Kollaps

von Philipp Löhle

Schweizerische Erstaufführung

Regie Zino Wey / Bühne Marie-Luce Theis / Grundraum Bettina Meyer / Kostüme Davy van Gerven / Musik Benjamin Brodbeck
Mit Matthias Kurmann, Cathrine Dumont, Robert Rožić, Anne Eigner, Mirza Šakić

Marco Becker Matthias Kurmann
Sophie Becker Cathrine Dumont
Ronny Breuer Robert Rožić
Verena Schütz Anne Eigner
Sven Seeger Mirza Šakić
 
Regie Zino Wey
Bühne Marie-Luce Theis
Grundraum Bettina Meyer
Kostüme Davy van Gerven
Musik Benjamin Brodbeck
Dramaturgie Gwendolyne Melchinger
Regieassistenz Sonja Streifinger
Pfauen/Kammer
Premiere am 30. Oktober 2015
in Kooperation mit der ZHdK, Departement Darstellende Künste und Film
Unterstützt von der Ars Rhenia Stiftung und von Bindella/Santa Lucia Teatro

Zuerst war es das Internet, das ausfiel. Dann war es die gesamte Stromverbindung, die nicht mehr funktionierte, und schliesslich fielen tote Vögel vom Himmel. Als dann noch von giftigen Gasen die Rede war, war das Weltuntergangsszenario perfekt … Philipp Löhle erzählt die Lebensentwürfe von fünf Menschen, die auf einmal in einen Ausnahmezustand geraten und anfangen, sich und ihr Leben neu zu überdenken. Denn was zählt wirklich, wenn die Welt auf einmal untergeht? „Nie mehr aufstehen müssen. Nie mehr schlafen müssen. Nie mehr gehen müssen. Nie mehr bleiben müssen. Nie mehr Geld verdienen müssen. Nie mehr freundlich sein müssen. Nie mehr lügen müssen. Nie mehr glücklich sein müssen. Nie mehr fit sein müssen. Nie mehr schön sein müssen. Nie mehr frisch geduscht sein müssen. Nie mehr zahlen müssen. Nie mehr Trinkgeld geben müssen. Nie mehr Mitleid haben müssen. Nie mehr jemanden ausreden lassen müssen. Nie mehr informiert sein müssen. Nie mehr arbeiten müssen. Nie mehr besser sein müssen. Nie mehr eine Meinung haben müssen. Nie mehr kochen müssen. Nie mehr essen müssen. Nie mehr pünktlich sein müssen. Nie mehr helfen müssen. Nie mehr fragen müssen. Nie mehr wissen müssen. Nie mehr weitermachen müssen.“ (Philipp Löhle) Philipp Löhle, geboren 1978 in Ravensburg, studierte Geschichte, Theater- und Medienwissenschaft und Deutsche Literatur in Erlangen und Rom. Für sein erstes Stück „Genannt Gospodin“ wurde der Autor mit dem Förderpreis des Bundesverbands der Deutschen Industrie ausgezeichnet. 2007 gewann er den Werkauftrag des Theatertreffen-Stückemarkts und sein Stück „Lilly Link“ wurde 2008 mit dem Jurypreis des Heidelberger Stückemarkts ausgezeichnet. Er war mehrfach für den Mülheimer Dramatikerpreis nominiert: 2008 für „Genannt Gospodin“, 2012 für „Das Ding“, das mit dem Publikumspreis ausgezeichnet wurde, und 2014 für „Du (Normen)“. Zino Wey, geboren 1988 in Basel, war Regieassistent an den Münchner Kammerspielen, wo er mehrere eigene Projekte inszenierte (u.a. „Die graue Stunde“ von Ágota Kristóf). Seit 2014 arbeitet er als freier Regisseur u.a. an den Münchner Kammerspielen, am Theater Mannheim und an der Kaserne Basel.

„Die Inszenierung des Basler U-30-Regisseurs Zino Wey setzt zum Glück nicht aufs Klamaukige, sondern auf die Kraft des Minimalen, die er noch akzentuiert durch Brutalpoesie aus dem Post-Tornado-Film „Gummo“ (1997): „Life is great. / Without it, you'd be dead.“ Hier, im harten Gedankenspiel, gibts keine bunten Müllberge wie bei der Uraufführung, sondern kleine Fische ziehen im Aquarium ihre Kreise, und auch die Pflanzen wuchern brav hinter Glas. Marie-Luce Theis hält die Bühne dunkel, artifiziell, Mikros baumeln von der Decke. Das Leben ist toll – und tot: im Chaos und danach.“ Tages-Anzeiger

„Der Schauspieler Robert Rozic etwa sucht immer wieder mit den Händen nach einem Halt: Er greift in die Blätter der Zimmerpflanze oder ins Wasser des Aquariums, was in der Regie von Zino Wey gleichsam als Sehnsucht nach Heimeligkeit gelesen werden kann, wie dem sich Vergewissern des eigenen Lebendigseins durch physischen Kontakt. Das wahre Grauen dieser Auslegeordnung in wenngleich geschwärzter, doch sehr properen Umgebung von Marie-Luce Theis, lauert ausserhalb des Stücks. Denn – vielleicht mit Ausnahme von Mirza Šakić, der sich bewaffnet und raubschatzt – keine der anderen Figuren tritt trotz des bevorstehenden Endes aus den gewohnten Lebensbahnen hinaus und tut etwas Verwegenes, etwas lang Ersehntes, bricht angesichts der sich bietenden kompletten Freiheit, alles zu tun, aus. Mirza Šakić lädt Anne Eigner zum Bade im fremden Pool, die sich zwar getraut hat, dem Chef der potenziell demütigenden Stelle, für die sie sich während des Bewerbungsgesprächs mehr als bloss verbogen hat, einmal deutsch und deutlich die Meinung zu sagen, aber auf die Einladung zum Ausbrechen reagiert sie nur zögerlich. Das Paar, dem der Pool gehört (Matthias Kurmann und Cathrine Dumont) erscheint diese gesamte Kopfübersituation am befremdlichsten vorzukommen, sind sie mit ihren Gedanken doch bei der Sorge um ihren Nachwuchs auch am wenigsten prädestiniert, reissaus zu nehmen und für wer-weiss-wie-lange-noch ein Leben auszukosten. In der Fantasie des Autors Philipp Löhle wird das Vorhandensein eines Alles-ist-möglich also nicht als die grosse Chance zur freudestrahlenden Selbstverwirklichung genutzt, sondern versetzt den Menschen in eine Schockstarre. So gelähmt bleibt als vermeintlicher Trost nur noch das sich pseudophilosophisch überhöhte gut Zureden: „Life is beautiful. Really it is.““ P.S.

Pfauen/Kammer

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