Die Panne
Friedrich Dürrenmatt wird am 5. Januar 1921 als Sohn des reformierten Pfarrers Reinhold Dürrenmatt und seiner Ehefrau Hulda in Konolfingen im Emmental geboren. Seine Jugend und Universitätszeit verbringt Dürrenmatt in Bern. 1946 bricht er sein Studium der Deutschen Literatur und der Philosophie ab. Er heiratet die Schauspielerin Lotti Geissler und beginnt, verstärkt als Schriftsteller zu arbeiten; Erzählungen und Hörspiele entstehen, ausserdem sein erstes Theaterstück: „Es steht geschrieben“, bei dessen Uraufführung am Schauspielhaus Zürich es zu einem Theaterskandal kommt. 1952 bezieht Dürrenmatt sein Haus am Pertuis-du-Sault in Neuchâtel, wo sein umfangreiches und mit zahlreichen bedeutenden Preisen ausgezeichnetes Werk entsteht. Nach dem Tod seiner ersten Frau heiratet er die Filmregisseurin und Schauspielerin Charlotte Kerr. Friedrich Dürrenmatt stirbt am 14. Dezember 1990 an den Folgen eines Herzinfarkts.
Dürrenmatt hinterlässt ein umfangreiches Werk. Wie kaum ein anderer prägt er das deutschsprachige Theater bis in die sechziger Jahre. Stücke wie „Der Besuch der alten Dame“ oder „Die Physiker“ werden Welterfolge und sind bis heute fester Bestandteil der Theaterspielpläne. Dürrenmatt widmet sich auch der praktischen Theaterarbeit: Von 1968 bis 1969 ist er im Rahmen des sogenannten „Basler Experiments“ zusammen mit Werner Düggelin Leiter des Basler Theaters und 1970 tritt er dem Verwaltungsrat der „Neuen Schauspiel AG“ in Zürich und der Leitung des Schauspielhauses als künstlerischer Berater bei. Ein weiterer zentraler Aspekt von Dürrenmatts Schaffen ist seine Prosa: Neben Erzählungen und (Kriminal-)Romanen wie „Der Richter und sein Henker“, „Der Verdacht“ oder „Das Versprechen“ schreibt er auch autobiographische und essayistische Texte.
Die Manuskripte des Schriftstellers, die er der Eidgenossenschaft als Schenkung gibt, befinden sich im Schweizerischen Literaturarchiv in der Nationalbibliothek in Bern. Das von Dürrenmatt geschaffene, umfangreiche Bildwerk wird seit dem Jahr 2000 im Centre Dürrenmatt in Neuchâtel gesammelt und ausgestellt. Es ist – abgesehen von seinen Karikaturen – lange wenig bekannt gewesen. Im Zentrum von Dürrenmatts Schaffen stehen hier Federzeichnungen, es existieren aber auch Ölbilder und Gouachen, die Motivik ist zumeist mythologisch, literarisch oder historisch.
Regie Lars-Ole Walburg / Bühne Robert Schweer / Kostüme Moritz Müller / Musik Lars Wittershagen
Mit
Ludwig Boettger, Gottfried Breitfuss, Klaus Brömmelmeier, Jean-Pierre Cornu, Michael Neuenschwander, Jörg Schröder
| Traps | Klaus Brömmelmeier |
| Richter | Jean-Pierre Cornu |
| Richter | Michael Neuenschwander |
| Staatsanwalt | Jörg Schröder |
| Verteidiger | Gottfried Breitfuss |
| Henker | Ludwig Boettger |
| Regie | Lars-Ole Walburg |
| Bühne | Robert Schweer |
| Kostüme | Moritz Müller |
| Musik | Lars Wittershagen |
| Licht | Markus Keusch |
| Dramaturgie | Thomas Jonigk |
| Regieassistenz | Jörg Schwahlen |
| Bühnenbildassistenz | Georg Keller und Demian Wohler |
| Kostümassistenz | Nicole Nolze und Nina-Sophie Wechsler |
| Soufflage | Rita von Horváth |
| Inspizienz | Hansruedi Herrmann |
Pfauen
Premiere am 23. Oktober 2010
„Die Panne“ handelt von den grotesken Folgen einer Autopanne. Traps, der Lenker des Fahrzeugs, gerät in ein Haus, in dem Rentner Abend für Abend ihre früheren Berufe durchspielen: Sie werden wieder zu Richter, Staatsanwalt, Verteidiger und Henker …
Für den zum ersten Mal in Zürich tätigen Regisseur Lars-Ole Walburg war „Die Panne“ die erste Auseinandersetzung mit Friedrich Dürrenmatt, dessen Todestag sich am 14. Dezember 2010 zum 20. Mal jährte.
Traps hat eine Autopanne. Im Haus eines pensionierten Richters findet er Unterschlupf. Auch die übrigen Gäste sind bereits im Ruhestand: Staatsanwalt Zorn, Verteidiger Kummer und Henker Pilet. Traps wird zu einem festlichen Essen eingeladen, einzige Bedingung: Die greisen Männer spielen Abend für Abend ihre alten Berufe, Traps müsse den Angeklagten geben. „Ein Verbrechen lässt sich immer finden“, beschwichtigt der Staatsanwalt Traps’ Bedenken, der schon nach kurzer Zeit einen Mord gesteht, von dem er nichts geahnt hatte …
„Die Panne“ existiert als Hörspiel, Erzählung, Fernsehspiel und Theaterstück. Das Hörspiel entstand 1955 im Auftrag des Bayerischen Rundfunks und wurde mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnet. Die gleichnamige Erzählung erschien mit dem Untertitel „Eine noch mögliche Geschichte“ im Jahr 1956; der zur Komödie umgearbeitete Stoff wurde schliesslich im Comödienhaus Wilhelmsbad/Hanau in der Regie des Autors 1979 uraufgeführt. Unterschiedlich sind bei den vier Versionen die Enden: In der Erzähl- und Dramenfassung lässt Dürrenmatt Traps Selbstmord begehen, im Hör- und Fernsehspiel schüttelt der Angeklagte das Erlebte ab und fährt am nächsten Morgen weiter. In jedem Fall aber erzählt der Autor auf unvergleichliche Weise vom schmalen Grat zwischen Recht und Selbstgerechtigkeit sowie zwischen Opfer- und Täterschaft.
Lars-Ole Walburg im Gespräch mit Thomas Jonigk
Thomas Jonigk – Warum Dürrenmatt? Was interessiert dich an diesem Autor?
Lars-Ole Walburg – Ich habe das Gefühl, dass Dürrenmatt und Frisch, nachdem ich sie jahrelang nicht bewusst gelesen habe, zurückkommen. Bei der Lektüre habe ich dann gemerkt, dass sich das gar nicht so sehr auf die – doch eher didaktischen – Stücke bezieht, sondern eher auf die Prosa, die in meine Gegenwart hineinreicht. Mit „Die Panne“ habe ich schon lange geliebäugelt, hatte aber einerseits nie genügend ältere, männliche Darsteller zur Verfügung und war andererseits auch nicht hundertprozentig überzeugt davon, dass der Text einem Theaterabend standhalten würde. Ich habe mich aber von Anfang an für das Hörspiel interessiert. In jedem Fall finde ich sowohl das Hörspiel als auch die Erzählung sehr viel zwingender als das Stück.
Thomas Jonigk – Warum?
Lars-Ole Walburg – Das Stück ist komischerweise in der Ausformulierung der Gedanken fast hilflos. Wie das Personal zu Ideenträgern wird, das erinnert an ein Brecht-Stück, in dem die Figuren zu Gunsten von Ideen auf der Strecke bleiben und kein Fleisch haben. Und das scheint mir Dürrenmatt beim Umschreiben des Stoffes zu einer Komödie auch widerfahren zu sein.
Thomas Jonigk – Und welcher ist der von dir zu Beginn benannte Aspekt Dürrenmatts, der bis in die Gegenwart hineinreicht?
Lars Ole Walburg – Das ist ein immer wieder spürbarer moralischer Anspruch darauf, diese Welt irgendwie zu verändern, zu verbessern – oder zumindest darauf hinzuweisen, dass sie so, wie sie ist, nicht richtig ist und nicht funktioniert. Es gab doch eine lange, hedonistische Phase, die solche Dinge mit Gutmenschentum oder dergleichen abgetan hat und versucht hat, sich nicht damit zu beschäftigen. Heute, wo man Zukunft kaum noch positiv besetzen kann, bekommt das Nachdenken über eine Weltwahrnehmung und –beschreibung wie die von Dürrenmatt wieder einen wichtigen Raum.
Thomas Jonigk – Du empfindest Friedrich Dürrenmatt also als moralisch?
Lars-Ole Walburg – Ja.
Thomas Jonigk – Charlotte Kerr stellt Dürrenmatt in ihrem Film „Portrait eines Planeten“ dieselbe Frage, auf die er entgegnet, Moral habe nichts mit Schriftstellerei zu tun, eher etwas mit einem persönlichen Lebensstil. Er selbst empfinde sich mehr als Arzt, der eine Diagnose stellt. Und dann fragt sie nach, ob das nicht auch eine moralische Haltung sei und er sagt, nein, er glaube, er sei Diagnostiker aus Neugierde über den Menschen, weil der für ihn das interessanteste Wesen im Kosmos sei.
Lars-Ole Walburg – Ich hätte die Fragen auch gestellt. Ich empfinde beim Lesen seiner Werke die Lust des Autors, Dinge aufeinanderprallen zu lassen, sie nicht geordnet und moralisch durchgeführt zu betrachten, sondern über das Chaosprinzip zu kreieren. Aber den dahinter stehenden Gedanken, das, wohin man den Leser führen will, empfinde ich als eine Form von Moral, auch wenn Dürrenmatt in seiner Selbstwahrnehmung das anders beschreibt.
Thomas Jonigk – Denkst du, dass Dürrenmatt – ähnlich wie Brecht – an die Veränderbarkeit der Welt, zum Beispiel durch Kunst, geglaubt hat?
Lars-Ole Walburg – Nein. Frisch und Brecht haben vielleicht mehr miteinander zu tun als Dürrenmatt und Brecht. Dürrenmatt empfinde ich verspielter, apokalyptischer, barocker, aber letztlich ohne die dialektische Härte. Das empfinde ich derzeit als sehr angenehm. Wenn er sich als Diagnostiker bezeichnet, dann formuliert sich da auch die Sehnsucht, einen Zustand so genau wie möglich beschreiben zu wollen. Aber ob er das tut, um zu verändern, weiss ich nicht. Ich sehe zunächst, dass er immer wieder Anlauf nimmt, um Missstände des Menschen und der Gesellschaft zu benennen.
Thomas Jonigk – Dürrenmatt hat auch gesagt, dass Kunst den „Möglichkeitssinn“ aktiviere. Eine Gesellschaft, die Kunst würdigen könne, leiste sich selbst einen Dienst, denn sie sei dadurch in der Lage, ihre eigene Freiheit wiederzuerkennen. Das heisst doch, dass ein über ein Stück freigesetztes Erkenntnispotenzial die Flexibilität, das Widerstandspotential oder das Widerspruchspotential der Menschen aktivieren kann, oder?
Lars-Ole Walburg – Grundsätzlich ja. „Die Panne“ ist aber vielmehr ins Innere gerichtet, ins Individuelle. Der Text ist eher im Bereich des Psychologischen zu Hause.
Thomas Jonigk – Und worum, würdest du sagen, geht es in „Die Panne“ eigentlich? Recht und Selbstgerechtigkeit, Opfer- und Täterrollen? Das sind die üblichen Schlagworte.
Lars-Ole Walburg – Ich hab immer das Bild von diesem Auto im Kopf, das am Anfang stehen bleibt. Und am Ende – zumindest im Hörspiel – braust Traps mit diesem Auto wieder davon. Genauso überfahren wir viele Dinge im Leben. Dafür ist ein Auto ein gutes Bild. Es gibt viele Handlungen in unserem Leben, auf deren Wirkung wir nicht achten. Darauf wirft „Die Panne“ einen Fokus. Durch die Panne muss Traps für einen Augenblick anhalten, und in diesem Anhalten steckt ein Moment von Bewusstwerdung, über diese Dinge nachzudenken, ähnlich wie bei „Der Radwechsel“ von Brecht. Dann kommt das Erstaunen darüber, welche Leichen man im Keller hat. […]
„Lars-Ole Walburg hat eine verknappte, vom moralischen Impetus befreite, intelligent zusammengestrichene Fassung der Erzählung auf die Pfauenbühne gebracht.“ Zürcher Landzeitung
„Sie sehen aus wie Clowns, tanzen wie Tattergreise (zur beschwingten Musik von Lars Wittershagen), saufen wie Löcher, fressen wie Schweine und sind, wie Dürrenmatt schreibt, „eine Parodie auf die Gerechtigkeit, auf die grausamste der fixen Ideen, in deren Namen der Mensch Menschen schlachtet“. Ein Konzept, das hier, zwischen Kassettenwänden und Parkettboden (den starken hölzernen Huis clos schuf Robert Schweer), ausbuchstabiert wird als ein grausamer Spass schräger Vögel, der schliesslich alle vorführt: die verlogene Gesellschaft und das Individuum, das sich selbst in die Tasche lügt.“ Tages-Anzeiger
„In diesem Raum ist überhaupt ein Ton drin (Musik: Lars Wittershagen), der gar nicht im Theater sein kann. Auf ein Santé folgt ein unheimliches Echo, es scheint aus einer ganz anderen Vorstellung zu kommen. Es ist Dürrenmatts Welt, in der alles möglich ist. Auch heute noch.“ Der Landbote
„Und wie der Schauspieler Klaus Brömmelmeier, der zuvor, glatt und geschniegelt und genussgeil den windschnittigen Vertreterhund gab, der grinsend und augenzwinkernd und mit Mir-kann-keener!-Chuzpe seinen Seelenhärtekern in eine Naivitätsschafshaut wickelte, auf einmal in ein schwarzes Existenzloch starrt und „Ich bin schuldig!“ und „Ich bin ein Mörder!“ spricht, als höre er mit „Schuld“ und „Mörder“ Worte, die er bisher weder dem Klang noch dem Sinn nach gehört hat – das macht den Abend zu einer kleinen Sensation.
Ohne Abschiebetricks in Richtung Gesellschaft oder Medien oder System oder sonst was vertraut das Theater für einen glücklichen Moment auf den Witz, die Würde und den Wert eines Einzelnen.“ Frankfurter Allgemeine Zeitung
„Jörg Schröder, Gottfried Breitfuss und Ludwig Boettger geben eine herrlich schräge Herrenrunde, Jean-Pierre Cornu als gastgebender Richter explodiert fast vor Komik und Klaus Brömmelmeier, dem einzig Ernsthaften in dieser Runde gelingt ganz köstlich die Wandlung vom selbstgerechten Vertreter zum an sich selbst zerbrechenden, schuldbeladenen Individuum.“ Südkurier
„Ein schönster Herrenabend.“ Thurgauer Zeitung


