Kinder der Sonne
Maxim Gorki heisst ursprünglich Alexéj Peschków. Als seine erste Erzählung 1892 in einer Provinzzeitung erscheint, wählt er sein Pseudonym Gorki („Der Bittere“).
Gorki wird 1868 als Sohn eines Tischlers in Nischnij- Nowgorod geboren. Mit nur neun Jahren nimmt der Grossvater Gorki nach dem Tod seiner Eltern von der Schule und trägt ihm auf, seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Gorki arbeitet in den folgenden Jahren als Laufjunge, Tellerwäscher, Bäcker und Hafenarbeiter, gerät unter revolutionäre Studenten und kommt mit marxistischem Gedankengut in Berührung. Verzweifelt darüber, angesichts seiner „beruflichen“ Situation niemals das Wissen der Studenten erreichen zu können, schiesst sich Gorki mit nur 19 Jahren eine Kugel in die Brust. Er verfehlt das Herz und überlebt. Nach seinem schriftstellerischen Debüt 1892 beginnt Gorki regelmässig in lokalen Zeitungen zu veröffentlichen. Er schliesst Freundschaft mit Tschechow und Tolstoi und feiert 1902 mit „Nachtasyl“ seinen ersten Welterfolg in Moskau und Berlin.
1905 nimmt Gorki im sozialdemokratischen Lager an der Revolution teil. Er wird verhaftet und gegen Kaution wieder freigelassen. Etwa zur gleichen Zeit freundet er sich mit Lenin an, in dessen Zirkel er zum wichtigen Sprachrohr nach aussen avanciert. Nachdem Gorki auf Grund seiner antizaristischen Aktivitäten im Ausland die Einreise nach Russland verwehrt bleibt, zieht er nach Capri. Mit seinem Versuch, als „romantischer Revolutionär“ Sozialismus und Glauben zu vereinigen, handelt er sich erstmalig Lenins Missgunst ein. Zum endgültigen Bruch kommt es dann nach der Oktoberrevolution von 1917, als Gorki gegen Lenin für die Freiheit des Individuums, die freie Meinungsäusserung, die Wahrung kultureller Werte und einen umfassenden Humanismus schreibt. Wieder zurück in Russland und von Stalin umworben, versucht Gorki mit seinen Arbeiten einen „sozialistischen Realismus“ mit „positiven Helden“ zu verwirklichen. Erfolglos. Als 1936 die Zeit der „Säuberung“ und der „Schauprozesse“ unter Stalin beginnt, wird Gorki ein Ausreisevisum verweigert. Er stirbt nach einer Lungenentzündung am 18. Juni 1936 in Moskau.
Deutsch von Ulrike Zemme
Eingeladen zum Festival „Radikal jung“ am Münchner Volkstheater
Regie Daniela Löffner / Bühne Claudia Kalinski / Kostüme Sabine Thoss
Mit
Rainer Bock, Ludwig Boettger, Julia Kreusch, Barbara Lotzmann, Franziska Machens, Sean McDonagh, Isabelle Menke, Nicolas Rosat, Friederike Wagner, Milian Zerzawy
| Pawel Fjodorowitsch Protassow | Rainer Bock |
| Lisa | Julia Kreusch |
| Jelena Nikolajewna | Friederike Wagner |
| Dimitrij Sergejewitsch Wagin | Nicolas Rosat |
| Boris Nikolajewitsch Tschepurnoj | Sean McDonagh |
| Melanija | Isabelle Menke |
| Mischa Awdejewitsch | Milian Zerzawy |
| Jegor | Ludwig Boettger |
| Antonowna | Barbara Lotzmann |
| Fima | Franziska Machens |
| Regie | Daniela Löffner |
| Bühne | Claudia Kalinski |
| Kostüme | Sabine Thoss |
| Licht | Frank Bittermann |
| Dramaturgie | Barbara Sommer |
| Regieassistenz | Kateryna Sokolova |
| Bühnenbildassistenz | Lilith-Marie Cremer/Lisa Dässler |
| Kostümassistenz | Reto Keiser |
| Bühnenbildhospitanz | Luise Besier |
| Kostümhospitanz | Miriam Zuber |
| Souffleuse | Susi Saussenthaler |
| Inspizienz | Dagmar Renfer |
Im Haus des Biochemikers Protassow arbeiten Künstler, Wissenschaftler und Intellektuelle an der Vision einer besseren Zukunft, während vor den Türen die Cholera grassiert. Von ihren Affekten, Sehnsüchten und unfreiwillig komischen Neurosen besessen, existieren diese „Kinder der Sonne“ wie auf einem fernen Stern.
Maxim Gorki schrieb das Stück 1905 im Angesicht der ersten Russischen Revolution in Gefangenschaft. Die Regisseurin Daniela Löffner inszenierte am Schauspielhaus Zürich zuletzt „Das Versprechen“, „Täter“ und „Im Wald ist man nicht verabredet“.
Während draussen vor der Tür die Cholera und revolutionäres Gedankengut grassieren, trifft man sich gerne im wohlig warmen Haus des Wissenschaftlers Pawel Protassow und dessen Frau Jelena: Hier seziert die russische Intelligenzija die eigene Spezies und träumt unter Protassows Leitung von der Erschaffung eines „glücklichen und edlen Menschen“. Da ist der Maler Wagin, der die vernachlässigte Gastgeberin umwirbt. Da sind Melanija, eine reiche Witwe, der Protassow selbst das Herz gebrochen hat, und deren Bruder Tschepurnoj, der wiederum Lisa, der von Panikattacken gebeutelten Schwester des Hausherren, verfallen ist. Und schliesslich ist da noch der Schlosser Jegor, der masslos trinkt und die eigene Frau verprügelt. Dazwischen schwirrt das Kindermädchen Antonowna umher und betreut diese weltfremden „Kinder der Sonne“ auf ihrem eigenen Planeten. Der einzige nicht vermeidbare Kontakt mit der Aussenwelt ist Mischa, der Hausbesitzer, der als kapitalistischer Vorbote nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage nicht nur Geschäfte macht, sondern auch um die Liebe des Dienstmädchens Fima kämpft. In diesem chaotischen Miteinander endet jedes Zusammentreffen entweder im Missverständnis oder schmerzhaft. Individuelle Eigenarten, unterschiedliche Denkstrukturen und konträre Überzeugungen verhindern regelmässig die so heftig ersehnte Möglichkeit, am geliebten Gegenüber anzudocken. So wächst drinnen im Haus um jeden einzelnen ein dicker Kokon aus persönlichem Leid. Dass sich die politische Situation draussen immer mehr zuspitzt, entgeht der Aufmerksamkeit aller – teils bewusst, teils unbewusst. Einsam und besessen, wie sie sind, entwickelt sich eine aufgeladene, komisch-neurotische Stimmung, in deren Hitze jeder Gedanke an eine bessere Welt zum puren Hirngespinst verkommt und die Unfähigkeit dieser selbsternannten Intelligenzija entlarvt wird.
Maxim Gorki schrieb „Kinder der Sonne“ 1905 in der Peter-Paul-Festung, wo er wegen seiner Teilnahme an Protesten gegen die Militäraktion des so genannten „Blutsonntags“ inhaftiert worden war. Nach etwa vier Wochen wurde Gorki auf Protest der Weltöffentlichkeit wieder freigelassen.
Videotrailer zum Stück auf www.art-tv.ch
„Gorkis Szenen aus einer sozialen Um- und Aufbruchszeit sind auf der Zürcher Pfauenbühne ein grosser, präzis gespielter Spass. Im letzten Bild kippt die Inszenierung überzeugend ins dunkel Tragische. Die Schauspieler zeigen, immer aus der ersten Reihe des Parketts auf die Bühne steigend, ein hinreissendes Stück, das von der Einsamkeit handelt, von Liebe und Utopie und ihrem Fehlen und vom hohen Wunsch, aus Menschen eine Menschheit zu bilden. Ein russisches Revolutionslied bindet die Handlung zurück an ihre Ursprungszeit. Es wird immer dann gesungen, wenn die Individuen an sich selber scheitern. Der Applaus bei der Premiere am Samstag war gross und ungeteilt.“ Neue Luzerner Zeitung
„Das Stück „Kinder der Sonne“ hat am Samstagabend bei der Premiere am Zürcher Theater
Pfauen auf ganzer Linie überzeugt. Grandiose Schauspieler und eine punktgenaue Regie liessen das düster-komische Gesellschaftsgemälde glänzen.“ Die Südostschweiz
„Die leere Bühnen lässt viel Raum: Phantasieraum und – im eigentlichen Wortsinn – Spielraum. Und der wird ausgiebig und hochvirtuos genutzt. Gorkis Stück ist eine treffsichere Folge von kurzen, mitunter minimalistischen Szenen, Shortcuts, die kaum nachzuerzählen sind und mitunter an Tschechow und sogar an Shakespeare erinnern.
Bald wird deutlich, dass diese Gesellschaft nicht nur diejenige Gorkis zur vorletzten Jahrhundertwende in Zeiten der Cholera ist, sondern die heutige, globale. Die Zänkereien, das geflissentliche Weggucken, das elitäre Intelligenzler-Gehabe, das sind wir. Die bessere Welt, an die wir gerne glauben möchten, wir korrumpieren sie laufend selbst.
Das Raffinierte an Gorkis Stück, zumal in dieser Inszenierung: Man solidarisiert und distanziert sich gleichzeitig mit und von allen. Das liegt nicht zuletzt am exzellenten Ensemble, das in der ersten Parkettreihe sitzt – auf dem Flugbrett! –, was Daniela Löffner zu einer Regie der rasant wechselnden Auftritte nutzt. Die Nonchalance und Beiläufigkeit, mit der alle ihrer Rollen geben, die kaschierende Mimik und die verräterische Körpersprache – das ist vom Allerfeinsten. Ob Rainer Bock als visionärer Chemiker, der null Ahnung hat von der zwischenmenschlichen Chemie, oder Franziska Machens als dreist-doofes Dienstmädchen mit zirzensischen Servierkünsten.“ sda
„Alles ist Konversation in diesem Stück. Dabei lässt Daniela Löffner ihren Figuren viel Zeit, sich innerhalb des engmaschigen Beziehungsnetzes zu entfalten. Sinnbildlich dafür gibt es auf der Bühne weder Tür noch Fenster, einzig der Weg zum Publikum hin ist frei. Deshalb sitzen die Schauspielerinnen und Schauspieler – ein feiner Regieeinfall – in der ersten Reihe, von wo sie über eine Rampe auf- oder wohin sie abtreten. Das Publikum wird so insgeheim Teil des Geschehens.
Die in seiner Haltung sich manifestierende Komik ist es im Endeffekt, die „Kinder der Sonne“ zu einer amüsanten, vielschichtigen und gerade deshalb auch berührenden Aufführung macht. Nebst den Genannten überzeugt das ganze Ensemble in unverschämt komischen und grotesk naiven Rollen. Weil so die Vielschichtigkeit des Spiels wie des Stücks gewahrt ist, bleibt es auch haften – repräsentiert durch das überraschende Schlussbild auf der Bühne. Verdientermassen erhielt das Ensemble als Ganzes, das zuletzt nur gemeinsam „vor den Vorhang“ trat, dafür reichen Beifall.“ Nachtkritik.de
„Die 32jährige Regisseurin Daniela Löffner nutzt eine moderne Übersetzung und eine intelligente Strichfassung, um mit einem hervorragenden Ensemble ein hintergründiges und streckenweise sehr komisches Werk auf die Bühne zu stellen.
Dennoch wäre der Abend nicht so übermässig beklatscht worden, gäbe nicht Rainer Bock den Pawel. Seit seiner Darstellung als Arzt in Michael Hanekes „Das Weisse Band“ wird der wandelbare Akteur mit dem ausdrucksstarken Gesicht auch in Hollywood gebucht. Er gibt den Pawel egomanisch, lakonisch und beiläufig-grausam. Die zehn Akteure verbeugten sich nur gemeinsam; doch sind Sean McDonaghs Boris, Franziska Machens regelrecht slapstickartiges Dienstmädchen Fima und Julia Kreuschs Lisa als düstere Weissagerin eine besondere Erwähnung wert.“ St. Galler Tagblatt
„Das Ensemble folgt Gorki aufs Wort, spielt ausnahmslos stark, spielt direkt, federt Vergeblichkeit mit pointierter Komik ab. Das ist Schauspielertheater im besten Sinne.“ Basler Zeitung
„Es ist zum Lachen. Und zum Weinen schön. Daniela Löffler inszeniert am Schauspielhaus Maxim Gorkis Sozialdrama „Kinder der Sonne“. Eine berührende Vorstellung.“ Zürcher Oberländer
„Die zehn Schauspielerinnen und Schauspieler, die auf dieser Bienenstockbühne stehen, machen das alle grossartig. Rainer Bock als Protassow: ein zögerlicher Mann, überfordert von allen Menschen, die ihm zu nahe kommen wollen. Kinder der Sonne will er um sich haben, ein Kind ist er selber geblieben. Seine Frau Jelena (Friederike Wagner) dementsprechend: eine Liebende, wo eigentlich keine Liebe sein kann, abwehrend in den Bewegungen und doch hingezogen zu einem besse ren Leben, was wie Dimitrij (Nicolas Rosat) ausschauen könnte. Oder auch wie Melanija (Isabelle Menke). Dieses Glück suchen auch die anderen, doch es ist zum Verrücktwerden, immer stehen sie ein paar Schritte zu weit beiseit. Jede Annäherung muss scheitern, wie die Liebe von Lisa zu Boris (Julia Kreusch, Sean McDonagh), die beiden geben sich auf der Bühne als die unglücklichsten Kinder unter der Sonne aus. Verrückt gut ist Franziska Machens als Dienstmädchen, grandios ihre Teeservice-Nummer. Und wenn sie mit Hausbesitzer Mischa (Milian Zerkawy) ein Lied singt, ist das zum Weinen schön. Am Schluss schmilzt die Bühne vor sich hin. Grosser Applaus.“ Der Landbote
„Neben dem Professor entwickelt sich dessen Schwester zur Attraktion der Inszenierung. Julia Kreusch gönnt der kränkelnden Lisa bei aller Lebensangst Kraft und Galgenhumor. Statt eines verschatteten Mauerblümchens zeigt sie eine sensibel-kluge junge Frau, die das Sinnlose der Existenz begreift und sich auch deshalb nicht traut, dem Werben des ähnlich veranlagten Tierarztes nachzugeben.“ NZZ
„Bock bekam vor der Premiere vom Samstag die meisten Vorschusslorbeeren. Seine Rolle als Arzt im Film „Das weisse Band“ hat ihn berühmt gemacht. Doch die anderen Schauspieler reichen ihm problemlos das Wasser. Besonders gefällt Melanija (Isabelle Menke), die trotz ihrer verzweifelten Anbiederung an den Professor wegen ihrer naiven Ehrlichkeit sympathisch ist. Erfrischend holt das langbeinige Jungtalent Franziska Machens das Maximum aus ihrer kleinen Dienstmädchenrolle: Komik, frechen Sexappeal und dramatischen Fall. Julia Kreusch überzeugt als Erkennende der bitteren Realität. Einer überstrahlt mit seiner Traurigkeit alle anderen Sonnenkinder: Sean McDonagh ist ein Genuss als überdreht-nervöser, zynischer und doch sensibler Tierarzt Boris Tschepurnoj. „Alles auf der Welt hat einen Sinn“, nimmt er Pawels Theorie auf und ergänzt: „nur die Welt selbst nicht“. Am Ende erfährt diese Welt eine überraschende Öffnung (auf Russisch: Glasnost), und die Schauspieler ernten warmen Applaus.“ Aargauer Zeitung
„Premierenjubel am Samstag im Pfauen für zehn grandiose Schauspieler, eine punktgenaue Regie und Maxim Gorkis düsterkomisches Gesellschaftsgemälde „Kinder der Sonne“.“ sda
Zum letzten Mal am 19. April 2013 beim Festival „Radikal jung“ am Münchner Volkstheater


