Ein Volksfeind

von Henrik Ibsen

in einer Bearbeitung von Dietmar Dath
Basierend auf der Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel
Eingeladen zum Berliner Theatertreffen 2016

Regie Stefan Pucher / Bühne Barbara Ehnes / Kostüme Annabelle Witt / Musik Christopher Uhe / Video Ute Schall
Mit Markus Scheumann, Isabelle Menke, Sofia Elena Borsani, Robert Hunger-Bühler, Siggi Schwientek, Tabea Bettin, Nicolas Rosat, Matthias Neukirch, Becky Lee Walters

Dr. Tomas Stockmann, Kurarzt Markus Scheumann
Katrine Stockmann, seine Frau Isabelle Menke
Petra, ihre Tochter Sofia Elena Borsani
Eilif, ihr Sohn Timur Blum / Colin Rusterholz
Morten, ihr Sohn Sinan Blum / David Fischer
Peter Stockmann, Tomas‘ älterer Bruder, Stadtvorsteher und Polizeichef, Vorsitzender der Kurverwaltung usw. Robert Hunger-Bühler
Morten Kiil, Katrine Stockmanns Pflegevater, Venture-Kapitalgeber Siggi Schwientek
Hovstadt, Bloggerin beim Demokratie-Portal „DEMOnline“ Tabea Bettin
Billing, Assistenzblogger und Fact-Checker Nicolas Rosat
Softwareunternehmer Aslaksen Matthias Neukirch
Live-Musik Becky Lee Walters
Live-Kamera Ute Schall
Live-Kamera Anne Braun
 
Regie Stefan Pucher
Bühne Barbara Ehnes
Kostüme Annabelle Witt
Musik Christopher Uhe
Video Ute Schall
Licht Frank Bittermann
Dramaturgie Andreas Karlaganis
Regieassistenz Barbara Falter
Bühnenbildassistenz Marie-Luce Theis
Kostümassistenz Selina Tholl
Videoassistenz Anne Braun
Dramaturgieassistenz Irina Müller
Regiehospitanz Nathalie Imboden
Souffleuse Rita von Horváth
Inspizienz Michael Durrer
Pfauen
Premiere am 10. September 2015
Unterstützt von Swiss Re
Für die Ausstattung danken wir System 180 – Architektur + Einrichtung und Plank

Doktor Tomas Stockmann, Bewohner eines Städtchens mit der fortschrittlichsten Kommunalverwaltung aller Zeiten, hat eine ungeheuerliche Entdeckung gemacht. Das Grundwasser ist verseucht. Verantwortlich ist ein Energiekonzern, mit dem dubiose Verträge abgeschlossen wurden. Nun drohen die Folgen des Deals den Ruf der Stadt zu ruinieren. Man feiert den „Volksfreund“ Stockmann als Entdecker eines Skandals. Im Namen der Wahrheit soll er in die Schlacht gegen den Energieriesen ziehen. Die Ehre wird ihm voreilig zuteil. Denn nach anfänglicher Euphorie schmelzen die Glück verheissenden Losungen „Transparenz“, „Demokratie“ und „digitale Partizipation“, die sich die Gemeinde stolz auf ihre Fahnen geschrieben hat, und Stockmann findet sich im Filz des kleinstädtischen Lobbyismus wieder. In seiner Übertragung von Henrik Ibsens Ökosatire entlarvt der Dramatiker, Journalist und Science-Fiction-Autor Dietmar Dath unsere smarten digitalen Welten als pseudo-demokratisches Blendwerk in den modernen, von kapitalistischen Heilsversprechungen gesteuerten Gesellschaften.

„Vom Nutzen und Schrecken der E-Demokratie: Dietmar Dath hat Ibsens Ökodrama „Ein Volksfeind“ für das Internetzeitalter umgeschrieben – Stefan Pucher inszeniert das in Zürich als Digital-Spektakel.“ Süddeutsche Zeitung

„Der sonst eher essayistisch tätige Dietmar Dath hat das Ibsen-Stück für Zürich bearbeitet und es konsequent in die Gegenwart versetzt: keine Gerberei-Rückstände verpesten nun das Wasser, sondern eine Ölfirma mit ihrem Fracking. Keine gleichgeschaltete Lokalzeitung hält der Stadtverwaltung mehr die Stange – es gibt nur noch ein Internetportal und superkritische Blogger, die im Prinzip alle das Whistleblowing befürworten, aber sehr schnell einknicken, als der Chef ihres Medienunternehmens Staatsraison verlangt. Und das Ganze spielt in einer grünalternativen Musterstadt, die auch gleich als grosses Modell auf der Bühne steht und ständig abgefilmt wird.“ Deutschlandfunk

„Für die Saisoneröffnungsproduktion hat Dietmar Dath, Autor von Science-Fiction-Romanen, Lyriker, Übersetzer und nicht zuletzt ein grossartiger Journalist (früher „spex“, jetzt „FAZ“), Ibsens 1882 entstandenes Stück ins 21. Jahrhundert versetzt, weshalb nun alle Schauspieler, sogar die beiden Söhnchen des Protagonisten Tomas Stockmann, mit Smartphones, Notebooks oder iPads ausgerüstet auftreten. Während sie reden, filmen sie sich im Selfie-Stil und finden erst in Froschgesicht-Grossprojektionen auf der Bühnenrückwand zum Dialog zusammen.“ NZZ

„Puchers Variante war nicht bloss ein interaktiver Ibsen-Standard, sondern machte uns Feuer unterm Hintern und knallte uns tatsächlich Selbstbefragungen ins Hirn. Da wurde das Saallicht aufgedreht, und man musste eine Abstimmung mit den Füssen vollziehen: entweder der Aufforderung folgen und rausgehen ins Foyer – oder bei Stockmann ausharren. Die Besucher waren gespalten, wie gesagt: Die Beine zuckten, aber Aug und Ohr wollten bleiben. Im Foyer gab‘s dann eine Bürgerbefragung, die mit Livecam auf die Bühne gebeamt wurde.“ Tages-Anzeiger

„Wie der deutsche Journalist und Autor Dietmar Dath seine Aktualisierung des Ibsen-Klassikers auf die elektronischen Medien konzentriert, setzt sich in Stefan Puchers Inszenierung und Barbara Ehnes Bühnenbild fort. Eiseskälte strahlt der Abend aus, doch sprachlich glänzt er mit einprägsamen Sätzen. Schauspielerisch beeindrucken besonders Markus Scheumann als Arzt und Matthias Neukirch als Softwareunternehmer. Die „Tyrannei der Mehrheit“ (Tocqueville) macht Pucher zum Höhepunkt des Stücks für das Publikum auf grossartige Weise spürbar, als er die Volksabstimmung, die den Arzt zum Volksfeind erklärt, im Stile der SRF-Arena inszeniert.“ NZZ am Sonntag

„Unter der Regie von Stefan Pucher und in der Neubearbeitung von Dietmar Dath wird daraus ein fulminanter Thriller über die Demokratie in der Zeit von Globalisierung und E-Governance: smart, schnell, bitterböse.“ WoZ

„Der deutsche Autor und Publizist Dietmar Dath hat für die Spielzeiteröffnung des Zürcher Schauspielhauses Henrik Ibsens politischstes Stück „Ein Volksfeind“ (1882) einem Update unterzogen. Es geht um die Machenschaften eines globalen Konzerns, der in einer Gemeinde Fracking betreibt und dabei das Wasser verseucht. Und um einen Arzt, der beim Versuch, die basisdemokratisch gesinnte Blogging-Gemeinde und die transparente Kommunalverwaltung von der Wahrheit zu überzeugen, seine Glaubwürdigkeit verliert. Sämtliche Schlagwörter der Nuller-Jahre krachen in der Regiearbeit von Stefan Pucher auf uns ein: Transparenz, Smoothies, Biotech, E-Government, Follower. Die Bühne ist ein Think Tank, auf den Tischen stehen Apfel-Laptops, die lokal denkende und global handelnde Stadt ist als putziges Architekturmodell aktualisiert - und gibt sich auf dem projizierten Google-Earth-Panorama weltläufig.“ Aargauer Zeitung

„Einen inszenatorischen Coup landet Pucher mit der Versammlungsszene, in der Stockmann der Gemeinde, hier: dem Publikum, den Giftbefund vorlegen will. Seine Gegenspieler fordern das Publikum kurzerhand auf, ihnen ins Foyer zu folgen, wo die Information unter den Grundsätzen von „Dialog“ und „Demokratie“ stattfinden werde, und reissen so das Publikum des Pfauen auseinander: rund die Hälfte geht mit, die andere bleibt sitzen. Via Kamera und Projektionen tragen die Parteien ihre Redeschlacht aus, an deren Ende die öffentliche Ächtung der Familie Stockmann steht.“ Nachtkritik.de

„Als Stockmann zur Rede an seine Mitbürger ansetzt, entlässt uns Pucher plötzlich aus der Komfortzone und verordnet die kalte Dusche interaktives Theater. Während die Stockmann-Anhänger im Theaterraum sitzen bleiben, wird das dialogbereite Publikum ins Foyer geschickt, zum basisdemokratischen Austausch mit den Bloggern. Die wollen wissen, ob man das Volksstimmrecht abschaffen soll. So viel meinungsschwaches Feedback hat man auf diese Frage selten gehört.“ Neue Luzerner Zeitung

„In unsern Beinen zuckt es, aber das Tohuwabohu auf der Bühne fesselt uns auf unsern Sitz: Der vierte Akt von Ibsens „Ein Volksfeind“ ist legendär – und auch in Stefan Puchers Inszenierung, mit der die Schauspielhaus-Saison am Donnerstag im Pfauen eröffnete, hat er es in sich. „Es“, jenes gewisse Etwas, das den Theater-Thrill ausmacht.“ Tages-Anzeiger

„Im letzten Bild schwebt das kunstvolle 3-D-Modell des Städtchens nach oben (Bühne: Barbara Ehnes), tief unten im braunen Gestein wird gefrackt. Stockmann steht mit seiner Familie im leeren weißen Raum, es tropft aus dem Gestein. Pflastersteine liegen herum, die Fenster wurden eingeschmissen, der Vermieter schickt die Kündigung. Aus einer Wahrheit, die niemand hören will, entwickeln sich immer neue Wahrheiten. Stockmann hört längst nicht mehr zu, wenn seine Tochter klug zusammenfasst, es sei nicht nur der Egoismus der Menschen, es sei ihre Abhängigkeit von dem Konzern, der Ärger darüber, dass ihr Selbstbetrug gestört wurde.“ Süddeutsche Zeitung

„Was bei Ibsen Heldentum ist, zeigen Pucher und Scheumann als zunehmenden Realitätsverlust. Die Familie, die ihn bei Ibsen unterstützt, wird am Schluss dieser gedankenreichen, von einem stimmigen Ensemble und kraftvollen Songs von Becky Lee Walters getragenen Aufführung langsam ausgeblendet; Stockmann bleibt in seinem Wahn allein.“ Die Südostschweiz

„Stockmann, mit flackerndem Blick gespielt von dem grossartigen Markus Scheumann, möchte seinen Untersuchungsbericht (der die Verseuchung des Grundwassers der Gemeinde beweist) zunächst online stellen, dann in einer Bürgerversammlung erläutern. Beides wird ihm verwehrt – mit den Argumenten eingeführter Gutmenschen-Ideologie: er sei ein Populist und verwirre die Menschen; er wolle die Demokratie abschaffen; und eine Kündigung des Fracking-Vertrags (in Zürich geht es nicht mehr um Fabrikrückstände, sondern um Fracking) habe unabsehbare wirtschaftliche Folgen.“ Deutschlandfunk

„Im Mittelpunkt des Konflikts stehen die beiden Brüder Tomas und Peter Stockmann, schon immer uneins in ihrer Haltung, meisterlich gespielt von Markus Scheumann und Robert Hunger-Bühler. Grossartig ist Scheumanns Radikalisierung, als sich sein Beharren auf der Vernunft in Hass auf alle und auf unser „Drecksystem“ Demokratie umschlägt. Da versteht er, das Publikum zu packen, ist der heimliche Held des Abends, der als gescheiterter Wahrheitsfinder zum wirren Demokratiefeind mutiert und am Schluss die Stärke des Einsamen preist: „Der stärkste Mann auf der Welt ist derjenige, der ganz allein dasteht“.“ seniorweb.ch

„Tabea Bettin brilliert in ihrer Rolle als schwache starke Frau.“ Nachtkritik.de

„Becky Lee Walters als singende Mechanical Woman an der Gitarre, wow, die hat es in sich.“ NZZ

„Das atemberaubend virtuelle Bühnenbild von Barbara Ehnes macht klar: Die reale, die realistische Welt der Brüder Peter und Tomas Stockmann, wie sie Ibsen in seinem 1883 uraufgeführten Stück parabelhaft entwirft, ist definitiv im Netz angekommen. Das zeigen auch die Figuren: Ihre Frisuren synthetisch; ihre Kostüme knallig, unicolor oder mit geschmacklosen flächigen Mustern besetzt – wie am Bildschirm entworfen. Handy und Laptop immer in Griffnähe. Die Menschen selbst switchen gewissermassen zwischen Wirklichkeit und Bildschirm, auf dem man ihre übergrossen Gesichter oft sieht.“ Der Landbote

„Stefan Puchers Neu-Interpretation von Ibsens „Volksfeind“ spielt in einer Cyberwelt, die irritierend real ist.“ Schaffhauser Nachrichten

„Provokant aber ist die Aufführung, weil Dietmar Dath die Mechanismen der heutigen Mediengesellschaft bloss legt und angreift. Für das reiche und angepasste Zürich ist das starker Tobak. Wirkliche Demokratie koste etwas, koste den Einzelnen etwas, das ist Dietmar Daths These. Stattdessen werden für kurzfristigen Profit die Frackingrechte verkauft, die Gemeinde kommt aus dem Vertrag nicht mehr heraus; und die Opposition wird geächtet. So funktioniert das. Das noble Züricher Schauspielhaus startet also aufgespeeded-politisiert in die neue Saison – hoffen wir mal, dass das so bleibt.“ Deutschlandfunk

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