Die Radiofamilie

von Ingeborg Bachmann

Stückfassung von Stephan Teuwissen
Schweizerische Erstaufführung

Regie Mélanie Huber / Bühne Nadia Schrader / Kostüme Ramona Müller / Komposition Pascal Destraz
Mit Sarah Hostettler, Klaus Brömmelmeier, Lisa-Katrina Mayer, Sean McDonagh, Susanne-Marie Wrage

Sarah Hostettler
Klaus Brömmelmeier
Lisa-Katrina Mayer
Sean McDonagh
Susanne-Marie Wrage
 
Regie Mélanie Huber
Bühne Nadia Schrader
Kostüme Ramona Müller
Komposition Pascal Destraz
Licht Daniel Leuenberger
Dramaturgie Karolin Trachte
Regieassistenz Simone Karpf
Praktikum Regie Bahar Avcilar
Kostümhospitanz Maryam Afschar
Pfauen/Kammer
Premiere am 24. Mai 2013
Unterstützt vom Österreichischen Kulturforum Bern

Die Florianis sind eine Modellfamilie, die – bürgerlich und verschroben – Einblick in das Alltagsleben der Mittelschicht im Nachkriegsösterreich bietet. Ingeborg Bachmann, die mit ihren Gedichten, Hörspielen, Erzählungen und dem Romanzyklus „Todesarten“ zu den bedeutenden Autorinnen des 20. Jahrhunderts zählt, verfasste die (lange verschollen geglaubten) Skripte für diese Radioseifenoper 1952/53 im Auftrag des amerikanischen Besatzungssenders Rot-Weiss-Rot in Wien. Mélanie Huber war am Schauspielhaus Regieassistentin, bevor sie mit der Inszenierung von „Dunkel lockende Welt“ auf sich aufmerksam machte.

„In Mélanie Hubers Schweizer Uraufführung im Zürcher Schauspielhaus nach einer Fassung von Stephan Teuwissen bilden berühmte Worte Walter Benjamins den Schlusschoral der fünf Schauspieler. Dass „nichts, was sich jemals ereignet hat, für die Geschichte verloren zu geben ist“, ist hier auch ein Kommentar auf die 2011 edierten Typoskripte Bachmanns. Das komisch-quirlige, kaum verstörende Familienleben, das verhandelt wird, möchte auf den ersten Blick so gar nicht ins abgründige Über-Werk der Klagenfurter Ikone passen. Und doch, so die beherzte Aussage dieses Abends, sind die Texte als Ereignisse in Bachmanns eigener Geschichte nicht verloren zu geben. So sieht man der Familie um Gerichtsrat Hans Floriani und Frau, Kinder, Onkel und Tante gern zu. Auf Nadia Schraders schön in ein Baugerüst eingepasster Fünfziger-Jahre-Bühne finden sie zu neuem Leben. Eine riesige Radioleiste zeigt Lebensorte Bachmanns, Benjamins und Celans. Die Schauspieler konzentrieren sich auf die Episoden, die sich mit pädagogisch-bürgerlichem Subtext um Horoskope, Geburtstagsjausen oder moderne Kunst drehen. Dabei tauschen sie die Rollen und Ramona Müllers Kostüme und singen Lieder (Komposition: Pascal Destraz). Insbesondere Klaus Brömmelmeier als putziger Vater, köstlich wehleidig mit Hexenschuss, und Susanne-Marie Wrage überzeugen durch Spielfreude.“ NZZ

„Statt brav ein paar Folgen der Rundfunk-Seifenoper zum Besten zu geben, wirbelten die fünf Mitglieder der Modellfamilie in der Stückfassung von Stephan Teuwissen während gut 60 Minuten kreuz und quer durch ihr biederes Leben: Vom Zwist um den schiefen Spiegel im Gang gings flugs zum Geburtstag der Tante in Purkersdorf. Die Radioatmosphäre, das Gackern der Hühner und Zwitschern der Vögel, imitierten die Schauspieler gleich mit. So erschien ihr Treiben bunt, funky und absurd – ohne die Kernpunkte des Ursprungsmaterials auszuklammern: innerfamiliäre Hierarchien, moralische Unterweisungen, das Übernehmen fremder Weisheiten, Sehnsucht nach Familienidyll, tiefe Biederkeit. Ein gelungener, wenn auch fordernder Remix.“ Tages-Anzeiger

„Huber macht aus Bachmanns Ausflug in die heile Welt eine fröhliche Collage mit dadaistischen Zügen. Stephan Teuwissens Stückfassung verknüpft Fragmente, Dialog- und Gedankenfetzen zu einer Chronik des laufenden Schwachsinns. Nadia Schraders zweistöckiges Bühnenbild liefert den Rahmen. Im Erdgeschoss, zwischen Fünfziger-Jahre-Türenlampen und original schauderhaften Tapeten, werden die Schauplätze und Situationen der Floriani-Welt angedeutet: Kaffeekränzchen, Sonntagsausflug, Theaterbesuch, Ehekrach. Oben, hinter einer überdimensionalen Mittelwellen-Senderskala versteckt, produziert ein Toningenieur die passenden Hörspiel-Geräusche. Es rauscht und fiept, brummt und pfeift wie im alten Röhrenradio, es menschelt und gackert wie auf Onkel Guidos und Tante Liesls Hühnerfarm, ab und zu singt die Familie einen schönen Nonsens-Kanon: „Wie das schon wieder stimmt stimmt stimmt.““ Frankfurter Allgemeine Zeitung

„Mélanie Hubers Inszenierung passt sich diesem leichtfüssigen und doch äusserst differenzierten und fein abgelauschten Sprachduktus wunderbar an. Nadia Schraders schlichtes Bühnenbild und die Kostüme im Retro-Chic von Ramona Müller tragen das Ihre zur nostalgischen Idylle bei, ohne sich zu sehr in den Vordergrund zu drängen. Die Bühnenfassung des Dramaturgen Stephan Teuwissen reduziert das Ganze auf stringente siebzig Minuten. Ein perfektes Setting für fünf exzellente Schauspieler: Klaus Brömmelmeier, Sarah Hostettler, Lisa-Katrina Mayer, Sean McDonagh und Susanne-Marie Wrage. Sie blättern gewissermassen in einer Art akustischem Fotoalbum und sorgen immer wieder für leises Schmunzeln und lautes Lachen.“ sda

„Die rasante, komische und sehr musikalische Inszenierung von „Die Radiofamilie“, einer Nachkriegs-Radiosoap, für die Ingeborg Bachmann schrieb, löst in der Machart von Regisseurin Mélanie Huber genau das beabsichtigte Gefühl solcher Formate aus: Was, das wars schon? Ich will mehr!“ P.S.

Pfauen/Kammer

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