Justiz

nach dem Roman von Friedrich Dürrenmatt

Regie Frank Castorf / Bühne Aleksandar Denić / Kostüme Adriana Braga Peretzki

„Dieser Bericht ist nicht nur die Begründung, sondern auch die Vorbereitung zu einem Mord. Zu einem gerechten Mord. Die Gerechtigkeit lässt sich nur noch durch ein Verbrechen wiederherstellen.“ Mit diesen Worten eröffnet der desillusionierte Anwalt Spät in stockbetrunkenem Zustand seine Memoiren, die den Auftakt zu Dürrenmatts Kriminalroman bilden. Zwei Jahre vorher, im März 1955, ereignet sich inmitten des Zürcher Establishments Folgendes: Der Kantonsrat Dr. Kohler steigt aus seinem Rolls-Royce, betritt gelassen das von Politikern, Finanzmanagern und Künstlern besuchte Restaurant „Du Théâtre“ und erschiesst vor aller Augen den Germanistikprofessor Winter. Kohler, der nach dem Mord vorerst Mozarts „Entführung aus dem Serail“ in der Tonhalle geniesst, lässt sich daraufhin bestens gelaunt festnehmen. Im folgenden Schauprozess wird er trotz unauffindbarer Tatwaffe und ohne Erkenntnis über sein Motiv zu zwanzig Jahren Zuchthaus verurteilt, da kein Zweifel an seiner Tat besteht. Vom Gefängnis aus beauftragt der Multimillionär und passionierte Billardspieler Kohler den jungen, erfolglosen Anwalt Spät, seinen Fall erneut – unter der Annahme, er sei nicht der Mörder gewesen – zu untersuchen: „Sehn Sie, lieber Spät, die Wirklichkeit kennen wir ja nun, dafür sitze ich hier und flechte Körbe, aber das Mögliche kennen wir kaum. Das Mögliche ist beinahe unendlich, das Wirkliche streng begrenzt. Daraus folgt, dass wir das Wirkliche umzudenken haben, um ins Mögliche vorzustossen.“ Spät wittert zwar einen Teufelspakt, die Aussicht auf Karriere ist jedoch so reizvoll, dass er zu seiner eigenen Erschütterung tatsächlich einen Revisionsprozess erwirkt, infolge dessen Kohler freigesprochen wird und der stattdessen Verdächtigte sich erhängt.
Dürrenmatt entlarvt in „Justiz“ mit bitterbösem Humor, wie Rachemord zur Antwort auf ein gesellschaftliches System wird, in dem zwar das Gesetz, Gerechtigkeit hingegen keine Rolle spielt. Mit einer umfassenden Frage endet der Roman: „Wer ist der Schuldige? Jener, der die Gesetze erlässt, oder jener, der sie bricht?“ Der Autor erweist sich einmal mehr als gnadenloser Kritiker der Schweiz, ironisch lässt er seinen Ich-Erzähler resümieren: „Die Welt wird entweder untergehen oder verschweizern.“

Frank Castorfs 25-jährige Intendanz an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Berlin hat das deutschsprachige Theater im letzten Vierteljahrhundert fundamental geprägt. In Zürich hat der vielfach ausgezeichnete Regisseur zuletzt „Die fremde Frau und der Mann unter dem Bett“ nach F. M. Dostojewski inszeniert. Im Zuge seiner sechsten Inszenierung am Schauspielhaus wird sich Frank Castorf zum ersten Mal künstlerisch mit dem Autor Friedrich Dürrenmatt auseinandersetzen.

Pfauen

Unterstützt von der Charlotte Kerr Dürrenmatt Stiftung

  • Stadt Zurich
  • Swiss Re
  • Zürcher Kantonalbank
  • Migros