Stiller
„Geboren bin ich 1911 in Zürich. Unser Name ist nicht schweizerischen Ursprungs. Ein Grossvater (…) brachte ihn aus der österreichischen Nachbarschaft; in Zürich, wo es ihm anscheinend gefiel, heiratete er eine Hiesige (…), Tochter einfacher Leute. Auch der mütterliche Stamm ist vermischt; dort war es ein Urgrossvater, der von Württemberg kam (…), und schon mit seinem Sohn, meinem Grossvater also, fing es an: er nannte sich Maler, trug eine erhebliche Kravatte, weit kühner als seine Zeichnungen und Gemälde; der heiratete dann eine Baslerin (…), die nie ganz hat vergessen können, dass ihre Familie einmal eine eigene Droschke besessen hat (…). Viel mehr über meine Herkunft weiss ich nicht. Meine Mutter (…) arbeitete als Kinderfräulein im zaristischen Russland, wovon sie uns öfter erzählt hat, und mein Vater war Architekt. Da er sich als Sattlersohn keine Fachschule hatte leisten können, war es natürlich sein Ergeiz, seine Söhne als Akademiker zu sehen. Im übrigen konnten wir wählen. (…) Ich weiss nicht, warum ich von allen Kameraden der einzige war, der nie einen Karl May las, eigentlich auch keine anderen Bücher; ausser Don Quixote und Onkel Toms Hütte, die mir unsäglich gefielen, aber genügten. Was mich unersättlicher begeisterte, war Fussball und später Theater. Eine Aufführung der Räuber, eine vermutlich sehr schwache Aufführung, wirkte so, dass ich nicht begriff, wieso Menschen, Erwachsene, die genug Taschengeld haben und keine Schulaufgaben, nicht jeden Abend im Theater verbringen. Das war es doch, das Leben. Eine ziemliche Verwirrung verursachte das erste Stück, wo ich Leute in unseren alltäglichen Kleidern auf der Bühne sah; das hiess ja nicht mehr und nicht weniger, als dass man auch heutzutage Stücke schreiben könnte.“
Max Frisch schickt konsequenterweise als Sechzehnjähriger sein erstes Stück Max Reinhardt ans Deutsche Theater Berlin. „Nach sieben langen Wochen, denen es nicht an verwegenen Hoffnungen fehlte, Friedrich Schiller war bei der Niederschrift seiner Räuber immerhin schon ein Achtzehnjähriger, kam das schöne Heft zurück (…). Eine Einladung, spätere Arbeiten einzusenden, blieb das einzige, was ich der schonungsvoll lächelnden Familie entgegenzuhalten hatte.“ 1930 beginnt Max Frisch, an der Universität Zürich Germanistik zu studieren. Als sein Vater 1932 stirbt, bricht er jedoch aus finanziellen Gründen das Studium ab und versucht, als Journalist Fuss zu fassen; er veröffentlicht Artikel in verschiedenen deutschsprachigen Feuilletons. 1936 entscheidet er sich schliesslich gegen eine dichterische Laufbahn und beginnt ein Architekturstudium. Die Heirat mit der aus einer grossbürgerlichen Familie stammenden Gertrude Anna Constance von Meyenburg 1942 ermöglicht ihm einen sozialen Karrieresprung. Schon bald beginnt er jedoch mit seinem Leben als Architekt, Ehemann und Familienvater zu hadern und nützt jede freie Minute, um zu schreiben. 1950 wird sein „Tagebuch 1946-1949“ im neugegründeten Suhrkamp Verlag veröffentlicht; es enthält viele Skizzen späterer Werke. Frisch trennt sich 1954 von seiner Ehefrau sowie seinen drei Kindern und gibt den Architektenberuf zugunsten der Schriftstellerei auf. Im selben Jahr entsteht sein Roman „Stiller“, der ihm zum internationalen Durchbruch verhilft. Als nächstes arbeitet Frisch an dem Roman „Homo faber. Ein Bericht“ (1957), ein Jahr später wird sein Stück „Biedermann und die Brandstifter“ am Schauspielhaus Zürich uraufgeführt. Als erster nicht in Deutschland lebender Autor wird Frisch mit dem Georg Büchner-Preis ausgezeichnet. Vier Jahre lang lebt Frisch in einer leidenschaftlichen, aber auch zermürbenden Beziehung mit der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann in Rom. „Andorra“ (1961) und „Biographie. Ein Spiel“ (1968) werden ebenfalls in Zürich uraufgeführt. 1968 geht er eine Ehe mit Marianne Oellers ein, die elf Jahre später wieder geschieden wird. Am 4. April 1991 stirbt Max Frisch kurz vor seinem 80. Geburtstag in seiner Zürcher Wohnung.
Textfassung von Heike M. Goetze und Simon Helbling
Regie Heike M. Goetze / Bühne Bettina Meyer / Kostüme Inge Gill Klossner
Mit
Ursula Doll, Danny Exnar, Julia Kreusch, Miriam Maertens, Sean McDonagh, Frank Seppeler
| Stiller | Frank Seppeler |
| Julika | Ursula Doll |
| Rolf | Sean McDonagh |
| Sibylle | Julia Kreusch |
| Verteidiger | Miriam Maertens |
| Knobel, Wärter | Danny Exnar |
| Regie | Heike M. Goetze |
| Bühne | Bettina Meyer |
| Kostüme | Inge Gill Klossner |
| Musik | Danny Exnar |
| Choreographie | Sara Leimgruber |
| Video | Andi A. Müller |
| Licht | Frank Bittermann |
| Dramaturgie | Meike Sasse |
| Regieassistenz | Simon Helbling |
| Bühnenbildassistenz | Anja Kerschkewicz |
| Kostümassistenz | Agnes Raganowicz |
| Soufflage | Gerlinde Uhlig-Vanet |
| Inspizienz | Ralf Fuhrmann |
Schiffbau/Box
Premiere am 10. November 2010
Unterstützt von der Stiftung Corymbo
Im Zentrum dieses 1954 erschienenen Romans steht ein missglückter Fluchtversuch aus dem eigenen Leben. Der amerikanische Staatsbürger Jim White wird bei seiner Einreise in die Schweiz festgenommen. Man meint, in ihm den verschollenen Schweizer Bildhauer Anatol Ludwig Stiller zu erkennen …
Bearbeitet wurde der Roman von der jungen Regisseurin Heike M. Goetze, die zuletzt im Pfauen Fassbinder inszenierte. Am 15. Mai 2011 jährte sich der Geburtstag von Max Frisch zum 100. Mal.
„Ich bin nicht Stiller!“ – mit diesen Worten wehrt sich James Larkin White gegen seine Festnahme bei der Einreise in die Schweiz. Aufgrund einer Illustrierten meint man, in dem Reisenden den seit sechs Jahren verschollenen Bildhauer Anatol Ludwig Stiller zu erkennen. Der ersten Konfrontation folgt ein Prozess der Identifizierung des Mannes, der sich verzweifelt in immer neuen Geschichten gegen diese Fixierung wehrt. Wer ist er? Um die Lösung dieser Frage ringen die Schweizer Behörden, der Verteidiger forscht nach überprüfbaren Fakten aus dem äusseren, objektiven Leben des Bildhauers. Auch durch die Aussagen von Stillers Frau Julika und seiner ehemaligen Geliebten Sibylle gewinnt das Leben des Mannes scheinbar an Transparenz. Man hält daran fest: White ist mit Stiller identisch. Er ist verheiratet, beging Ehebruch, während seine Frau lungenkrank in Davos lag, tauchte dann unter, lebte in New York und Mexiko. Es ist eine Wiederbegegnung mit allem, was er hinter sich gelassen hat. Doch immer wieder stellt Stiller den ermittelten Tatsachen, dem toten Bildnis eine andere Wahrheit, die er glaubt erfahren zu haben, entgegen.
In einem umfassenden Geflecht von Beziehungen und Abhängigkeiten, wechselnden Identitäten und Rollen kristallisiert sich heraus, dass Stillers Ich eine Erfindung, seine Biographie ein Spiel ist. Seine Flucht erweist sich als trügerische Illusion – er erkennt, dass man sich selbst nicht entgehen und sich von seiner Vergangenheit nicht lossagen kann.
Der Philosoph und Germanist Peer Sibler im Gespräch mit der Dramaturgin Meike Sasse
[…] Meike Sasse – Stiller hat die Sehnsucht nach einem anderen Leben, in dem alles möglich und offen ist, verbunden mit dem Wunsch, sich frei ein Selbst zu erschaffen. Was ist das Ich, das Selbst überhaupt? Ist es veränderbar?
Peer Sibler – Die Hirnforschung geht davon aus, dass es nicht nur ein Ich, sondern viele verschiedene Ich-Zustände gibt. Sie sprechen von Körper-Ich, moralischem Ich, perspektivischem Ich, autobiographischem Ich etc. Das ist natürlich nur eine Konstruktion und in Wirklichkeit fliessen sie alle wieder zusammen. Aber mein autobiographisches Ich erschaffe ich mir tatsächlich selbst – ja, als Dichter, indem ich erzähle. Ich erzähle mir selbst und den anderen mein Ich und präge es damit. Die Psychologen sehen im Ich etwas Abgeleitetes. Sie sprechen von Ich-Gefühl oder Ich-Idee und dann reden sie doch lieber vom Selbst. Das Selbst als eine Willens- und Beurteilungszentrale – oder wie Sigmund Freud gesagt hat: als „Herr im Hause“.
Meike Sasse – Der Soziologe Ulrich Bröckling spricht vom unternehmerischen Selbst, das eine Art multiples Selbst sei.
Peer Sibler – Damit meint er, dass das Selbst viele Ichs vereinen muss, die eigentlich unvereinbar sind. Identität ist daher ein Feld konkurrierender und kooperierender, sich austauschender und sich ignorierender, gegeneinander kämpfender und miteinander verbündeter Identitäten.
Meike Sasse – „Jeder Mensch ist eine kleine Gesellschaft.“ Schon Novalis sagte damit, dass in uns verschiedene Ichs wohnen. Doch eigentlich ist das zu kompliziert, die Gesellschaft will nur ein Ich von uns. Liegt darin bereits das Dilemma?
Peer Sibler – Jedes Bild, das sich das Gegenüber von einem macht, hält nur eine flüchtige Ansicht fest, eine Facette, die zwar auch wahr ist, aber nicht alle Einzelheiten preisgibt. Das Gegenüber ist drauf angewiesen, mich auf eine überschaubare Identität festzulegen. Und gerade dieser Anspruch an den Einzelnen löst erst das Problem der Identität aus.
Meike Sasse – Warum braucht man diese Vereinfachung? Endet unser Denken damit nicht vorzeitig in Klischees und Stereotypen?
Peer Sibler – Die Bildung von Stereotypen und Klischees ist für uns lebenswichtig. Ohne sie könnten wir keine Vorhersagen treffen. Das Antizipieren ist notwendig, um auf kommende Situationen vorbereitet zu sein. Dass dabei ein vereinfachtes Muster angewendet werden muss, ist nur logisch. Aber natürlich müssen Klischees immer wieder an die Realität neuer Lebenserfahrungen angeglichen werden. Stereotypen entstehen auch, um Erlerntes zu speichern. Unser Gedächtnis hilft uns somit, Dinge schneller zu erkennen. Daraus kann wiederum eine Erwartungshaltung entstehen, die uns daran hindert, genau hinzusehen. Wir sehen, was wir zu sehen erwarten. Hinzu kommen dann noch Gefühle, die die Korrektur des Vorurteils verhindern.
Meike Sasse – Bereits in seinem „Tagebuch 1946–1949“ schreibt Frisch: „Du sollst dir kein Bildnis machen“ und überträgt das Gebot von Gott auf die Mitmenschen, insbesondere in Bezug auf die Liebe und die Ehe. „Du hast dir nun einmal ein Bildnis von mir gemacht (…), ein fertiges und endgültiges Bildnis, und damit Schluss. Anders als so (…) willst du mich jetzt einfach nicht mehr sehen“, sagt Julika zu ihrem Mann Stiller. Und Stiller wiederum fühlt sich als Opfer seiner Frau.
Peer Sibler – Beide kämpfen evident gegen die generelle Fixierung der eigenen Person.
Meike Sasse –„Ich bin nicht Stiller!“ – damit wehrt sich Stiller gegen das Bild, das sich die anderen von ihm machen.
Peer Sibler – Er will nicht als Klischee behandelt werden, sondern als lebendiges, wandelbares Individuum. Dieser Anspruch ist begreiflich. Was Stiller dabei aber ausser Acht lässt, ist die Tatsache, dass er sich ja selber zuerst als Klischee denkt. […]
„Vielleicht ist er gerade so am schlichtesten und am schönsten zu entstauben, der grosse Schweizer Autor, dessen 100. Geburtstag und 20. Todestag nächstes Frühjahr begangen wird.“ Tages-Anzeiger
„Heike M. Goetze zeigt eine packende, knapp zweistündige Inszenierung des Romans, die einiges Kopfschwirren verursacht. So sperrig der Abend ist, so überraschend kurzweilig ist er auch.“ Zürcher Unterländer
„In den rasanten zwei Stunden in der Box des Schiffbaus wird dieser Stiller so mit allen Fasern lebendig, dass Frisch staunen würde über die Vitalität seiner Kunstfigur.“ St. Galler Tagblatt
„Goetze bebildert nicht. Sie zeigt in sich eingesperrte, beziehungsgeschädigte Figuren, denen, allen ausser Stiller, der endlich auch darauf festgelegt werden soll, das Sein in den Augen anderer das Wichtigste im Leben ist. Und sie hält die Balance zwischen Karikatur und an sich leidenden Menschen. Gerade die ambivalenten Gefühle, die sie sich gegenseitig absprechen, lässt sie ihnen. Und sie hat in Frank Seppeler einen fantastischen, noch im Zustand körperlicher Erstarrung in jedem Moment überzeugenden Menschendarsteller. Sein Stiller ist voller Widersprüche. Er sprüht vor Erfindungslust und hemmt sich durch Selbstzweifel. Er ist ironisch, wütet, giert nach Leben und scheitert selbst an seinem Ausbruch. Und er bleibt uneindeutig. Was immer die anderen über ihn sagen, Richtiges und Falsches.“ Deutschlandfunk
„Mit Frank Seppeler ist die Hauptrolle ideal besetzt. Er versteht es, genau diese Zerrissenheit, das Schizophrene in Whites Charakter zum Ausdruck zu bringen.“ Zürcher Unterländer
„Dolls Julika ist so toll kristallin, dass man es förmlich klirren hört, wenn sie ihre verquälten Ballettverschnitte hinlegt. Der sensationsgierig naive Wärter muss Mundart reden; und wenn die Urteile der Welt fallen, die Bilder über den verkorksten Bildhauer festgezurrt werden, sprechen alle im antiken Chor. Am Schluss aber singt Stiller ganz allein. Julika stirbt, vor einer riesigen Lungenmaschine aus den Fünfzigern, mit verkrampft angehobenen Armen; und Stiller flieht an die Seepromenade, schaut auf die Berggipfel – und stimmt einen Song der angesagten Band My Heart Belongs to Cecilia Winter an. „I am in love with a mountain, I am alone, just the mountain and me …“ Das ist bombastisch melancholisch, ein bisschen kitschig, aber bildschön. Stiller hat den Schwarzen Peter, und wir haben gewonnen.“ Tages-Anzeiger
„Wunderbar kann Julia Kreuschs Sibylle das Publikum ins Vertrauen ziehen, wenn sie in deutsch gefärbtem Englisch von ihrer New Yorker Selbstsuche berichtet, wobei sich ihre strahlende Miene zusehends eintrübt. Sean McDonagh, der Staatsanwalt, wird Schmerz, Scham und Schmach des betrogenen Ehemanns oben auf der Mauer los – seine einzige schauspielerische Chance, die er eindrucksvoll nutzt.“ NZZ
„Grosser Applaus für einen starken Frisch-Abend.“ St. Galler Tagblatt
„Das Premierenpublikum bedankte sich mit langanhaltendem Applaus.“ Zürcher Unterländer
Herrn Bay vom Universitätsspital Zürich, Fachbereich Medizintechnik, danken wir für die
50er Jahre-Lungenmaschine.
Dem Suhrkamp Verlag Berlin danken wir für 100 Taschenbuchausgaben „Stiller“.


