-Halle in zwei Hälften, in ein Innen und ein Aussen, eingerichtet für jeweils die Hälfte der Zuschauer. Das Publikum nimmt getrennt Platz, nach der Pause wird gewechselt, das Spiel beginnt von vorn, alle sehen (fast) alles – mit unterschiedlichen Vorkenntnissen, mit entsprechend unterschiedlichem Urteil über die handelnden Figuren …
Die Tragödie der erwachsenen Elektra, die auf ihren Bruder wartet, spielt vor dem Tor, wie in den antiken Dramen, wo das unsagbare Geschehen, die Morde, ins Off verlagert und draussen bloss zu hören sind. Drinnen, im Haus, spielt gleichzeitig die Vorgeschichte, so als sei keine Zeit vergangen: Elektra ist noch ein kleines Kind und bekommt mit, wie der Vater ihre Schwester Iphigenie opfert und wie zehn Jahre später die Mutter den Vater erschlägt. Bei der Vorgeschichte halten wir uns überwiegend an „Iphigenie in Aulis“ von Euripides (was vor zwanzig Jahren geschah) und an den ersten Teil der „Orestie“ des Aischylos, „Agamemnon“ (was vor zehn Jahren geschah). Elektras jetzigen Wartezustand und Orests Heimkehr erzählen wir mit den „Elektra“-Stücken von Sophokles und Hugo von Hofmannsthal. Instanzen wie die Götter oder der Chor haben in der Fassung eher zitathafte Funktion, narrative Unterschiede zwischen den Stücken wurden vereinheitlicht.
Das in der Vergangenheit Geschehene ist dabei immer auch das, was einen nicht loslässt. Elektra kann nicht vergessen, die Realitäts- und Zeitebenen vermischen sich, das Frühere spielt mit, im wahrsten Sinn des Wortes. In der Aufführung begegnen einander die Geister der Vergangenheit und jene Figuren, die von ihnen besessen sind, allen voran Elektra: sei es zwischen Tür und Angel, sei es durch Auftritte auf der „falschen“ Seite.
Vor dem Haus/jetzt
| Elektra | Carolin Conrad |
| Chrysothemis | Lena Lauzemis |
| Klytaimnestra | Lena Schwarz |
| Pylades | Fritz Fenne |
| Amme | Kate Strong |
| Orest | Michael Neuenschwander |
| Aigisth | Alexander Maria Schmidt |
Elektra ist von ihrer Mutter Klytaimnestra und ihrem Stiefvater Aigisth, die zusammen im griechischen Mykene regieren und das Herrscherhaus der Atriden bewohnen, vor die Tür gesetzt worden. Hier draussen, am Grab ihres Vaters Agamemnon, soll sie ihre Klagen und ihre Trauer, die sie zehn Jahre nach der Ermordung des Vaters unverändert empfindet, hier im Freien soll sie ihre Flüche, Beschimpfungen und Racheschwüre alleine zum Ausdruck bringen. Niemand soll Elektra hören, und trotzdem bleibt sie ein nicht zu besänftigendes Ärgernis. Man erwägt bereits eine Verschärfung der über sie verhängten Strafe.
Elektra, darin sind sich alle Überlieferungen und Fortschreibungen dieses antiken Mythos einig, wartet auf ihren im Exil lebenden Bruder Orest, der Klytaimnestras Mord an Agamemnon rächen und die gemeinsame Mutter umbringen soll – auf die gleiche Art und Weise, wie diese den Vater erschlug, mit der Axt im Bad. Das erste uns bekannte Elektra-Drama stammt vom ältesten der drei Tragiker der griechischen Antike, von Aischylos. In seiner Trilogie „Orestie“ ist Elektra im Mittelteil „Die Totenspende“ anfangs die Hauptfigur, muss dann aber buchstäblich zurücktreten hinter ihren Bruder, wenn jener endlich kommt, um die ihm von den Göttern auferlegte, vom delphischen Orakel in aller Konsequenz ausgemalte Tat zu vollziehen. Nach seinem Doppelmord an Klytaimnestra und Aigisth wird Orest seinerseits im dritten Teil „Die Eumeniden“ von den Rachegeistern seiner Mutter verfolgt, bis ein Gericht unter dem Vorsitz Athenes ihn im Zweifel freispricht und die bösen Erinyen eben zu friedliebenden Eumeniden werden – ein historischer Sieg des Rechtssystems über das Racheprinzip.
Der erste Dichter, der eine eigene „Elektra“ schrieb (wenn auch keine dreiteilige „Elektrie“), war Sophokles. Die Uraufführung zwischen 422 und 413 v.Chr. war womöglich zeitgleich zur „Elektra“ des jüngeren Euripides, dessen gewagte Umbettung des Stoffs in ländliche Gefilde – Elektra wird von ihrer Mutter mit einem Bauern zwangsverheiratet – wir jedoch vernachlässigen. Mit Sophokles wird gezeigt, wie sich Elektra vom Gedanken an Rache gleichsam ernährt, ihren Vater in Ehren hält und kompromissbereite Haltungen wie die ihrer jüngeren Schwester Chrysothemis rundheraus ablehnt. Auch das beste Argument ihrer Mutter, nämlich den aus dem zehnjährigen Krieg um Troja heimgekehrten Agamemnon nur erschlagen zu haben, damit dessen Mord an ihrer erstgeborenen Tochter Iphigenie gesühnt würde, lässt Elektra nicht gelten. Erst die – von ihrem Bruder selbst listig gefälschte – Nachricht von Orests Unfalltod bei einem Wagenrennen erschüttert ihre Pläne und lässt sie umdenken. Hier folgen wir Hugo von Hofmannsthals sehr freier (von Richard Strauss vertonter) Sophokles-Bearbeitung von 1903: Elektra hält damit den Zeitpunkt für gekommen, selbst die Axt gegen die Mutter und ihren verhassten Liebhaber Aigisth zu schwingen, sei es gemeinsam mit der ängstlichen Chrysothemis, sei es allein. Doch Orest kommt, als „Fremder“ erkennt er seine Schwester und gibt sich zu erkennen – die Tat kann geschehen.
Im Haus/früher
| Klytaimnestra | Lena Schwarz |
| Aigisth | Alexander Maria Schmidt |
| Elektra als Kind | Paula Blaser/Anna-Lou Caprez-Gehrig |
| Amme | Kate Strong |
| Agamemnon | Michael Neuenschwander |
| Iphigenie | Lena Lauzemis |
| Chronist | Fritz Fenne |
| Electric Dark Orchestra | Alain Croubalian |
Klytaimnestra scheint Grund zur Freude zu haben: Ein Feuerzeichen meldet das Ende des trojanischen Krieges und die Heimkehr des Gatten, des Feldherren Agamemnon. Vor zehn Jahren war man vom griechischen Festland aufgebrochen, um am anderen Ende der Ägäis die von Helenas Entführer Paris und dessen Vater Priamos beherrschte Stadt Troja einzunehmen. Nach grossen Verlusten auf beiden Seiten wurde die Stadt erobert, nur wenigen Griechen gönnte die stürmische See eine glückliche Heimfahrt – so eben Agamemnon. Doch sind die Zeichen der Freude, die Klytaimnestra aussendet, trügerisch. Sie plant bereits, unterstützt von ihrem heimlichen Liebhaber Aigisth, die Ermordung des Gatten, sich selbst sieht sie dabei im Recht. Um seinerzeit die Abfahrt der griechischen Flotte nach Troja zu ermöglichen, hat Agamemnon Iphigenie geopfert, schlussendlich sogar mit Iphigenies flammendem Einverständnis. Agamemnon hat diese mörderische Opferung, mit der er lange hadert, bevor er sich der Staatsräson fügt, selbst verursacht, indem er auf der Jagd die „launische Göttin“ Artemis durch ein „Prahlwort“ provozierte, woraufhin diese zur Strafe den Fahrtwind ausbleiben liess. Erst durch Iphigenies Opfer, so war prophezeit worden, würde der Nordwind wieder wehen und die Flotte nach Troja aussegeln können. (Dass Artemis Iphigenie rettet und nach Tauris entführt, bleibt den am Opfer Beteiligten unbekannt.)
Elektra, das zweite Kind nach Klytaimnestras „Lieblingstochter“ Iphigenie, war am Beginn des Troja-Feldzugs schon geboren und wird zehn Jahre später Zeugin der Ermordung Agamemnons durch Klytaimnestra, ebenso wie ihr jüngerer Bruder Orest. Und weil sich rasch herumspricht, dass Orest eines Tages als Muttermörder ihre Tat rächen werde, verschwindet der einzige männliche Nachfahre Agamemnons rasch aus dem Haus: sei es, weil die Mutter selbst ihn ins Ausland geschafft hat (zur Sicherheit, so lügt sie bei Aischylos, weil Orest im Falle eines Umsturzes dann nicht gefährdet wäre), sei es, weil Elektra ihn rettet und entführt.
Agamemnons Heimkehr und Ermordung ist nirgends so plastisch geschildert wie im ersten Teil der Orestie des Aischylos („Agamemnon“). Von Elektras jüngerer Schwester Chrysothemis, die als viertes Kind von Agamemnon und Klytaimnestra ebenfalls schon auf der Welt sein müsste, ist hier noch nicht die Rede, wohl aber von den Interessen, die Aigisth verfolgt. Durch seine Person verlängert sich die Vorgeschichte ein weiteres Mal nach hinten: Aigisth ist das jüngste Kind von Thyest, er war – je nach Darstellung dieses Mythos – noch nicht geboren, als seinem Vater Unvorstellbares widerfuhr: Dessen eigener Bruder Atreus setzte ihm, um ihn im Kampf um die Vorherrschaft auszuschalten, seine zwölf Kinder zum Frass vor. Atreus war der Vater des „Atriden“ Agamemnon, an ihm will Aigisth ebenfalls Rache nehmen, teilt also dieses Ziel mit Klytaimnestra.
„Die Saison 2012/2013 am Schauspielhaus Zürich hat ein blendendes, ein betörendes Highlight. Egal, was jetzt noch kommt: „Elektra“ nach den Tragödien von Hugo von Hofmannsthal, Aischylos, Sophokles und Euripides, in der Schiffbauhalle inszeniert von Karin Henkel, wird zu den Höhepunkten dieser Spielzeit zählen.“ Tages-Anzeiger
„Es ist eine sehr heutige, gespensterfreie Sicht auf Elektra, die Karin Henkel vorschlägt. Sie verwendet dazu eine Textfassung, die sich aus verschiedenen Quellen speist: den „Elektra“-Tragödien von Sophokles und Euripides, aber auch Hugo von Hofmannsthals Opernlibretto, Euripides’ „Iphigenie in Aulis“ und Aischylos’ „Agamemnon“. Das Erstaunliche: Es ergibt kein heilloser Mischmasch, sondern eine kluge neue Variante, auch im Sprachduktus einheitlich und zeitgenössisch.
Elektra ist hier nicht das „Dämonenweib“ wie bei Richard Strauss, nicht die „Hasserin“ des Sophokles – sie ist eine Trauernde, erfüllt von nichts als ihrem Verlust, dieser einen, nichts fassen könnenden Liebe, erfüllt, wenn man es so sagen darf, von nichts als dieser Lücke, die sich in ihr auftut wie das Vatergrab direkt vor der Haustür. Wer in Elektras Haus will, muss über Agamemnon steigen. Muss man noch mehr sagen? Es ist verstörend gut, wie Carolin Conrad dies evoziert; und sie ist im Grunde immer auch das kleine Mädchen, das Karin Henkel ihr zur Seite stellt, die kleine Elektra, die den toten Vater interviewt (Paula Blaser, alternierend mit Anna-Lou Caprez-Gehrig). Vergangenheit und Gegenwart lassen sich nicht trennen. Wer auf der einen Seite hinausgeht, kommt auf der anderen wieder herein, und aus Agamemnon kann Orest werden (Michael Neuenschwander).“ NZZ
„Karin Henkel inszeniert im Zürcher Schiffbau „Elektra“: Der Mythos wird zum sinnlich satten Spiel um Mord, Trauer und Rache.“ Neue Luzerner Zeitung
„Das ist ein sinnlich sattes Theater, inmitten der Zuschauer, heftig und laut und packend.“ Aargauer Zeitung
„Karin Henkel kompiliert in Zürich eine beeindruckend neue „Elektra“.“ Süddeutsche Zeitung
„In Karin Henkels ineinanderfliessender „Elektra“-Collage ist keiner mehr bei sich selbst daheim. Alle frieren, und nichts ist stimmiger, als dass „Elektra, aussen“ in einer Riesenpfütze vor dem Haus stattfindet, rund um die Baugrube, in der Elektras Vater einst verscharrt wurde; rund um das schwarze Loch, das alles verschlingt. „Innen“ war die Vergangenheit möbliert mit stereotypen Bildern von den Untaten, mit Echos und durchgesessenen Sofas. „Aussen“ ist sie ungeschützt, eine offene Wunde, dauerblutend wie der Himmel. Klaustrophobisch ist es da wie dort, im Haus und davor. Die fleischgewordene Vergangenheit heisst Elektra.
Bei Henkel vereint sich kluge Analyse mit dem Menschlichen – und ihr Theater auch. Conrads Verletzte spuckt Gift und Galle, verflucht Mutter, Schwester und Stiefvater und treibt ihren zögernden Bruder Orest (Michael Neuenschwander) tatsächlich zum Mord an der Mutter. Elektra gleisst in verblendetem Triumph, bevor die Erinnyen sie holen – und wir strahlen entflammt. Mutterliebe, Geschwisterliebe, Gattenliebe, alle Liebe schläft. Unsere aber, die des Zuschauers, ist entzündet.“ Tages-Anzeiger
„Diese Aufführung ist ein Ereignis.“ NZZ
„Die Lebendigen begegnen den Toten wie alten Geistern, die sie plagen. Von der anderen Seite der Hausfront hört man die Echos eines vergangenen oder auch zukünftigen Geschehens. Michael Neuenschwander geht als Agamemnon durch die Tür ins Grab und kommt als Orest zurück, und genau gleich kehrt Lena Lauzemis als Chrysothemis wieder, nachdem sie als ihre Schwester Iphigenie verblutet ist. Und Elektra, das Kind in seinem vom Blut des Vaters verschmierten Kleidchen – es trifft schliesslich Elektra, die Frau im noch sauberen Kleid. Klingt kompliziert? Ist völlig einleuchtend, wenn man es sieht. Und regelrecht erschütternd, wenn sich Paula Blaser (die in der Premiere die kleine Elektra spielte) und Carolin Conrad die Hand reichen. Ein Trauma von einem Bild.“ Nachtkritik.de
„Carolin Conrad gibt die erwachsene Elektra mit glühender Intensität, beseelt nur von einem Gedanken und doch in keinem Moment monströs. Bewegend ihr Dialog mit der angepassten Schwester Chrysothemis: Lena Lauzemis trifft deren mädchenhafte Sprödigkeit ausgezeichnet, was sich in heroisches Pathos wandelt, als die gleiche Schauspielerin auch den Part der Iphigenie gibt. Auch Michael Neuenschwander übernimmt die Rolle des Agamemnon und die seines Sohnes Orest: auch dies wiederum eine geschickte Verquickung von Schicksal und Figur, zumal der Schauspieler die Zerrissenheit beider Gestalten berührend verkörpert.“ Der Landbote
„Lena Schwarz spielt und schlängelt sich als Elektras Mutter und Frau von Agamemnon und dann Aigisth brillant durch die Zeiten und Spielorte und verleiht dieser Klytaimnestra mit überhöhenden Gesten wie von einer Stummfilm-Diva eine gruselige hysterische Note, zu der Alexander Maria Schmidts falscher und hartleibiger Aigisth die überzeugende Ergänzung und Entsprechung abgibt.“ Südkurier
„Die bisher tollste, klügste, schmerzvollste Soiree der Saison.“ Der Bund
„Wann war je eine „Elektra“ zu sehen, bei der jedes Wort so präzis nicht bloss zu hören, sondern tatsächlich zu verstehen war?“ NZZ
Zum vorerst letzten Mal am 21. Februar 2013 im Schiffbau/Halle


