Schauspielhaus Zürich



Mörderisches Zürich #3: Kann aufgelöst werden

von Lukas Bärfuss / 10. Oktober 2011

Vom Theater bleibt nichts übrig. Nichts, was man anfassen könnte. Als am 2. Oktober die letzten Besucher die Stadtinstallation „Alles muss weg!“ in der Schiffbauhalle verlassen und der Abbau begonnen hatte, erinnerte schon am Tag darauf wenig an die neun Tage urbanen Ausverkaufs. Wehklagen wird nicht helfen: Auch diese Produktion ist den Weg aller Theaterproduktionen gegangen. Sie ist „abgespielt“, wie es im Jargon heisst. Der künstlerische Betriebsdirektor hat den „Auflöser“ an alle Abteilungen geschickt. Gut sichtbar hängt dieser Exekutionsbefehl am Schwarzen Brett. „Die Produktion ist bedauerlicherweise abgespielt. Sie kann aufgelöst und die Ausstattung verwertet werden.“ Und das heisst: Was keine Aussicht auf Wiederverwendung hat, landet im Sperrgut und wird vernichtet, die Kostüme werden eingemottet, die Plakate abgehängt.

Die Menschen am Theater sind an die Vorläufigkeit ihrer Arbeit gewöhnt, aber gewöhnen kann man sich nicht daran. Man lebt mit einer Kunst, von der kein materielles Zeugnis bleibt und die ausschliesslich in der Erinnerung jener fortdauert, die sie erlebten – ob hinter, vor oder auf der Bühne.

Während seiner kurzen Existenz ist das Theater einem beständigen Wandel unterworfen. Und dieser vollzieht sich für die Beteiligten oft ungleichzeitig. An der Leseprobe, wenn für die Schauspieler die eigentliche Arbeit beginnt, legt der Autor sein Werk endgültig in fremde Hände und sagt Adieu. Und für die Zuschauer und die Schauspieler ist die Premiere der Anfang ihres Zusammentreffens, doch für den Regisseur ist es das Ende seiner Arbeit. Für ihn gibt es nichts mehr zu tun; erwartet wird nur noch seine Abreise. Theatermenschen sind Experten im Abschiednehmen.

Deshalb war der Titel der Stadtinstallation „Alles muss weg!“ im Schiffbau auch ein wenig das geheime Motto der Theaterarbeit. Der Umgang mit dem Ephemeren, mit der Tatsache, dass nichts lange währt, belebt. Gewohnheiten können sich nicht einspielen, aus jeder Routine wird man bald gerissen. Aber das Gegenteil trifft auch zu. Gerade, wenn man es sich gemütlich gemacht hat und angekommen ist, wird die Behaglichkeit zerstört. Das ist oft unangenehm und manchmal grausam. Aber es ist unvermeidlich, weil das Theater hier nur einem Lebensprinzip folgt. Fausts Todeswort „Oh, Augenblick verweile doch, du bist so schön!“ beendet nicht nur sein Leben, sondern auch den Theaterabend.

Wandel vernichtet und erzeugt. Man kann das in Zürich zur Zeit deutlich sehen. Wohnblöcke, Fabriken, Kneipen. Städte verschwinden und entstehen neu. Die in Stein gehauene Wirklichkeit muss dem erst Gedachten weichen. Wo jemand seine ersten Jahre verbrachte, entsteht einem Kind eine neue Heimat.

Es gibt nur die Erinnerung, die uns mit dem Vergangenen verbindet. Nur sie ist dem Lauf der Zeit enthoben. Die Geschichten, die wir uns erzählen, in Romanen, Filmen und Theaterstücken, sind Zeitmaschinen. Die Welt Goethes und Shakespeares wird durch die Lektüre zu unserer Gegenwart.

Wenn die Menschen den Wandel gestalten wollen, nach ihren Wünschen, nach ihren Träumen, dann müssen sie einen Zugang zu ihrer Erinnerung finden. Nur dann können sie wissen, was schlecht und was gut war an der alten Zeit. Erst dann kann man sich fragen, wie man die Rückkehr des einen verhindert und des andern befördert.

Vielleicht, so meinte einmal der Schriftsteller Gerhard Meier, vielleicht leben wir nur, um uns zu erinnern. Erst wer erzählt, sich und anderen, wie es früher gewesen und warum die Welt von heute so ist, wie sie ist, kann vergleichen. Und nur wer vergleichen kann, kann sich ein Urteil bilden. Darüber, was einfach nur neu ist – und was von diesem Neuen lebenswert. Theater ist eine Erinnerung, die uns die Gegenwart erklärt.

Partner des Schauspielhauses Zürich

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