Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos

von Werner Schwab

Regie Heike M. Goetze / Bühne Bettina Meyer / Kostüme Inge Gill Klossner
Mit Nicolas Rosat, Patrick Güldenberg, Miriam Maertens, Ludwig Boettger, Milian Zerzawy, Franziska Machens, Isabelle Menke

Frau Wurm Nicolas Rosat
Herrmann Patrick Güldenberg
Frau Kovacic Miriam Maertens
Herr Kovacic Ludwig Boettger
Desiree Milian Zerzawy
Bianca Franziska Machens
Frau Grollfeuer Isabelle Menke
 
Regie Heike M. Goetze
Bühne Bettina Meyer
Kostüme Inge Gill Klossner
Choreographie Salomé Schneebeli
Licht Gerhard Patzelt
Dramaturgie Meike Sasse
Regieassistenz David Koch
Bühnenbildassistenz Anja Kerschkewicz
Kostümassistenz Reto Keiser
Regiehospitanz Erich Locher
Souffleuse Rita von Horváth
Inspizienz Ralf Fuhrmann
Schiffbau/Box
Premiere am 17. September 2011

Ein Mietshaus mit drei Parteien: Im Souterrain wohnt Frau Wurm mit ihrem verkrüppelten Sohn Herrmann, darüber hat der grobschlächtige Herr Kovacic mit seiner Frau und den beiden Töchtern Desiree und Bianca seine Wohnung, Frau Grollfeuer komplementiert als Hausherrin die hierarchische Ansammlung an Menschenbestien in der Beletage. Sie taucht in eigenwillige Vernichtungsphantasien ein, denn: „Das furchtbarste was es geben kann, ist das Volk ...“ „Volksvernichtung“ (1991) ist eines der bekanntesten Stücke Werner Schwabs. Regie führte Heike M. Goetze, die 2009 im Pfauen „Warum läuft Herr R. Amok?“ und 2010 in der Box „Stiller“ inszenierte.

„Zuerst muss man sich ein bisschen gewöhnen an die groteske Aufmachung der Figuren, die Inge Gill Klossner entworfen hat: an die knochenweiss-blutrote Zombie-Ästhetik des missbrauchten, zerquälten Grazer Möchtegernkünstlers Herrmann Wurm (der hochbegabte Patrick Güldenberg) und seiner fetten alten Mutter (Nicolas Rosat), die überall Kreuze schlägt, mit Wasser, mit Blut. Doch wie Patrick Güldenbergs Augen eiskalt und voller Mutterhass inmitten seiner Gruselmaske funkeln, ist furchtbar und packend. Und sein Versuch, mit dem Gesicht aus Blut Kunst zu schmieren, ist das hoffnungslos verspätete Echo eines Provinzdilettanten auf die bluttrunkenen Wiener Aktionisten der 60er- und 70er-Jahre.
Daneben gibt es die überangepassten Immigranten, die Kovacics, von denen der Vater (Ludwig Boettger) seltsam verlängerte Arme hat, die ihm eine grössere Distanz zum Missbrauch seiner Töchter (Franziska Machens und Milian Zerzawy) erlauben, die wiederum an der Hüfte zusammengewachsen sind, als hätte sie die inzestuöse Ursuppe namens Familie so sehr zusammengeschweisst. Die möbelsexuelle Frau Kovacic (Miriam Maertens, eine tolle Komödiantin) hat ihre Haarfarbe auf das Lachsorange des Sofabezugs (Bühne: Bettina Meyer) abgestimmt und erklärt, das Ziel jeder „Liebesbefriedigung“ sei einzig, sich mit dem Geld des Gatten, des „Möbelverdieners“, neue Möbel zu kaufen. Herr Kovacic seinerseits zertritt erst den Familienhamster und befiehlt dann den Seinen: „Jetzt trinken wir uns in eine spassige Ablenkung hinein!“
Bei allen Gräueln haben das System der Wurms und das der Kovacics ihre Logik und für alle Seiten durchaus auch ihre perverse Lust und grosse Komik. Und der Genialität des Dramatikers Schwab und dem Können von Heike M. Goetze ist es zu verdanken, dass man Mitgefühl empfindet mit diesen vor sich hinmodernden Monstern und dass sie inmitten ihrer Schwundstufen von Verdummung ihre wunden Seelen offenbaren.
Man mag sie auch deshalb, weil es oberhalb der Wurms und der Kovacics eine noch bösere Macht gibt im gemeinen, gemeinsamen Grazer Mietshaus. Weil sie das „Volk“ sind, und zwar ein derart elendes Volk, dass eine Volksvernichtung unumgänglich wird. Das findet jedenfalls die Professorenwitwe Grollfeuer (Isabelle Menke), die spricht, als käme sie direkt aus einer KZ-Leitung, und ein Kostüm trägt, als wäre sie Sissi in Trauer.
Da wird ein serbelndes junges Österreich mit aller Macht eingeholt von seinen übermächtigen alten Schatten. Das Ende der knapp 80 kraftvollen Theaterminuten ist stark: Ein Massengrab schluckt das Volk. Vor einem roten Theatervorhang. Und wie das genau geht, das muss man sich unbedingt anschauen.“ Tages-Anzeiger

„Heike Marianne Goetze schafft das Maximum, was Theater kann: Ein Publikum neunzig Minuten lang mit einem tollen Stück, einem tollen Ensemble, einer klaren und doch sehr verspielten, vor Einfällen strotzenden Inszenierung mit dazu passender Ausstattung zu fesseln und zuletzt vom Theater beseelt zu entlassen.“ P.S.

„Der Säuberungsaktion der Frau Grollfeuer im Mietshaus der moralisch heruntergekommenen Individuen verleiht Regisseurin Heike M. Goetze Comic-Format. Ein schlüssiges, von einem furiosen Ensemble getragenes Konzept, das die existenziellen Fragen, die der Autor erhebt, wirkungsvoll unterstreicht.“ Vorarlberger Nachrichten

Schiffbau/Box

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