Schauspielhaus Zürich



Hinweg über die Verwundungen des Lebens – über Thomas Jonigk und sein neues Stück „Weiter träumen“

von Herbert Meier / 19. Oktober 2011

Wie Thomas Jonigk brennende Gesellschaftsstoffe in Theater zu transformieren vermag, zeigte im vergangenen Mai in der Box im Schiffbau sein Stück „Täter“, das vom sexuellen Missbrauch handelt. Das Gespielte wird bei ihm zum abgespiegelten Leben, wie man es zu kennen meint. Im Innenraum des Theaters aber wirkt es szenisch entfremdet und erscheint umso eindringlicher. In ihrem Hintergrund verraten die Dialoge, so leicht sie daherkommen, eine tiefe Verletztheit vom Leben selbst, wie es ist und doch anders sein könnte. Das lässt sich auch bei seinem neuen Stück „Weiter träumen“ beobachten. Beim Lesen dieser melancholischen Komödie versuche ich, der Verfahrensweise des Autors auf die Spur zu kommen. Dabei ist mir natürlich bewusst, eines ist der geschriebene Text, ein anderes seine inszenierte Lesart und ein drittes das Erlebnis eines Stückes in den Augen des Zuschauers. Theater ist eine Kunst der wechselnden Anschauungen und Interpretationen.

Thomas Jonigk schreibt seine Stücke in einer Zeit, die man als postdramatisch bezeichnet. Er erzählt nicht Geschichten nach einer klassischen Dramaturgie. Er stellt Augenblicke und Situationen von Figuren dar, in denen Traumata der Gesellschaft erlitten und kritisch befragt werden. In seinem Libretto „Der Sandmann“ (nach E.T.A. Hoffmann) kann man Themen zum Stück „Weiter träumen“ entdecken. Es sind dies die sexualisierten Beziehungen der heutigen Gesellschaft, die Kälte in der menschlichen Welt, die „atomisierten“ Gefühle. Ein formelhafter Ausdruck aus dem „Sandmann“: „Fatalistisch. Und doch utopisch“ könnte auch die Grundstimmung des neuen Stückes bezeichnen.

In solchen Paradoxien bewegen sich Handlung und Personen. Nicht die Handlung hat ihre Peripetien (etwa im aristotelischen Sinne von „Umschwüngen der Glücksumstände in ihr Gegenteil“), sondern die Figuren. Nicht deren Handlungen, sondern ihre inneren Wünsche und Abgründe werden zu Szenen. Das Ausgedachte und Erträumte selbst ist der Grundimpuls ihres Daseins. Sie sind unmittelbar ihren Traumata und Sehnsüchten ausgeliefert und fallen von einem Verhalten ins andere, von Aggression in Freundlichkeit, von heftigen Hassausbrüchen in Umarmungen, von Gleichgültigkeit in Leidenschaft, von Nüchternheit in Emphase. Sie sind „atomisiert“, im innersten Kern gespalten, nicht nur in ihren Gefühlen, auch in ihrem Denken und Verhalten zum anderen. Die Situationen folgen sich sprunghaft, unerwartet und überraschend als ein szenisches Puzzle. Das Ganze findet nicht als geschlossenes Drama statt, vielmehr in oft rasch vorüberziehenden Minidramen. Es hinterlässt indessen ein Grundgefühl von Mitleiden und Befreiung und bewirkt so eine kritische Katharsis. Es möchte die Gesellschaft trotz allem Unabwendbaren nicht in ihren traumatischen Fatalitäten belassen. Immer wieder blitzen neue, wenn auch utopische Hoffnungen auf. Das bedeutet, wer weiter(hin) über die Verwundungen des Lebens hinwegträumt, kann es ertragen.



„Weiter träumen“ spielt in einem Krankenhaus. Doch will es keine Spitalrealität auf der Bühne. Was im leeren Raum steht, ist ein Weihnachtsbaum. Er weist auf die Zeit hin, wo es in Krankenhäusern einsam wird. Das Ganze spielt auf der Intensivstation, vor „Zimmer 114“, in dem der Diplomat Bockmann im Koma liegt. Er ist der kaum sichtbare Protagonist. Um ihn dreht sich buchstäblich alles. Seine Frau Silvia hofft, nach einer über 40 Jahre geführten Ehe, er erwache als ein anderer, als der, der er zeitlebens war. Durch sie und die andern Personen: eine Krankenschwester, ein Arzt, Tochter Hildegard, Hans und die Anwältin Ursula werden die Lebensverhältnisse rund um Bockmann aufgedeckt und entlarvt.

Eine erste expositionelle Szene deutet schon Jonigks Verfahrensweise beim Stückeschreiben an. Nach zwei, drei kaltschnäuzigen Repliken gibt Ursula sich als die Retterin des Verunfallten zu erkennen. Woraufhin die Stimmung in eine angestrengte Freundlichkeit umschlägt. Man isst Kekse und unterhält sich: Frauen unter sich. Dann einer der anklagenden Ausbrüche, wie sie Jonigks Figuren oft haben: Ursula ereifert sich, in scheinbar unsinniger Weise, plötzlich über die Übergewichtigen und Fettleibigen in den USA. Solche Ausbrüche können seelische Verwundungen tarnen, die nach und nach in der fortschreitenden Entwicklung einer Person ans Licht kommen. Es folgt dann, wie an anderen Stellen auch, einer jener Momente, wo ein Wort mitten in ein unversehenes Schweigen fällt. „Ursula versinkt in Gedanken. Silvia schüttelt traurig den Kopf“, lautet die Regieanweisung. Dann: „SILVIA (für sich) Das Leben.“ – „URSULA (aufschreckend) Wo?“

Silvia, die ein Wohlstandsleben führte, wird von den Geliebten ihres Mannes verhöhnt als eine „unten rum versteinerte“ Frau. Und wieder folgt mitten im aggressiven Streit durch ein einziges Wort („Haben Sie gar keine Achtung vor sich selbst?“) ein perplexer Umschwung: „Eine Attacke von Nachdenklichkeit.“ Dann: „Schweigen.“

In solchen Momenten wird eine für Jonigks Theater typische Hintergrundstimmung spürbar: Liebe und Selbstachtung wären doch das Bessere als purer Sex und Aggression. Indessen sexualisiert sich die Gesellschaft zusehends, Einsamkeit und Selbstentfremdung greifen um sich, Zustände, an denen die Menschen im Grunde leiden. Sie schwimmen im Leeren ihrer Verhältnisse und wissen im Innersten doch um jenes andere, das sie ersehnen. Im Ausdenken und Träumen wird es flüchtig Gegenwart. Über dem Ganzen schwebt bei aller komödienhaften Leichtigkeit der Dialoge und Einfälle eine Melancholie.

Das Wort „Liebe“ ist längst zum gesellschaftlichen Tabu geworden. Die Vokabel „Sex“ hat es verdrängt, als könnte Sexualität die Liebe ersetzen. Sex ist das Abenteuer, nicht mehr die dauerhafte Liebe. Und doch scheint die Liebe mitten in der sexualisierten Gesellschaft so etwas wie eine höhere Traumexistenz zu führen. Sie produziert in den Menschen Imaginationen, in denen sie gleichsam Leben annimmt und doch als das Ungreifbare erfahren wird.

Silvia kann ein Wort wie „Liebe“ nicht mehr hören. Die enttäuschende Beziehung ihres Lebens hat es in ihr abgetötet, obschon es das nennt, was sie sich im Innersten noch jetzt in ihren späteren Jahren erwünscht. Die Begegnung mit einem jungenhaften Mann namens Hans erweckt in ihr eine neue Liebesempfindung.

Hans ist die heitere Person in „Weiter träumen“. Auch er trägt wie andere Figuren ein Gegengesicht. Seine Heiterkeit ist die Maske eines Selbstmordversuchs, dem er entgangen ist. Nun kommt er mit der Leichtigkeit eines Harlekins daher und bezaubert Silvia. Allein schon zu reden mit ihr findet er erotisch. Als einziger in diesem Stück spricht er die Worte „Liebe“ und „lieben“ aus, auch wenn er weiss, wie abgenutzt sie sind. Er erklärt Silvia seine Liebe und beschenkt sie. Er versetzt sie in ihre jungen Jahre, in denen sie Balletttänzerin war. Endlich erlebt sie in einem selbstvergessenen Tanz wieder so etwas wie Liebesbegeisterung.

Doch die Ernüchterung folgt auf dem Fuss. Ihr Mann erwacht aus dem Koma und zeigt sich als der Gleiche, der er schon immer war.

Silvia findet indessen in Hans eine neue Liebe, oder schwebt diese Liebe am Ende doch im Irrealen? Das Stück endet in einem lyrischen Akkord, in dem atmosphärisch noch einmal seine Grundstimmung aufklingt: ein Schweben zwischen Realität und Imagination, zwischen „Aufwachen“ und „Weiter träumen“, wie es, nach einem Wort Thomas Jonigks, der „Ungreifbarkeit der Liebe“ entspricht.


Herbert Meier lebt als Autor und Übersetzer in Zürich. Von 1977 bis 1982 war er Chefdramaturg am Schauspielhaus Zürich. 2009 wurde Paul Claudels „Der Tausch“ in seiner Neuübertragung in der Box gespielt. Jüngste Publikation: „Das Erhoffte will seine Zeit – Gedichte und Prosa“ (Johannes Verlag, Freiburg 2010).

Partner des Schauspielhauses Zürich

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